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Weltkulturerbe
Der Kaiser, das Gold und die geheimnisvolle Ada: Antrag für das Trierer Evangeliar bei der Unesco läuft

Trier. Ein Buch mit flüssigem Gold geschrieben, zu kostbar, um es im Keller zu verstecken, zu sensibel um die Seiten umzublättern, von einer unbekannten Frau in Auftrag gegeben: das Ada-Evangeliar der Stadtbibliothek Weberbach. Das 1200 Jahre alte Werk vom Hof Karls des Großen könnte ein neues Stück in der Liste von Triers (Welt-)Erbstücken werden. Stefanie Braun

Er trägt die grüne Kiste lässig unterm Arm. Sie sei schon schwer, gibt Hausmeister René Bittner zu. Über fünf Kilo wiegt allein ihr Inhalt, 1200 Jahre ist der alt und von unschätzbarem Wert. Ein Schatz eben, deswegen kommt er heute auch in die Schatzkammer.

Einmal geprobt hätten sie schon, sagt Michael Embach, Leiter der Stadtbibliothek Weberbach, der im Dämmerlicht der Kammer steht und wartet. Daher sei der Puls heute beim eigentlichen Umzug aus dem Tresor auch verhältnismäßig ruhig. Trotzdem muss alles genau vorbereitet sein. In der Kammer liegen schon Filz, Schere und ein kleines durchsichtiges Podest auf einer Sitzbank bereit, das Licht wird nur für kurze Zeit hochgedreht. Lange genug, um arbeiten zu können, kurz genug, um die anderen Schätze nicht zu gefährden. Mit einem Luxometer, einem Lichtmesser, muss später noch geprüft werden, ob der neue Platz des wertvollen Stückes nicht zu hell ist. "Das Lichtverhältnis ist festgeschrieben und darf maximal bei 50 Prozent liegen", erklärt Embach. Das heißt: wieder Dämmerlicht.

Bittner öffnet die grüne Kiste, und ein weißgrauer Umschlag kommt zum Vorschein, dahinter eine Handbreit dick vergilbte Seiten. Das Innenleben eines Buches; sein Einband aus Holz, der mit vergoldetem Kupfer und bunten Steinen verziert ist, steht bereits im Schaukasten. Bittner platziert die Seiten auf der durchsichtigen Buchstütze. Embach kniet sich davor und blättert sie vorsichtig um. So lange, bis er das Abbild des Evangelisten Markus und die erste Seite von dessen Bibelversion gefunden hat. Das Neonröhrenlicht im Ausstellungsraum der Stadtbibliothek, kurz Schatzkammer genannt, bricht sich an der Handschrift, die mit flüssigem Gold geschrieben wurde: Es ist das Ada-Evangeliar. Gestiftet für das Trierer Kloster St. Maximin um das Jahr 800 herum, von einer Frau namens Ada, die am Hofe Karls des Großen lebte.

Karl war ein Kaiser, der sein Reich reformieren wollte, mit einem einheitlichen Rechtssystem, einheitlicher Schrift und einheitlicher Bibelausgabe. Der mit weiter entfernten Klöstern und Abteien Bündnisse einging, damit die seine Gesetze beim Volk vor Ort vertraten. Und hier kommt wieder Ada ins Spiel. Sie gab das Buch im Jahr 795 in Auftrag, mit dem Ziel, es dem Trierer Kloster St. Maximin zu schenken. Eine große und eine politische Geste.

"Es war die Zeit, in der Äbte auch ein weltliches Herrschaftsrecht ausübten", erklärt Michael Embach. In Trier sei dies das Kloster St. Maximin gewesen. "Das war eine mächtige Institution, und der Kaiser versuchte hier eine Art Stützpunkt aufzubauen, der seine Politik stabilisiert." Warum der Kaiser die goldene Bibelausgabe nicht selbst gestiftet hat, bleibt ein geschichtliches Geheimnis. Auch wer Ada wirklich war und in welcher Beziehung sie zu dem Kaiser stand, wollen die Quellen nicht preisgeben. Im Buch selbst wird sie mit dem lateinischen Begriff ‚soror' bezeichnet, was Schwester heißen kann, aber auch Vertraute. Karls Biografen kennen auf jeden Fall nur eine Schwester namens Gisela.
Wer sie war, diese Ada? Man weiß es nicht. Ihr Name ist belegt, es gab ihn vier- bis fünfmal am Hof des Kaisers. In ihrer Widmung im Buch wird sie zwar als "Schwester" benannt, aber auch als "Magd Gottes". Das deute auf eine Funktion als Geistliche hin, meint Embach. Er hat lange daran zu knabbern gehabt, dass man nicht mehr herausfinden konnte über diese Frau.

Embach und Bittner betten das aufgeschlagene Buch vorsichtig auf Filzstückchen, mit chirurgischer Präzision hantiert Bittner mit einer Schere zwischen Seiten und Filz. Es soll ja auch schön aussehen, wenn sie das Stück dem Publikum zum ersten Mal im Rahmen der Trierer Museumsnacht präsentieren.

Etwas woran sie sich erst mal gewöhnen müssen. "Wir haben einen Antrag bei der Unesco laufen, um das Buch in die Liste der Weltdokumenteerbe eintragen zu lassen", sagt Embach. Bedingungen zur Aufnahme: Die Öffentlichkeit muss Zugang zu dem Werk bekommen können. Außerdem müsse es ein Alleinstellungsmerkmal haben. Darum macht sich Embach keine Sorgen: "Das Ada-Evangeliar ist die Leithandschrift am Hofe Karls des Großen geworden. Alle späteren Werke waren ihr nachempfunden", sagt Embach und erklärt weiter: "Das Besondere ist, dass man hier ein neues, weltliches Kunstverständnis sieht, man bekommt Einblick in den Stand der Kunst und Kultur am Kaiserhof um das Jahr 800."

Der permanente Zugang zur Öffentlichkeit, das Zurschaustellen, bereitet ihm eher Bauchschmerzen. Das Buch befindet sich in keinem guten Zustand: "Es wird vermutet, dass in St. Maximin mal Pilzbefall war." Zu hohe Feuchtigkeit hat dem Buch geschadet, hinzu kommt das Eigengewicht der Seiten. Gold wiegt schwerer als Tinte. Vom Umblättern ist der Einband rissig geworden. Mönche haben bereits einmal versucht, die Seiten zu stabilisieren. Gut gemeint, aber nicht gut gemacht. Die neuen Verstärkungen am Papier sind alt, trocken und brüchig. Lauter Sollbruchstellen, die bei jedem Umblättern reißen können. Experten der renommierten Restaurationswerkstatt der Bayerischen Staatsbibliothek haben entwarnt, es darf trotzdem gezeigt werden, einmal von der Trierer Museumsnacht bis zum 3. November und dann noch einmal im Kontext der Unesco Weltkulturerbewoche.

Nun steht es erstmal in der Vitrine, Hausmeister Bittner dreht das Licht noch etwas runter, Embach strahlt vor Freude, er ist erleichtert. Buch und Einband stehen gemeinsam im gläsernen Museumskasten. Direkt daneben der Codex Egberti, der im Frühjahr 2004 in die Liste der Weltdokumentenerbe eingetragen worden war. Vielleicht muss er sich seinen Platz in der Liste der Weltdokumentenerbestücke irgendwann mit der zweiten Handschrift aus Trier, eben dem Ada-Evangeliar, teilen.

Bald wird dies jedoch nicht geschehen. Der Erstantrag ist raus, geht dieser durch, muss ein zweiter folgen, 15 Seiten lang in englischer Sprache, der von internationalen Gremien geprüft wird. Dabei müsse man auch stets damit rechnen, dass der Antrag abgelehnt werden. Die Konkurrenzsituation mit anderen bedeutenden Schriften sei hart, sagt Embach. Dennoch wurden er und sein Team vom Unesco-Büro ermutigt, es zu versuchen. Embach rechnet mit einer endgültigen Antwort im Jahr 2019. Dann könnte Trier um einen Schatz reicher sein. Extra

Das Ada-Evangeliar ist kein fester Teil der Ausstellung in der Schatzkammer der Stadtbibliothek. Sie ist noch einmal im Laufe der Unesco-Weltkulturerbewoche zu sehen, die von Montag, 28. November, bis Samstag, 3. Dezember, läuft. Danach wird das Ada-Evangeliar bis zur Auswertung des laufenden Antrags zur Aufnahme in die Liste der Weltdokumentenerbe wieder im Safe der Stadtbibliothek verschwinden. Sollte der Antrag bewilligt werden, wird das Evangeliar ein paar Wochen im Jahr zu sehen sein. Ein Teil der Dauerausstellung wird das empfindliche Stück nie werden. Eventuell soll eine digitale Aufarbeitung dauerhaft zu sehen sein. sbraExtra

Der Codex Egberti ist seit November 2014 Teil der Ausstellung der Schatzkammer der Weberbach Stadtbibliothek. Er stellt den ersten Bildzyklus zum Leben Jesu in einem derart umfangreichen Buch dar. Erstmalig, so Embach, seien die Bilder nicht nur plakative Darstellungen von Szenen aus der Bibel, sondern zudem intellektuelle Interpretationen dieser. So werde beispielsweise die Figur der Ehebrecherin, die gesteinigt werden soll, zu einer Symbolfigur für den bußfertigen Menschen. Das Werk ist arbeitsteilig entstanden, Schreiber und Maler arbeiteten unter einem Projektleiter. Die Schriftstücke stammen dabei wahrscheinlich aus Trier, die Bilder von hochrangigen Künstlern des 10. Jahrhunderts, verortet auf der Insel Reichenau. Auch hier deutet einiges darauf hin, dass Teile einen Trierer Ursprung haben. Der eigentliche Entstehungsprozess liegt jedoch im Dunkeln. sbra

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