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Ein unerwartet schneller Abschied

Ein unerwartet schneller Abschied

Nach nicht einmal anderthalb Jahren ist das Ende der Intendanz von Karl Sibelius gekommen. Der Paradiesvogel wird Trier mit gebrochenen Flügeln, aber auch mit 300 000 Euro Abfindung verlassen. Denn alleine ist er nicht für das Finanzdebakel verantwortlich.

Trier. Es ist eine Nachricht, die überrascht, weil sie so unerwartet schnell kam: Die Stadt zahlt Karl Sibelius 300 000 Euro, damit er seinen bis 2020 laufenden Vertrag als Intendant des Trierer Theaters vorzeitig auflöst. Schon am 30. November wird er nicht mehr an der Spitze des Hauses stehen. Diese Nachricht löst aber auch - das zeigt ein Blick auf die Facebookseite des Volksfreunds - zahlreiche Emotionen aus: Der eine bezeichnet die Einigung als ein "Ende mit Schrecken" - was impliziert, dass es auch einen Schrecken ohne Ende hätte geben können. In der Tat wäre es ohne den Vergleich wohl zu einem langwierigen Rechtsstreit zwischen Trier und dem Intendanten gekommen. Andere TV-Leser schimpfen auf Stadtrat und Verwaltung: Veranstaltungen wie "Brot und Spiele" seien aus Geldmangel gestrichen worden und nun bekomme Sibelius derart viel Geld für die Schulden, die er gemacht habe. Weitere verweisen darauf, wie lange andere Menschen für so viel Geld arbeiten müssten, oder sie reagieren mit Sarkasmus: "Ich kann das Theater auch ruinieren! Ich will auch 300 000! Ich ruiniere es sogar noch besser!", schreibt eine Triererin. Von Anfang an zu viele Aufgaben

Hinter der hohen Abfindung verbirgt sich jedoch, dass die Stadt keine juristischen Gründe finden konnte, Sibelius zu entlassen. Zu groß ist die Verantwortung, die die Verwaltung selbst an dem Finanzdebakel des Theaters trägt, das dieses Jahr 2,3 Millionen Euro Verlust macht. Das zeigt auch der dem TV vorliegende Rechnungsprüfungsbericht. Zwar bescheinigt dieser Sibelius mangelnde Führungsqualität, eine Spielplangestaltung, die die Kosten in die Höhe trieb und ein vollständiges Versäumen der Finanzkontrolle. Allerdings werfen die Verfasser auch die Frage auf, ob Sibelius nicht zum Scheitern verurteilt war, da man ihm derart viele Aufgaben übertrug: Verantwortung für Kunst und Finanzen, die Überführung des Hauses in eine neue Rechtsform plus die Begleitung von Theaterneubau oder -sanierung. Sibelius' Vorgänger war nur für die Kunst zuständig. Und so wirft der Bericht die Frage auf: "Wäre da nicht von vorneherein ein Controlling des Dezernats erforderlich gewesen?" Dieses Controlling hat auch nicht ausreichend stattgefunden, als dies längst Aufgabe des Kulturdezernenten gewesen wäre. Hinzu kommen strukturelle Probleme, die seit Jahren bestanden: So vergaben unbefugte Theatermitarbeiter Aufträge über Zigtausende Euro, ohne Vergleichsangebote einzuholen, es fehlten Arbeitsplatzbeschreibungen und klare Verfahrensabläufe.Sibelius' Anwalt Andreas Ammer erklärt, er werde nun mit der Stadt die Details einer Vertragsaufhebung beraten. Sein Mandant wünsche dem Haus das Beste. In den vergangenen Wochen habe der Fokus der Betrachtung nicht auf der künstlerischen Entwicklung des Theaters gelegen. Dieses habe überregional Beachtung gefunden, und Sibelius hoffe, dass sich dies fortsetze. Tipp: Gehen Sie ins Theater!

In der Tat richtete sich die Kritik auf die finanziellen Folgen von Sibelius' Handeln. Die Kunst spielt politisch keine Rolle bei der Abkehr von dem Österreicher. Im Gegenteil. Noch am Donnerstag betonten Oberbürgermeister Wolfram Leibe und andere Politiker, welch "richtig gute" Produktionen das Theater aktuell auf die Bühne bringe. Leibe forderte seine 2000 Mitarbeiter auf, andere dazu zu bewegen, wieder ins Theater zu gehen. Mit einem baldigen Neustart hoffen Rat und Verwaltung, das Image des Hauses wieder aufzubessern. Dies sei auch im Hinblick auf die Theater-Sanierung dringend erforderlich. "Der gemeinsame Blick richtet sich nun nach vorne", sagte Leibe im Anschluss an die Einigung. Der neue Verwaltungsdirektor, Sibelius' Stellvertreterin, Operndirektorin Katharina John, und die übrigen Spartenleiter erarbeiten den Spielplan für die kommende Saison. Der aktuelle Spielplan muss ab Januar ausgedünnt werden, um Kosten zu sparen. Meinung

Eine Tragödie mit vielen VerlierernSo hoffnungsvoll hatte alles begonnen. Und hätte man den Intendanten nur mit der Kunst betraut, so hätten sich die Hoffnungen erfüllt. Denn Karl Sibelius hat den frischen Wind gebracht, den die Politik sich erhoffte. Die Kritiken zeigen: An begeistertem Applaus mangelte es nicht, auch wenn er einen Teil des Stammpublikums vergraulte. Doch der Rest ist eine Tragödie. Und am Ende gibt es nur Verlierer. Karl Sibelius und Thomas Egger verlieren ihren Ruf sowie ihre berufliche Zukunft. Daran ändern auch Abfindungen und Gehaltsfortzahlungen nichts. Die Trierer verlieren durch Misswirtschaft und Abfindungen Geld, von dem die Stadt eh viel zu wenig hat. Das Theater verliert durch Negativschlagzeilen Sympathien, und die Mitarbeiter haben eine belastende Phase der Ungewissheit hinter sich. Immerhin ist diese schnell vorbei. Der Stadtrat hat sich erneut zu dem Drei-Spartenhaus bekannt, es fließt frisches Geld aus Mainz, Egger und Sibelius sind bald Geschichte. Nun heißt es nach vorne schauen! k.demos@volksfreund.deExtra

Nach TV-Informationen haben 43 von 48 anwesenden Stadtratsmitgliedern am Donnerstagabend im nicht-öffentlichen Teil der Stadtratssitzung den von der SPD initiierten Abwahlantrag gegen Kulturdezernent Thomas Egger unterzeichnet. Damit ist die benötigte Unterschriftenanzahl von 28 weit überschritten. Die Abwahl soll in einer Sondersitzung des Stadtrats am Montag, 12. Dezember, stattfinden. Zur Abwahl ist eine Zweidrittelmehrheit nötig. Der Dezernent scheidet noch am selben Tag aus dem Amt. Die Stadtratssitzung dürfte die letzte des 46-jährigen Rechtsanwalts gewesen sein. woc