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Einflüsse aus allen vier Himmelsrichtungen

Einflüsse aus allen vier Himmelsrichtungen

Luxemburgs Komponisten beherrschen höchst unterschiedliche Stile perfekt. Das zeigte auch das Porträtkonzert der "Luxembourg Sinfonietta" unter Leitung von Marcel Wengler in der Philharmonie.

Luxemburg. (mö) Marcel Wengler versteht sich auf wohldosierte Ironie. "Wir Luxemburger haben zwar keinen Mozart und keinen Beethoven, aber dafür einen René Mertzig", sagte der Leiter der "Luxembourg Sinfonietta" vor Beginn eines Konzerts in der Philharmonie, das drei luxemburgische Komponisten aus drei Generationen präsentierte. Wobei sich die vielfach bekannte Tatsache einmal mehr bestätigte, dass Luxemburger gut komponieren, aber von der Etablierung einer nationalen Schule weit entfernt sind. Die meist hochrangige Vielfalt herrscht vor, und sichtlich holen sich die Luxemburger ihre kompositorischen Anregungen aus allen Himmelsrichtungen.Bei René Mertzig (1911-1986) sind es vor allem Debussy und Ravel, versetzt mit einem Schuss Strawinsky und garniert mit einer Prise Richard Strauss. Wobei sich das im Klaviertrio Nr. 2 aus dem Jahr 1955 mangels kompetenter Ausführung nur bruchstücksweise erschloss. "La cité éblouissante" ("Die prachtvolle Stadt") für Flöte, Klarinette, Bassklarinette, zwei Trompeten (!), Violine, Viola und Cello entfaltete dagegen einen sorgfältig ausgehörten, perfekt ausbalancierten Klangglanz.

Im Übrigen präsentierten sich mit Camille Kerger und Marcel Reuter zwei lebende Zeitgenossen, die selbstverständlich anwesend waren.

Marcel Reuters introvertierter Stil lebt von der Verbindung kreiselnder, immer wieder erneut ansetzender Motive mit einer langsamen, aber stetigen harmonischen Entwicklung. Der Komponist baut damit in seinen meist kurzen Sätzen eine faszinierende sachte Spannung auf. In der uraufgeführten Komposition "She dwelt so close II" verbinden sich das vorzügliche Kammerensemble und die Sopranklänge von Mariette Lenz überdies zu subtilem Farbenreichtum. Camille Kerger, unter den luxemburgischen Komponisten längst eine feste Größe, lieferte drei überzeugende Proben seiner umfassenden und emotionsstarken Schreibweise und entwickelt in "Ruth" (nach der jüdischen Schriftstellerin Ruth Weiss) aus sachten Anfängen Höhepunkte von einer fast apokalyptischen Dramatik - die traumatische Verzweiflung einer Frau, deren Familie im Holocaust unterging. hpl/dr