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Erst überlegen, dann denken

Erst überlegen, dann denken

Heinz Becker denkt, dass er denkt - und rund 750 Zuschauer in der Europahalle haben sich vor Lachen gekringelt über den intellektuell völlig überforderten Bexbacher, dem kein Thema zu sperrig ist, um nicht daran zu scheitern.

Trier. "Mit so Äußerunge\' muss\' de heude aufpasse." So viel, immerhin, hat Heinz Becker schon mal mitbekommen. Allein, es nutzt ja nichts, wenn er sich dann nicht an sein eigenes Motto hält: "Erst überlegen, dann denken." In beidem versucht sich der von Gerd Dudenhöffer verkörperte Bexbacher, um an jedem Inhalt und an jedem Fremdwort grandios zu scheitern - sehr zum Vergnügen der rund 750 Zuschauer, die in der damit fast ausverkauften Europahalle das 14. Bühnenprogramm "Sackgasse" mit unzählbaren Lachsalven begleiten.
Dabei werden wieder besonders eigenartige Haken durch die große weite Welt geschlagen - die der überzeugte Kappenträger mühelos angestrengt in eine kleine, enge Welt verwandelt. Ging es eben noch um Kochsendungen im Fernsehen ("Ich setz mich ja auch nicht in die Küche vor den Ofen zum Fernsehen!"), wird da völlig unvermittelt der Holocaust zum Thema. Dass es Leute gebe, die den leugnen, zeige ja wohl, dass bei denen "die Realität nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat". Schön, dass Heinz das verstanden hat. Dumm nur, dass sich diese Erkenntnis aus der Tatsache speist, dass "die Juden den Holocaust ja auch nicht leugnen".
Und während man sich kopfschüttelnd fragt, ob nicht schon das Spielen von so viel Dummheit wehtun muss, wendet sich Heinz wieder harmloseren Themen zu: Der FDP etwa, die weniger Prozente habe als ein dünner Riesling ("So was wird bei uns weggeschüttet") oder dem Schicksal von eineiigen Zwillingen: "Naja, andere leben mit nur einer Niere." Und andere wieder ohne Gehirn, dafür aber mit krankhaft erhobenem Zeigefinger.
Dass die erwähnten Haken nicht immer kunstvoll, sondern eher aus der Not geboren scheinen, zwei Stunden Programm zu füllen, scheint das Publikum nicht zu stören: Auch klamaukige Kalauer ("Herr Doktor, ich habe Herzrasen." - "Ich habe Kunstrasen.") werden genauso gefeiert wie die Teile, die tatsächlich dem Kabarett zuzuordnen sind, als dessen Vertreter Dudenhöffer sich sieht.
Die bestehen vor allem darin, dass das Unverständnis des verklemmten Erzspießers für die modernen Zeiten in bitterbösem, reaktionärem Chauvinismus mündet: Ob "Neger" jetzt allen Ernstes Wolfgang heißen können oder aufgrund von "Volkswanderungen" durch den "Klimawechsel" unsere Breiten zum "Schmilztegel" werden: Das alles macht ihm zu schaffen und spätestens auf sein Grab wünscht sich Heinz "\'ne dicke Platt\' - dann krieg ich nix mehr mit." Als ob das nicht jetzt schon so wäre. "Ma\' lacht, aber es is\' viel Wahres dran", sagt Heinz. Das mag auf die Kunstfigur zutreffen, leider. Nicht aber auf das, was diese so absondert.
Die Zugabe, eine besonders fiese, parallele Erzählung zweier "Katastrophen", demonstriert Beckers völlige Gefühllosigkeit: Dass ein Hemd durch Nudelsoße beschmutzt wird und ein junger Mensch bei einem Motorradunfall stirbt, hat für ihn in etwa das gleiche Gewicht - wobei, für das Letztere sind ja vielleicht sogar Punkte zu befürchten.