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Feuer unterm Theaterdach

Feuer unterm Theaterdach

Heute Abend fällt die Vorentscheidung, ob das Trierer Theater in Zukunft von einer Doppelspitze geleitet wird. Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) räumt unterdessen gegenüber dem TV klare Fehler ein - bei sich selbst, in seinem Dezernat und generell im System.

Trier. "Es ist für mich keine leichte Situation", sagt Thomas Egger. Triers Kulturdezernent wirkt angespannt. Zum ersten Mal stellt sich der Sozialdemokrat den vielen offen Fragen zur Theaterkrise und den Budgetüberschreitungen in Millionenhöhe (der TV berichtete).

Die Ausgangslage: Das Budget des Theaters Trier wurde in den Jahren 2015 und 2016 mit jeweils 1,3 Millionen Euro überzogen. Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) will dem Intendanten Karl Sibelius die kaufmännische Leitung entziehen und diese auf einen Verwaltungsdirektor übertragen, der das Theater in Zukunft gleichberechtigt mit dem Intendanten in Form einer Doppelspitze führen soll. Heute Abend wird der Kulturausschuss darüber abstimmen. Dieser Beschluss landet als Empfehlung auf der Tagesordnung des Trierer Stadtrats, der das letzte Wort hat.

Der Fehler im System: Thomas Egger spricht von einem grundsätzlichen "Systemfehler in der Haushaltssteuerung", der erst jetzt in voller Konsequenz durchschlägt. "Es gibt keinen automatischen Abgleich zwischen dem Ausgabenbudget und den geplanten Einnahmen."
Das heißt: Die Summen, die im Haushalt ausgegeben werden, beruhen auf prognostizierten Einnahmen, die noch gar nicht da sind, und dem städtischen Eigenanteil. Wenn die Einnahmen dann nicht in der erwarteten Höhe fließen, existiert keine automatische technische Hürde, die die Ausgaben begrenzt. "Dadurch ist eine Gegensteuerung schwierig, und es droht ein Minus."

Die Auswirkungen des Fehlers: Egger nennt das Theaterbudget 2015 als Beispiel. Dessen Überziehung von 1,3 Millionen Euro setze sich zusammen aus 600 000 Euro an zu hohen Ausgaben, 400 000 Euro an Einnahmeausfällen und einer "Zweckentfremdung" von 300 000 Euro, die für die Machbarkeitsstudie zur Theatersanierung vorgesehen waren, dann aber für das Budget abgerufen wurden.

Die Überraschung: Oberbürgermeister Wolfram Leibe hat deutlich gesagt, er sei von den Budgetüberschreitungen im Theater völlig überrascht worden. "Das war ich ehrlich gesagt auch", sagt Dezernent Egger. Aber er räumt ein: "Hier sind Fehler gemacht worden, auch von mir. Sowohl das Controlling im Theater als auch im Dezernat selbst haben versagt."

Das Zeitproblem: Bis der Haushaltssachbearbeiter im Theater und auch der Controller im Dezernat Egger einen realistischen Überblick über den gesamten Leistungsbereich Kultur haben, ist das Haushaltsjahr abgeschlossen. "Das macht die Sache so schwierig", sagt Egger. "Ich kann diesen gesamten Bereich auch gar nicht wirklich steuern, weil er auch von vielen Faktoren außerhalb meines Einflussbereichs beeinflusst wird." Deshalb gebe es auch keine rechtzeitige Warnung, wenn ein unerwartetes Minus droht.

Die Verantwortung: Nach Ansicht von Thomas Egger ist völlig klar, wer eine Eskalation wie die aktuelle verhindern kann und muss. "Die wichtigste Haushaltskontrolle findet deshalb in den Ämtern selbst statt." Dieses Argument führt zum Intendanten Karl Sibelius, der formal gesehen ein Amtsleiter ist.

Das Theater: "An diesem Punkt hat das Controlling im Theater nicht funktioniert", sagt Egger. Das Problem sei erkannt, eine "Controllerin und eine reine Buchhaltungskraft" seien eingesetzt worden.

Die Eskalation: Der Dezernent hat eine Erklärung für die aktuelle Situation: "Es konnte so weit kommen, weil am Theater eine Truppe gearbeitet hat, die alles getan hat, damit der Laden funktioniert. Sie hat dann aber nicht gemerkt oder wenigstens nicht laut genug gesagt, dass er eben so nicht mehr funktioniert." Ein Sachbearbeiter hätte den Intendanten informieren müssen "und der Intendant hätte mich informieren müssen. Das ist zu spät geschehen."

Der Intendant: Karl Sibelius hat am 1. August 2015 die Generalintendanz des Theaters Trier übernommen. Bereits 2014 hat er, quasi von draußen, seinen ersten Spielplan erstellt - in dem Glauben, er habe ein freies Budget von 1,6 Millionen Euro zur Verfügung. Von diesen 1,6 Millionen waren aber nur zu Beginn seiner Amtszeit noch 250 000 Euro übrig. Den Rest hat sein Vorgänger Gerhard Weber verbraucht.
Hat Sibelius das gewusst? "Darüber gibt es unterschiedliche Aussagen", sagt Egger. "Herr Sibelius hat in dem ersten halben Jahr, in dem er da war, wesentlich mehr ausgegeben, als ihm zur Verfügung stand." Die Produktionsplanung und -überwachung des Intendanten erfolgte mittels einer Excel-Tabelle "ohne Anbindung an den realen Haushalt".

Die Vorwürfe: Der TV stellt die Frage, ob es denn angesichts des Fehlers im System korrekt und vertretbar ist, Karl Sibelius als Schuldigen der Budgetüberschreitung hinzustellen und ihn sowohl in seiner Verantwortung als auch in seinem Gehalt zu beschneiden. Thomas Egger: "Herr Sibelius hätte sich stärker in Bezug auf den Haushalt absichern und seine Spielzeitplanung darauf abstellen müssen. Als er merkte, dass es so nicht läuft, war es zu spät, um mit der Verwaltung gegenzusteuern und eine solche Eskalation zu vermeiden."

Was jetzt? Egger: "Wir sind noch nicht so weit in der Aufarbeitung, um zu sagen, was genau falsch gelaufen ist und wer die Schuld trägt."Meinung

Unglaublich!
Kein Mensch hat kontrolliert, ob die im Kulturhaushalt fest verplanten und auch bereits ausgegebenen Einnahmen tatsächlich in der erwarteten Höhe fließen. Eine simple Erwartungshaltung, man könnte es auch Wunschdenken nennen, wurde so zur festen Haushaltsposition. Das Motto: Ich rechne fest mit einer bestimmten Summe und gebe sie auch schon mal aus. Was jedem Privathaushalt und Unternehmen unglaublich erscheinen muss, ist in einem öffentlichen Haushalt weder neu noch selten. Früher, in den Zeiten vor dem kommunalen Entschuldungsfonds, hat die Stadt eine Erhöhung ihres jährlichen Defizits einfach in einem sogenannten Nachtragshaushalt korrigiert. Wenn 50, 60 oder 70 Millionen Euro hinter dem Minus stehen, fallen zwei oder drei mehr kaum noch ins Gewicht. Heute geht das nicht mehr, denn die Regeln sind klar. Wenn Trier die feste Budgetgrenze überschreitet, drohen ein Rauswurf aus dem Fonds und eine Rückzahlung von neun Millionen Euro. Also hilft man sich mit Tricks und Kniffen über die Runden, bis irgendwann nichts mehr geht. So wie jetzt. Das Problem des Trierer Theaters ist wesentlich größer als eine Budgetüberschreitung. Das System braucht eine Reform. Dringend und sofort. j.pistorius@volksfreund.deExtra

Karl Sibelius reagiert nicht auf das Angebot des TV, auf die Darstellung des Kulturdezernenten Thomas Egger zu reagieren und Stellung zu nehmen. Ein Anruf auf dem Handy und eine Nachricht auf seiner Mailbox mit einer kurzen Erklärung der Sachlage bleiben unbeantwortet. Seit die Überschreitung der Theaterbudgets und die geplante Einstellung eines Verwaltungsdirektors öffentlich geworden sind und sehr intensiv diskutiert werden, hat sich der Künstler aus Österreich nur kurz öffentlich geäußert - mit dem Satz: "Ich werde tun, was für das Haus am besten ist." Inoffiziell soll sich Karl Sibelius wesentlich deutlicher geäußert haben. "Wenn die Stadt tatsächlich einen Verwaltungsdirektor einsetzt, dann werde ich gehen." Mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen diese Aussage. Da Sibelius auf ein Gesprächsangebot nicht reagiert, gibt es auch keine Möglichkeit, ihn um Klärung zu bitten. Doch der Kulturdezernent reagiert. "Mir hat er das so nicht gesagt", erklärt Thomas Egger. Die geplante neue Leitung des Theaters in Form einer Doppelspitze habe Egger intensiv mit Sibelius besprochen. "Er hat sich nicht geäußert, ob er diese Lösung akzeptiert. Er hat aber auch nicht gesagt, ich gehe jetzt." Eggers Deutung der Lage: "Herr Sibelius will sich jetzt natürlich juristisch absichern. Er überlegt, ob er einen Änderungsvertrag akzeptieren und generell mit der neuen Situation leben kann. Dafür habe ich vollstes Verständnis." jpExtra

Karl Sibelius reagiert nicht auf das Angebot des TV, auf die Darstellung des Kulturdezernenten Thomas Egger zu reagieren und Stellung zu nehmen. Ein Anruf auf dem Handy und eine Nachricht auf seiner Mailbox mit einer kurzen Erklärung der Sachlage bleiben unbeantwortet. Seit die Überschreitung der Theaterbudgets und die geplante Einstellung eines Verwaltungsdirektors öffentlich geworden sind und sehr intensiv diskutiert werden, hat sich der Künstler aus Österreich nur kurz öffentlich geäußert - mit dem Satz: "Ich werde tun, was für das Haus am besten ist." Inoffiziell soll sich Karl Sibelius wesentlich deutlicher geäußert haben. "Wenn die Stadt tatsächlich einen Verwaltungsdirektor einsetzt, dann werde ich gehen." Mehrere voneinander unabhängige Quellen bestätigen diese Aussage. Da Sibelius auf ein Gesprächsangebot nicht reagiert, gibt es auch keine Möglichkeit, ihn um Klärung zu bitten. Doch der Kulturdezernent reagiert. "Mir hat er das so nicht gesagt", erklärt Thomas Egger. Die geplante neue Leitung des Theaters in Form einer Doppelspitze habe Egger intensiv mit Sibelius besprochen. "Er hat sich nicht geäußert, ob er diese Lösung akzeptiert. Er hat aber auch nicht gesagt, ich gehe jetzt." Eggers Deutung der Lage: "Herr Sibelius will sich jetzt natürlich juristisch absichern. Er überlegt, ob er einen Änderungsvertrag akzeptieren und generell mit der neuen Situation leben kann. Dafür habe ich vollstes Verständnis." jp