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Kein Notausgang im Beziehungskrieg

Kein Notausgang im Beziehungskrieg

Eine Gesellschaftskomödie, ironisch, aber nicht sarkastisch, leicht, aber nicht platt, ehrlich, aber nicht deprimierend: Das liefert Fausto Paravidinos Stück "Exit", dessen deutschsprachige Uraufführung derzeit im Luxemburger Kasemattentheater zu sehen ist - mit Trierer Beteiligung.

Luxemburg. Vor ein paar Jahren galt der Italiener Fausto Paravidino als eines der meistversprechenden Talente seiner Generation. Sein wütendes Doku-Drama "Genua 01" über die skandalösen Begleitumstände einer G8-Konferenz in Genua machte ihn zu einer Art künstlerischem Sprecher der Globalisierungsgegner.
Nach einer Auszeit, die er mit Gastauftritten in Fernsehserien zubrachte, hat der inzwischen 37-Jährige 2012 mit "Exit" ein überraschendes Stück vorgelegt. Überraschend, weil es statt aktueller politischer Agitation um die klassische Konstellation eines Ehepaars in den Fünfzigern geht, das sich trennt, jeweils jüngere Partner sucht, die dann ihrerseits zu einer Art von Paarbeziehung zusammenfinden.
Zwei Männer, zwei Frauen, diverse Möglichkeiten: Das kann man nach "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" und "Der Gott des Gemetzels" nicht direkt innovativ nennen. Und doch findet Paravidino einen schönen, flüssigen Erzählstil, gemischt aus Dialogen und Ansprachen ans Publikum, das augenzwinkernd einbezogen wird. Das erinnert an die Filme von Woody Allen und Eric Rohmer: Eigentlich passiert nicht viel, aber darüber zu reden macht Laune.
Man braucht nicht viel für dieses Stück, nur eine akribische Regie und vier gute Schauspieler. Das zeigt die Produktion im kleinen Kasemattentheater, das den deutschen Bühnen die deutschsprachige Erstaufführung vor der Nase weggeschnappt hat. Das Bühnenbild besteht lediglich aus Zeitungsstapeln, die je nach Bedarf als Wände, Sitzmöbel oder Wurfgeschosse verwendet werden. Die Akteure bewegen sich im Raum, sitzen unter den Zuschauern, kommen per Mofa vor dem Theater an. Regisseur Stefan Maurer nutzt alle Möglichkeiten der Location, freilich bei minimalem Aufwand.
Mehr ist auch gar nicht nötig, um die Kulisse für den Beziehungsreigen zu zeichnen. Den Rest machen Paravidinos präzise Beobachtungsgabe, die witzige Sprache (Übersetzung: Sabine Heymann), Maurers sorgfältige Arrangements und die Spielfreude des Ensembles.
Germain Wagner und Petra Förster zelebrieren fast genussvoll die Hassliebe eines Paares, das nicht mehr miteinander kann, aber auch nicht ohneeinander. Man schafft es nicht mehr, sich über die Gewohnheit hinaus anzunähern. Er, der Politik-Professor, dem die Politik längst zum Hals heraushängt. Sie, die Enttäuschte, die als Erste die Notbremse zieht und sich nach der Trennung erst einmal einen Ratgeber für die erfolgreiche Aufarbeitung erfolgloser Beziehungen zulegt.
Maurer erzählt das episodenhaft, locker, doppelbödig, ohne Angst vor Boulevard, aber auch ohne seine Rollen zu Witzfiguren zu degradieren. Die beiden Jüngeren, die ins Spiel kommen (Marc Limpach und die in Trier aufgewachsene Fabienne Elaine Hollwege), sind zunächst nur Schachfiguren im Spiel der Älteren, aber rasch wird deutlich, dass sie ganz eigene Lebensentwürfe verfolgen. Sie machen ihr Ding, lassen sich nicht als Werkzeug im trickreichen Beziehungskrieg der anderen in Stellung bringen.
Die eineinhalb Stunden der Aufführung vergehen extrem schnell - wohl auch eine Erklärung für die Begeisterung des Publikums, neben dem Wiedererkennungseffekt. Die geplanten sechs Vorstellungen waren im Handumdrehen ausverkauft, für den 31. Januar ist nun eine zusätzliche anberaumt. Am 29. April wird die Produktion im Stadttheater Esch/Alzette zu sehen sein.
Karten für die Zusatzvorstellung gibt es per Mail an
ticket@kasemattentheater.lu
Infos und Anfahrtplan:
www.kasemattentheater.lu