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Weltkulturerbe: Lebendige Geschichte: Der Trierer Dom - ein Paradies für Entdecker

Weltkulturerbe : Lebendige Geschichte: Der Trierer Dom - ein Paradies für Entdecker

Der Trierer Dom - oder offiziell: die Hohe Domkirche St. Peter - ist ein Ort des Gebets. Er ist aber zugleich das wohl spannendste Stück lebendige Geschichte, das Trier zu bieten hat - in seiner über 1700-jährigen Historie hat er immer noch nicht alle Geheimnisse preisgegeben. Einige eher unbekannte Fakten finden Sie im heutigen Teil unserer Serie zu den Welterbestätten in Trier.

Viele haben ihn schon gefunden, den wohl neuesten Schatz, der mit dem Trierer Dom in Verbindung steht. Das lässt sich aus begeistert klingenden Kommentaren im Internet schließen. Aber selbst den größten Dom-Experten ist er fremd, unbekannt, nie gehört davon. Das ist - zugegeben - auch keine Wissenslücke, weil der "Schatz" reichlich profan ist: Es ist ein Geocache, die Belohnung für GPS-Schatzsucher, die in diesem Fall über 14 Stationen durch den Dom geleitet wurden, um dort nach Details zu suchen, mit denen sie die Koordinaten ermitteln können. Etwa: Wie viele Kreuznägel hält die Heilige Helena in ihrer Hand? Das hat mit dem Bistum natürlich überhaupt nichts zu tun. Aber so lange sich die kircheninteressierten Schatzsucher benehmen, wie es in einem Gotteshaus angemessen ist, sollte das Interesse der Schnitzeljäger wohl kein größeres Problem sein. Denn es zeigt schließlich auch, dass der Trierer Dom nicht nur eine lebendige Kirche ist und ein besonderer Ort für gläubige Katholiken, sondern zugleich ein Paradies für kultur- und geschichtsinteressierte Entdecker.
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Markus Groß-Morgen muss kurz überlegen. Der Direktor des Dom- und Diözesanmuseums hat sein Büro direkt gegenüber von Triers größter Kirche. Der Dom ist immer präsent. Aber was das Faszinierendste ist am Bauwerk, dessen Geschichte bis ins frühe vierte Jahrhundert zurückreicht? Da gibt es eine ganze Welt aus Details. Aber für Groß-Morgen, zugleich Kunsthistoriker und Theologe, macht das gewaltige Ganze den Dom aus. "Das Besondere ist die Kontinuität", sagt er. "Es ist einzigartig nördlich der Alpen, dass im Trierer Dom seit dem vierten Jahrhundert bis heute Gottesdienste gefeiert werden."
Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Andere Bischofskirchen mögen wuchtiger sein als der 76 Meter hohe (= Greiffenklau-Turm aus dem 16. Jahrhundert), 41 Meter breite und 112,5 Meter lange Trierer Dom. Wobei - die Maße können sich auch geringfügig ändern: Aktuell wird der Dom im Rahmen eines Forschungsprojekts neu vermessen. Aber in wie vielen Kirchen in Mitteleuropa kann man mit einem Rundumblick fast zwei Jahrtausende Kunstgeschichte erfassen? Die roten Steine des römischen Quadratbaus, der spätromanische Chor, die gotischen Osttürme, die barocke Heilig-Rock-Kapelle, dazu viele kleinere Details aus der jüngsten Vergangenheit wie die Dommäuse oder den Osterleuchter von Ernst Alt. Das ließe sich fast endlos weiterführen. Und es gibt auch für Wissenschaftler viel zu entdecken, heute noch. "Was den Dom für die Forschung besonders interessant macht, ist der Umstand, dass er historische Bausubstanz aus fast jeder Architekturepoche bewahrt hat", sagt Dominik Jelschewski, Bauforscher an der Uni München. Gemeinsam mit der Trierer Kunsthistorikerin Nicole Fleckinger befasst er sich in einem noch laufenden Forschungsprojekt mit dem Dom.
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"Sehen Sie", sagt Groß-Morgen und zeigt Fotos von einer römischen Mauer aus dem 4. Jahrhundert. "Das ist nur ein Beleg dafür, dass es schon zur Römerzeit christliches Leben in Trier gab." Darauf zu sehen sind: Graffiti, nur nicht wie heute gesprüht oder gemalt, sondern graviert. Namen, christliche Symbole, in Stein gemeißelte Bitten an Gott.
Seit etwa 270 nach Christus gibt es eine christliche Gemeinde in Trier. Agritius ist der erste sicher nachweisbare Bischof von Trier, unter ihm entstand die erste große Kirche in Trier. Der älteste Teil des römischen Baus liegt außerhalb des heutigen Doms und der Liebfrauenkirche, "dort, wo heute die Dom-Information ist", sagt Groß-Morgen.
Wer Agritius' Nachfolger waren, das lässt sich leicht im Dom nachlesen - die Namen der Bischöfe sind auf Bronzetafeln verewigt. So wie sich der Dom heute vor allem innen präsentiert, liegt zu einem nicht unerheblichen Teil an der großen Domrenovierung zwischen 1960 und 1974. Jahrelang war der Dom geschlossen. Die aufwendige Renovierung war dringend nötig: Der Dom war aus dem Lot geraten, das ergab eine Vermessung nach der Heilig-Rock-Wallfahrt 1959 - und deren Ergebnis war katastrophal. "Das römische Fundament aus Holzpfählen, das den Dom rund 1700 Jahre lang sicher getragen hatte, war weggefault", schrieb der "Paulinus" 40 Jahre nach Renovierungsabschluss. Damals gab es unter Experten die große Befürchtung, dass der Dom überhaupt nicht mehr zu retten wäre.
Die Renovierung - unter anderem mit der Verlegung des Altars - gilt gemeinhin als guter Kompromiss aus verschiedenen Einflüssen. Heute würde man aber im Detail sicher behutsamer vorgehen. Nicht nur, weil der Dom seit 30 Jahren Weltkulturerbe-Status besitzt und besonders geschützt ist. "Der Dom ist jetzt stabil", sagt Groß-Morgen. "Damals wurden riesige Mengen Beton verarbeitet." Dadurch sei zwangsläufig auch Originalsubstanz zerstört worden. In Zahlen: 766 Tonnen Zement und Trasskalk, dazu 450 Tonnen Stahl sollen damals im Dom verschafft worden sein. Am 1. Mai 1974 wurde der Dom feierlich wiedereröffnet.
Wie damals die Sterne standen, kann man heute noch in der Bischofskirche sehen - man muss nur wissen, wie. Ernst Mettlach, Online-Redakteur beim Bistum Trier, kann das erklären: "Wenn man unten vom Dom durch das Fenster in die Heilig-Rock-Kapelle schaut, sieht man Kristalle. Diese stellen exakt die Sternenkonstellation vom 1. Mai 1974 dar. Also dem Tag, an dem der Dom nach der langen Renovierungszeit wieder eröffnet wurde." Das ist nur eins von etlichen Details, die sich im Dom entdecken lassen.
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12.4.1972, daneben ein Holzbalken und ein loses Seil: Gleich in der Nähe des Eingangs zur Westkrypta verweist eine Gravur im Dom auf einen der traurigsten Tage in der jüngeren Vergangenheit. "Tod beendet jäh die Hochzeitsreise", titelte damals der TV. Was geschehen war? Eine junge Frau aus dem Allgäu, mit ihrem Mann in den Flitterwochen zu Besuch in Trier, war von einem über 20 Kilogramm schweren Kantholz getötet worden. Der Balken hatte sich aus einem Bündel an einem Baukran gelöst, rutschte über das Domdach und erschlug die 30-Jährige wenige Meter vor dem Eingang zur Liebfrauenkirche. 1961 war im Dom zudem ein Gerüstbauer tödlich verunglückt. Auch an ihn erinnert eine Inschrift.

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Faszinierend ist der Dom nicht nur durch das, was öffentlich zugänglich ist. So ist etwa mit der Savigny-Kapelle aus dem Jahr 1481 ein "wunderbarer Raum" (Groß-Morgen) - neben weiteren Räumen wie etwa dem Kapitelsaal - nicht öffentlich zugänglich. Das gilt natürlich auch für Triers berühmteste Reliquie, den Heiligen Rock. In dem Textil sollen sich Fragmente der Tunika Jesu Christi befinden - das ist allerdings umstritten. Unbestritten ist dagegen, dass der Heilige Rock in nächster Zeit nicht mehr zu sehen sein wird. Erst 2012 - und damit 500 Jahre nach der ersten Wallfahrt 1512 - wurde er ausgestellt. Mehr als drei Wallfahrten innerhalb von einem Jahrhundert gab es seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr. Längst nicht so bekannt, aber schon länger in Trier bezeugt als der Heilige Rock, ist eine andere Reliquie, die mit Jesus Christus in Verbindung gebracht wird. Der Heilige Nagel. Also einer der Nägel, mit denen Christus ans Kreuz geschlagen worden sein soll, wird ebenfalls im Dom aufbewahrt. Auch dieser soll - wie der Heilige Rock - von Kaiserin Helena im 4. Jahrhundert an den Dom verschenkt worden sein. Der Heilige Nagel wurde im Andreas-Tragaltar aufbewahrt, wie etwa auch die angebliche Sandale des Apostels Andreas und weitere Petrus-Reliquien. Für Groß-Morgen ist der Andreas-Tragaltar aus dem späten 10. Jahrhundert - auch als Egbert-Schrein bekannt - "ein absolutes Highlight": "Das ist ein Meisterwerk der ottonischen Goldschmiedekunst von europäischem Rang."

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Über einen anderen Raum, den fast niemand je gesehen hat, gibt es keine Literatur, auch Google weiß nichts über seine Existenz, ein Experte bestätigt dem TV aber: Unter einem der hinteren Domtürme liegt ein kleiner Atombunker. Ein Schutzraum, der nie benutzt wurde und der auch nicht für Personen gedacht war - sondern, um im Zweifelsfall den Domschatz in Sicherheit zu bringen. Schließlich wurde der Raum während der großen Dom-Renovierung zwischen 1959 bis 1974 gebaut - im Kalten Krieg. Aus kunsthistorischer Sicht ist das sicher irrelevant, aus religiöser Sicht erst recht. Aber der Dom war und bleibt: ein Bauwerk mit unendlich vielen Geschichten.