reingehört

Schon ertrunken im Tsunami der Weihnachts-CDs, der spätestens seit Adventsbeginn, lieber noch ein paar Wochen früher, durch die einschlägigen Abteilungen von Kaufhäusern, Buchläden und Supermärkten schwappt? Von A bis Z - wie "Alle Jahre wieder" und "Zu Bethlehem geboren" - sind die Feiertagsgesänge millionenfach auf Vinyl gepresst oder Silberlinge gestanzt. Das Gleiche gilt für die Lametta-Evergreens von jenseits des Atlantiks, die, oft im wohlfeilen Zehnerschuber, für entsprechende Stimmung sorgen.

Kein Sänger, keine Sängerin aus USA lässt sich das einträgliche Geschäft mit den Jingle Bells oder dem Christmas Song entgehen. Dafür die Werbetrommel zu rühren wäre also etwa so sinnvoll wie Schnee ins Winterwonderland tragen. Dennoch: Eine Sängerin hat\'s unserer Ansicht nach verdient, dass man sie an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung bringt, zumal sie ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Sehr zu Unrecht, wird jeder sagen, sobald ihre Stimme das weihnachtlich geschmückte Wohnzimmer zum Erbeben bringt: Mahalia Jackson, "die größte Gospelsängerin der Welt", wie Kritiker anlässlich ihrer ersten Europatournee im Jahr 1952 schrieben. In der Tat war ihre Stimme was Wucht, Strahlkraft und Unmittelbarkeit angeht, einmalig; Ähnliches hatte man bis dahin (und auch seitdem) nicht mehr gehört. Jackson, 1911 in New Orleans, mitten ins Herz des Jazz hinein geboren (gestorben ist 1972 in Chicago), wollte nie woanders als in Gotteshäusern singen, und auch als sie später durch die Konzerthallen in aller Welt tourte, bekam ihr Publikum vor allem Gospel-Musik zu hören. Mit ihren Aufnahmen von Weihnachtsliedern ist sie einen Kompromiss zwischen Kommerz und Kirche eingegangen, zu dem sie lange überredet werden musste (unter anderem von ihrem Ehemann, dessen Bemühungen damit endeten, dass sie sich von ihm scheiden ließ). Ihre insgesamt drei "Christmas Albums" sind ihr einziges Zugeständnis an die Populär-Musik, obwohl sie sich auch hier jede Süßlichkeit, mit denen andere Sänger ihre einschlägigen Schallplatten überzuckern, verbietet. Insgesamt 20 Titel sind auf einer neuen CD veröffentlicht worden; die Originale stammen aus den Jahren 1955, 1956 und 1962. Wer sie auflegt, kann sich sicher sein, das stimmgewaltigste Weihnachtsfest aller Zeiten zu erleben. Rainer Nolden Mahalia Jackson, Silent Night. Songs for Christmas. Essential Jazz Classics (EJC 01255653), über in-akustik