Theater Trier: Schlechteste Besucherzahlen aller Zeiten - Eine Bilanz, die niemand präsentieren will

Theater Trier: Schlechteste Besucherzahlen aller Zeiten - Eine Bilanz, die niemand präsentieren will

Saftige Skandale, Standing Ovations, viel Streit und nationale Anerkennung. Spannend war die vergangene Theatersaison zweifellos. Dennoch kamen weniger Menschen denn je. Nächste Saison soll mehr gespielt werden.

Trier. Früher gab es feierliche Pressekonferenzen, wenn das Theater im Herbst seine Saisonbilanz vorlegte. 2011 brach man mit dieser Tradition - was angeblich nichts damit zu tun hatte, dass nur noch 102 500 Besucher kamen. So wenige wie nie zuvor. In den Folgejahren erfuhren Journalisten im Kulturausschuss, welches die Tops und Flops der vorigen Spielzeit waren.

2016 ist nichts dergleichen geplant, obwohl das Interesse an den Zahlen, die die erste Spielzeit von Intendant Karl Sibelius widerspiegeln, groß ist. Das Rathaus hat sie nun denen geschickt, die wochenlang danach fragten. Fertig.
Eines steht fest: Wären es wieder 102 500 Besucher gewesen, hätte man im Theater die Korken knallen lassen. Von der einst niedrigsten Zahl aller Zeiten ist man meilenweit entfernt. Nur noch 79 452 Zuschauer fanden ihren Weg in der Spielzeit 2015/2016 ins Theater. Das sind rund 18 000 oder 19 Prozent weniger als in der letzten Saison unter Gerhard Weber (97 849). Also weit mehr als die fünf Prozent Verlust, die das Haus bei früheren Intendantenwechseln erlitt.

Die Konzerte, die mit mehr als 10 300 Besuchern einen beachtlichen Beitrag zur Bilanz leisten, sind da schon eingerechnet. Ohnehin zählt Victor Puhl zu den Gewinnern der Spielzeit. Nicht nur, weil der Generalmusikdirektor (GMD) mit der Trierer Theatermaske ausgezeichnet wurde, oder weil er als Sieger aus dem "Machtkampf" mit Sibelius hervorging. Der Österreicher wollte den GMD durch einen Chefdirigenten ersetzen. Doch der Protest des Publikums war so groß, dass die Politik einlenkte und Puhls Vertrag verlängerte. Während das Theater das Motto "Verrückt Euch" ausrief, bot Puhl seinem Publikum Vertrautes, und das kam gut an: Acht Sinfoniekonzerte lockten 5154 Besucher in die Basilika. 96 Prozent der Plätze waren besetzt. Auch die übrigen Konzerte waren gut besucht und gewohnt gefeiert.

Die Produktion mit den bei weitem meisten Zuschauern war Peter Pan. 14 036 begeisterte Besucher reisten ins Nimmerland. Und es hätten locker mehr als 20 000 werden können. Doch gab es dafür einfach nicht genügend Vorstellungen. Da das Kindermärchen erstmals unter Begleitung des Philharmonischen Orchesters gezeigt wurde, war nach 25 Mal Schluss. In anderen Spielzeiten wurde das Märchen 40 Mal gezeigt. Die Bilanz spiegelt dies deutlich wider.

Stark, da populär, zeigt sich die Sparte Musical. Die meisten Besucher lockte zwar "Jesus Christ Superstar" (7755). Der Renner war mit einer Auslastung von 91 Prozent jedoch das ebenfalls gefeierte Rockmusical Rent (5671 Besucher). Sibelius selbst glänzte mit seinem Ein-Mann-Stück "Alles wird anders". 21-mal trat er auf und stellte sich anschließend der Diskussion mit seinem Publikum - immerhin 2024 Zuschauer. Das sind mehr, als "Sweeney Todd" ins Walzwerk lockte. Auch in der schräg-schrillen Operette "Die Herzogin von Gerolstein" schlüpfte der Intendant in die Hauptrolle und bereitete 3700 Zuschauern, wie der TV-Kritiker schrieb, "einen Mordsspaß".

Erfolgreichstes Stück der von Ulf Frötzschner geleiteten Schauspielsparte war der bejubelte "Zauberberg", der die 2335 Zuschauer auf der begehbaren Bühne einer Industriehalle des ehemaligen Trierer Walzwerks in eine magisch-morbide Traumwelt entführte (90 Prozent Auslastung). Zwar sahen mehr Zuschauer "Pension Schöller" (2377), doch blieb ein großer Teil der Plätze frei. Mit "Wovor hast Du eigentlich Angst" machte Trier Schlagzeilen. Doch obwohl es 26- mal gezeigt wurde, brachte es nur 70 Zuschauer. Nahmen diese doch (maximal zu dritt) auf der Rückbank eines Autos Platz. Zu den umstrittensten Werken zählt "Molière". Dutzende empörte Besucher verließen den Saal: zu viel Farbe auf nackter Haut. Andere waren begeistert. Die Bilanz schönt das Schauspiel bei einer Auslastung von 41 Prozent nicht. Auch "Das Cabinet des Dr. Caligari" und "Das erste Album" verkauften sich schlecht. Da Frötzschner sich erfolgreich gegen seine fristlose Kündigung gewehrt hat, wird er - wie Puhl - 2016/2017 wohl bleiben.

Die Oper tat sich in der vergangenen Spielzeit schwer. Die Zuschauerränge blieben im Schnitt halb leer. "Tosca" lockte die mit Abstand meisten Besucher (3299). Für das größte Aufsehen sorgte jedoch die beim Publikum umstrittene (es gab Kloszenen und Kunstpenisse) und von Kritikern gelobte "Fidelio"-Inszenierung. Die anspruchsvolle Uraufführung Ur sahen zwar nur 692 Leute, doch die waren begeistert.

Reichlich Lob erhielt die Leiterin der Tanzsparte, Susanne Linke, die in der Zeitschrift tanz als Choreographin des Jahres gewürdigt wurde. Ihre Company feierte mit "Der Fremde" oder "Nemmokna" künstlerische Erfolge. Insgesamt blieb bei den Aufführungen jedoch mehr als die Hälfte der Plätze frei. Bei "Ein neues Stück" wurde nur ein Viertel der knapp 5000 Karten verkauft.

Den Rückgang der Besucherzahlen erklärt Sibelius auch damit, dass wegen angehäufter Überstunden weniger gespielt werden konnte. Das soll sich in der nun anlaufenden Spielzeit ändern.Extra

Foto: Friedemann Vetter (ClickMe)
Einer, an dem sich die Geister scheiden: Karl Sibelius. Gefeierter Schauspieler, umstrittener Intendant. Foto: Andrea Peller. Foto: Friedemann Vetter
Einer der Sieger der Spielzeit: Victor Puhl.Foto/Archiv: Dirk Tenbrock. Foto: Dirk Tenbrock (DT) ("TV-Upload Tenbrock"

Die Finanznöte und Querelen am Theater Trier werden demnächst auch Thema im Kulturausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags. So haben CDU und FDP einige Fragen an die Landesregierung, die den Trierer Theaterbetrieb 2016 mit 5,8 Millionen Euro bezuschusst. Unter anderem will die CDU wissen, wie das Kulturministerium mit erhöhten Defiziten eines Theaters umgeht und ob es diese prüft. "Wenn Fördermittel in dieser Höhe fließen, müsste das Land schon prüfen, was da läuft", findet Marion Schneid, kulturpolitische Sprecherin der CDU. Mos

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