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Theater Trier zeigt „Terror“-Schauspiel im Gerichtssaal – Interaktives Stück beschert Publikum einen lebhaften Abend

Theater Trier zeigt „Terror“-Schauspiel im Gerichtssaal – Interaktives Stück beschert Publikum einen lebhaften Abend

Ferdinand von Schirachs Justizdrama „Terror“ ist innerhalb von zwei Jahren bereits an über 40 Bühnen inszeniert worden. Es macht die Zuschauer zu Geschworenen. Bei der Premiere in Trier lässt sich das Publikum mitreißen in die Kluft zwischen Schuldig und Unschuldig. Und trifft eine ungewöhnliche Entscheidung.

"Terror" Theater Trier. Foto: Rolf Seydewitz Foto: Foto: Rolf Seydewitz
"Terror" Theater Trier. Foto: Rolf Seydewitz Foto: Foto: Rolf Seydewitz
Ricarda Zahn (19), Stuttgart Unschuldig. Eigentlich ist der Pilot beides nicht. Aber ich halte ihn nicht für 100 Prozent schuldig. Deshalb entscheide ich mich für ?unschuldig?: Im Zweifel für den Angeklagten." TV-Foto: Mechthild Schneiders Foto: Mechthild Schneiders (mehi) ("TV-Upload Schneiders"
Lisa Gubernator (18), Pluwig ?Unschuldig, weil der Pilot den richtigen Zeitpunkt, den allerletzten Moment, gewählt hat. Er musste entscheiden, ob entweder 70?000 plus 164 oder ob ?nur? 164 Menschen sterben. Unschuldig, weil der Verteidigungsminister keine Lösung dafür hatte ? was hat der sich eigentlich dabei gedacht?? TV-Foto: Mechthild Schneiders Foto: Mechthild Schneiders (mehi) ("TV-Upload Schneiders"
Dominik Hartmann (22), Trier „Nicht schuldig, weil ich das Plädoyer des Verteidigers schlüssiger fand als die Ansicht der Staatsanwältin. Prinzipien sind gut und richtig. Aber im Einzelfall, bei solchen Extremfällen, sollten sie überdacht werden.“ TV-Foto: Mechthild Schneiders Foto: Mechthild Schneiders (mehi) ("TV-Upload Schneiders"
Sebastian Lauer (30), Trier „Nicht schuldig, weil ich das Prinzip für falsch halte, dass die Würde des Menschen unendlich ist, dass man nicht einen Menschen töten darf, um Hunderttausende zu retten. Der Pilot hat die letzte Möglichkeit genutzt, die Katastrophe zu verhindern. Deshalb hat er die Menschen auch nicht ermordet. Mitschuldig sind aber auch die, die das Fußballstadion nicht evakuiert hatten.“ TV-Foto: Mechthild Schneiders Foto: Mechthild Schneiders (mehi) ("TV-Upload Schneiders"

Wer sich ein Kulturevent mit Wohlfühlcharakter wünscht, bei dem man sich genüsslich zurücklehnen und unterhalten lassen kann, ist bei "Terror" falsch. Ferdinand von Schirachs Stück, das am Freitagabend in Trier Premiere feierte, fordert den Zuschauer. Nicht nur ist jeder Gast gefragt, am Ende der gespielten Gerichtsverhandlung per Holzmünze über den Ausgang des Dramas abzustimmen. Wie bei echten Schöffen üblich gehören auch die Vereidigung und die persönliche Einbindung dazu.

Beim Bühnenbild mussten sich die Regisseure Karl Sibelius und Krisztina Horváth keine Sorge ums originalgetreue Ambiente machen. Indem sie den Spielort vom Theater in den Saal des Trierer Landgerichts verlegten, wo sonst die großen Strafprozesse verhandelt werden, machten sie sich Justitias Aura zunutze. Auch die Roben sind echt. Einziges Zugeständnis an die Zuschauer: Angeklagte und Zeugen sitzen frontal zum Publikum, wenden dem Vorsitzenden Richter bei der Befragung den Rücken zu, seitlich flankiert von Staatsanwältin und Verteidigerin.

Ehrgeizige Soldatin

Es geht um Mord. Eine Pilotin der Bundeswehr ist angeklagt, weil sie ein gekapertes Flugzeug mit 164 Passagieren an Bord abgeschossen und die Menschen dadurch getötet hat. Dass sie das tat, um den gezielten Absturz der Maschine über einer Fußballarena mit 70.000 Besuchern zu verhindern, macht die Tragik ihrer Entscheidung aus. Sie wird in Schuld verstrickt - so oder so.

Tanja Finnemann beweist als hochintelligente, vom Ehrgeiz getriebene Angeklagte Laura Koch, dass die Rolle mit einer Frau ebenso funktioniert wie mit Lars Koch aus von Schirachs Drehbuch. Das Haar streng geknotet, in weißer Bluse unter engem beigem Blazer (Ausstattung und Kostüme: Anastassia Tsussova) gibt sie eine extrem kontrollierte Frau, die es mit ihrer Karriere zum Hauptmann der Luftwaffe ihrem Vater beweisen will. Dem nämlich ist dieser Erfolg in der Armee versagt geblieben. Die Pilotin weiß, dass sie beim Abschuss der Maschine ohne Befehl, sogar gegen die Ansage ihrer Vorgesetzten gehandelt hat. Doch sie ist überzeugt davon, dass der Staat wehrhaft bleiben muss gegenüber Terroristen, die unschuldige Flugreisende als Waffe einsetzen.

Erst als die souveräne hyperkorrekte Staatsanwältin (überragend: Birgit Weinmann-Lutz) von ihr wissen will, ob sie auch geschossen hätte, wenn ihr Mann und ihr kleines Kind in dem Flugzeug gesessen hätten, verliert sie ein wenig von ihrer Coolness.

Töten, um andere zu retten?

Gleich ein Grund für die zickig-arrogante Verteidigerin Biegler (Karin Pütz), Einspruch beim Vorsitzenden Richter (Heinz-Georg Meyer) einzulegen. Das eitle Geplänkel um zulässige Fragen und die Geschäftsordnung scheinen der Schicki-Micki-Anwältin in hochhackigen Pumps und wallendem Halstuch sichtlich Spaß zu machen. Die Anwältinnen ziehen in ihren Plädoyers alle Register der Überzeugungskunst. Sie kommen dem Publikum - den Richtern - physisch nah, wie es eine Theaterbühne sonst kaum ermöglicht hätte. Sie bauen sich mit emphatischer Geste vor den Zuschauern auf, blicken einzelnen tief in die Augen und lassen ihre Worte durch bewusst gesetzte Pausen umso eindringlicher wirken. Darf jemand Menschen töten, um andere zu retten?

Die Fragen bewegen die Besucher, immer wieder tuscheln Zuschauer sich Argumente, Gedanken, Meinungen zu - auch in der kurzen Pause, die durch die Abstimmung entsteht. Durch Einwurf eines Talers in entsprechend zweigeteilte Boxen (schuldig/unschuldig) entscheidet das Trierer Premierenpublikum anders als die Zuschauer an den meisten Bühnen, die "Terror" seit dessen Erscheinen im Dezember 2015 aufgeführt haben.

Die Regisseure haben konsequent auf eine naturalistische Inszenierung gesetzt: Gerichtssaal, authentische Kulissen, Darsteller aus dem "Bürgertheater", die keine Schauspiel-Ausbildung haben. Die Auseinandersetzung mit dem Stück steht im Vordergrund, gelegentliche Versprecher oder undeutliche Aussprachen werden dabei zweitrangig. Der Spannung tat das keinen Abbruch.

Bevor der Vorsitzende Richter das Urteil verkündet, bittet er die Anwesenden, sich von ihren Plätzen zu erheben. Für Schuldig entscheiden 48 Teilnehmer, für einen Freispruch 39. "Wo kommen wir hin, wenn wir uns über die Verfassung und unser Recht stellen?", meint eine Zuschauerin nach der Vorstellung. Ein sehr lebendiger Theaterabend, der auf viel Beifall stößt!

In weiteren Rollen: Michael Wilmes (Zeuge), Stefanie Fink (Zeugin), Brigitte Elsen (Protokollführerin), Claudia Rödig (Wachtmeisterin), Marc-Bernhard Gleißner (Organisatorische Gesamtleitung), Ali Sheikhmous (Zweitbesetzung Wachtmeister).

Viele weitere Vorstellungen sind ausverkauft; Kartentelefon 0651/7181818. Die Film-Version von "Terror" strahlt die ARD am Montag ab 20.15 Uhr aus.

Umfrage "Terror" als Film
Anders als im Theaterstück haben sich am Freitag zeitgleich die 125 Kinobesucher der "Terror"-Verfilmung im Cinemaxx Trier entschieden. Nach dem Hauptfilm gab es eine 15-minütige Pause, bis Theaterleiter Bernhard Benischek das Publikum in den Saal zurückrief. Beim Hineingehen gab jeder sein Urteil ab, das der Kinochef automatisch erfasste. 76 Zuschauer votierten für "nicht schuldig", 37 erklärten den Piloten (Florian David Fitz) für schuldig. 14 Gäste gaben kein Votum ab. Wie urteilen die Zuschauer?

Ricarda Zahn (19), Stuttgart
Unschuldig. Eigentlich ist der Pilot beides nicht. Aber ich halte ihn nicht für 100 Prozent schuldig. Deshalb entscheide ich mich für ‚unschuldig': Im Zweifel für den Angeklagten."

Sebastian Lauer (30), Trier
"Nicht schuldig, weil ich das Prinzip für falsch halte, dass die Würde des Menschen unendlich ist, dass man nicht einen Menschen töten darf, um Hunderttausende zu retten. Der Pilot hat die letzte Möglichkeit genutzt, die Katastrophe zu verhindern. Deshalb hat er die Menschen auch nicht ermordet. Mitschuldig sind aber auch die, die das Fußballstadion nicht evakuiert hatten."

Lisa Gubernator (18), Pluwig
"Unschuldig, weil der Pilot den richtigen Zeitpunkt, den allerletzten Moment, gewählt hat. Er musste entscheiden, ob entweder 70?000 plus 164 oder ob ‚nur' 164 Menschen sterben. Unschuldig, weil der Verteidigungsminister keine Lösung dafür hatte - was hat der sich eigentlich dabei gedacht?"

Dominik Hartmann (22), Trier
"Nicht schuldig, weil ich das Plädoyer des Verteidigers schlüssiger fand als die Ansicht der Staatsanwältin. Prinzipien sind gut und richtig. Aber im Einzelfall, bei solchen Extremfällen, sollten sie überdacht werden." mehi

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Erstmeldung: Bei der Premiere von Ferdinand von Schirachs Stück "Terror", bei dem das Publikum über den Ausgang eines Gerichtsverfahrens um Mord entscheidet, haben sich die Zuschauer in Trier am Freitagabend mehrheitlich für die Verurteilung einer Bundeswehrpilotin ausgesprochen. Sie hatte ein von Terroristen entführtes Flugzeug abgeschossen und damit 164 Menschen getötet. 48 Zuschauer stimmten für schuldig, 39 für unschuldig. Die meisten Abstimmungen an Bühnen im In- und Ausland enden mit einem Freispruch.

Ganz anders haben sich die 125 Kinobesucher der "Terror"-Verfilmung im Cinemaxx Trier entschieden. 76 Zuschauer votierten für "nicht schuldig", 37 erklärten den Bundeswehrpiloten (Florian David Fitz) des mehrfachen Mordes schuldig (14 Gäste hatten sich nicht entschlossen).