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Verständigung mit Händen und Füßen

Verständigung mit Händen und Füßen

WITTLICH. Groß-Aufgebot für eine Premiere: Zum ersten Mal macht sich das Trierer Theater auf zu einer Tournee durch die Schulen der Region. Den Start des Stückes "Robinson & Crusoe" verfolgten nicht nur 320 begeisterte Schüler, sondern auch jede Menge politische Prominenz.

Es war ein Bilderbuch-Start in jeder Hinsicht. Das Peter-Wust-Gymnasium als stolzer Gastgeber hatte den Rahmen für die erste "Regio-Premiere" in der jüngeren Geschichte des Trierer Theaters ebenso liebevoll wie gründlich organisiert. Direktor Michael Forster durfte mit Staatssekretär Hofmann-Göttig, den Landräten Läsch-Weber, Onnertz und Schartz sowie dem Trierer Kultudezernenten Holkenbrink eine Phalanx von Politikern begrüßen, wie sie Trierer Theaterpremieren sonst selbst bei den Antikenfestspielen höchst selten vergönnt ist. Die Damen und Herren konnten sich ebenso wie der Vorsitzende der Nikolaus-Koch-Stiftung, Manfred Bitter, anschaulich davon überzeugen, dass sie ihre Zuschüsse, die zum ersten Mal eine größere Vorstellungsreihe des Trierer Theaters außer Haus ermöglichen, nicht besser hätten anlegen können. Denn das ausgesuchte Stück "Robinson & Crusoe" erwies sich ebenso wie die Regie und die Darsteller als Volltreffer. Es geht um zwei Soldaten, die sich nach dem Abschuss ihrer Flugzeuge auf einem Hausdach mitten im Meer treffen. Sie erreichen die rettenden Bohlen mit letzter Kraft, halb tot vor Erschöpfung, was sie aber nicht daran hindert, ihr Kriegsspiel auf den 15 Quadratmetern Holz und Pappe fortzusetzen - und sich erst einmal wechselseitig gefangen zu nehmen. Sie verstehen sich nicht. Der eine spricht Deutsch, der andere irgendwas Arabisch klingendes. Das bleibt bis zum Ende des Stückes so. Ein virtuoser Kunstgriff, zwingt er doch das jugendliche Publikum, sich in die Situation der beiden auf dem Dach hineinzufinden. Die 10- bis 14-Jährigen im Saal verstehen genau so wenig wie Robinson, was Crusoe sagt. Sie müssen sich, genau wie er, an die Verständigung mit Händen und Füßen gewöhnen. Und oft kapieren sie viel schneller als die Kommissköpfe auf der Bühne, worum es geht.Nicht so unterschiedlich, wie man anfangs meint

Aber auch die beiden da oben beginnen allmählich zu verstehen, dass sie gemeinsam besser zurecht kommen als allein. Auch wenn der eine Schlager vor sich hin singt und der andere Gebete murmelt. Die Einsamkeit, die Angst, die Kälte: Alles lässt sich zu zweit leichter ertragen. Und so unterschiedlich, wie sie anfangs vermuten, sind sie nicht. Beide haben Familie, beide wollen überleben, beide schleppen ihre Erinnerungen in einem Tagebuch mit sich. Wie dieses gemeinsame Verstehen wächst, wie aus Feinden Freunde werden, das erzählt dieses Stück von Nino d'Introna und Giacomo Ravicchio originell, spannend und wunderbar leicht. Und Regisseurin Indira Rautenberg gelingt es, die Geschichte rüberzubringen ohne eine Spur von Zeigefinger-Moral Marke "Grips-Theater", aber auch ohne jede Banalisierung oder Infantilisierung. Das setzt Fingerspitzengefühl voraus, gutes Timing, Präzision im Detail und ein sicheres Gespür für wirksame Theater-Effekte. In dieser Aufführung stimmt alles, das junge Publikum merkt, dass es ernst genommen wird, und bedankt sich mit einem Höchstmaß an Aufmerksamkeit. Jan Brunhoeber und Alexander Ourth spielen sich die Seele aus dem Leib (oder, wie es ein junger Zuschauer formulierte: "den Arsch aus der Hose"), lassen die Figuren lebendig werden, finden einen sicheren Weg zwischen der Ernsthaftigkeit mancher Szenen und der Komik, die nicht zu kurz kommt. Und die Kinder gehen mit, lachen mit, leiden mit, vor allem bei der rührenden, aber unschmalzigen Abschiedsszene. Das Theater bietet hoch professionell alles auf, womit man ein Publikum überzeugen kann. Inklusive einem stimmigen, Heile-Welt-Gefühle meidenden Bühnenbild von Marit Gubalke. Der Beifall am Ende ist lang, intensiv und laut - sicher nicht nur, um den Beginn des Unterrichts noch etwas hinaus zu zögern. Bis Ende Mai sind weitere 14 geschlossene Schul-Vorstellungen geplant in der Region. Offene Vorstellungen im Theater-Studio am 13. Januar (16 Uhr), 9. Februar, 9. März, 25. April und 23. Mai (jeweils 11 Uhr).