Wenn sich die Engel freuen

Wenn sich die Engel freuen

Himmlisch Entrücktes und Schicksalhaftes standen auf dem Programm, als die Filarmonica della Scala (Mailand) mit dem Dirigenten Semyon Bychkov und dem Geiger Mikhail Ovrutsky in der Luxemburger Philharmonie gastierten.

Luxemburg. Kann man Musik sehen? Die Frage ist alt und der Streit darüber nicht entschieden. Am Dienstagabend in der Philharmonie schien die Antwort klar.
Wie die Hitze dieses heißen Sommertages über dem Wasser, schwebte die Musik in Richard Wagners Vorspiel zu Lohengrin im Raum. Vielleicht entsprach das durchsichtige Flirren und Flimmern, das sanfte Auf- und Abschwellen nicht ganz jenem ätherischen Blau, von dem Wagner spricht. Aber auf wunderbare Weise machten Semyon Bychkov und die Filarmonica della Scala den Traum hinter dieser Musik und die himmlische goldene Vision des Gralsritters sichtbar. Mehr noch: Wer dieses feine, hauchzarte Musizieren hörte, hatte auf Anhieb die ganze Geschichte verstanden. Der Traum ist unberührbar, mahnte die Musik. Wer ihn fassen will, zerstört ihn.
Seele und Energie


Ein Paradestück für Bychkov, dessen Stärke gemeinhin in der Balance und der feinen Ausdeutung liegt und der so viel und so Kluges über die Seele der Musik gesagt hat. Mit seinem Lockenkopf und dem gefühlvollen Gesicht wirkt der Dirigent selbst wie eine Ballung aus Seele und Energie.
Überhaupt hatte der erste Teil des Abends etwas Himmlisches: Die Engel selbst wollte Felix Mendelssohn Bartholdy bekanntlich mit seinem Violinkonzert e-Moll, op. 64, erfreuen. An Mikhail Ovrutsky hatten sie ihre Freude. Der Ann-Sophie-Mutter-Stipendiat wird als eines der jungen "Geigenwunder" gefeiert. Gleichwohl ist der 31-jährige Russe keiner jener zeitgeistigen musikalischen Leistungssportler. Ovrutskys Musik bleibt Seelensprache auch bei größter Virtuosität. Das war gleich zu Beginn klar. Das Orchester grollte dumpf. Ein unendliches Sehnen befreite sich in Ovrutskys Geigenspiel. Flehend stieg die Melodie himmelwärts. Ovrutsky spielte mit einer bezwingenden Eindringlichkeit. Großartig und voller Spannung erklang die Kadenz. Herrlich übermütig: das Finale. Das Orchester erwies sich als diskreter Partner, der die Geige und ihre Klangschönheit in den Vordergrund stellte.
Wüste Schlägerei


Nach der Pause wurde dann mit Peter Tschaikowskys Symphonie Nummer 4 f-Moll, op. 36, Musik abgearbeitet. Dem schicksalsträchtigen Stück fehlten weithin die Nuancen und die feine Ausleuchtung. Schön: das federleichte Scherzo mit seinem Pizzicato. Ansonsten wurde Handwerk betrieben, gerade im letzten Satz. Da wurde aus entfesselter Leidenschaft eine wüste musikalische Schlägerei.