Das große Räumen

Die Moselaner zwischen Hoffen und Bangen: Wie hoch steigt die Mosel am Wochenende? Bleibt sie am Pegel Trier deutlich unter zehn Metern oder gibt es möglicherweise erneut ein Jahrhundert-Hochwasser wie 1993? Eine große Unsicherheit war gestern in allen Moseldörfern zu spüren. Die von der Flut betroffenen Anwohner haben damit begonnen, Inventar aus tiefer gelegenen Räumen in Sicherheit zu bringen.

Bernkastel-Kues/Kröv/Traben-Trarbach. Johann Josef Ehlen aus Bernkastel-Kues kennt sich mit Hochwasser aus. Sein Gasthaus "Alter Moselbahnhof" direkt am Moselufer in Bernkastel wurde schon mehr als ein Dutzend Mal von der Mosel überschwemmt. Auch diesmal sieht alles danach aus, dass die braune Brühe in das Lokal eindringt. "Wenn die Mosel in Trier auf neun Meter kommt, müssen wir räumen", sagt er. Am Freitagmorgen steht die Mosel noch gut einen Meter vor dem Lokal.

Ehlen trommelt eine Mannschaft von zehn Leuten zusammen, die Geräte und Mobiliar in Sicherheit beringen. "Alles muss raus", sagt er. Er und seine Helfer tragen Stühle und Tische ins Freie und laden die Möbelstücke über eine Laderampe in einen Kleintransporter. Ein Mann baut den Brenner der Gasheizung aus, ein anderer schraubt teure und schwere Küchenmaschinen ab. Zum Schluss kommt der Teppichboden dran. Auch er muss raus.

Ehlen behält die Ruhe, ist aber dennoch angespannt: "Es ist jedes mal Stress." Etwa 20 Mal fährt der Kleintransporter von Bernkastel nach Graach und Wehlen. Dort hat Ehlen Garagen, in denen er das Inventar unterbringen kann. "Ein Hochwasser kostet mich jedes Mal eine Stange Geld. Irgendetwas geht immer kaputt. Wir müssen danach die Wände streichen und vieles reparieren", sagt der Gastwirt.

In Reil bereitet sich Winzer Eberhard Melsheimer auf die Flut vor. Die Mosel schwappt in seinen Keller. Leere Weinfässer müssen mit Wasser befüllt und mit Holzstäben abgestützt werden, damit sie nicht umhertreiben. Das wäre fatal. Ein ungesichertes, leeres Fass könnte durch den Wasserdruck sogar eine Decke sprengen. In zwei Fässern gärt noch der neue Wein. Melsheimer hat ihn in einen hochwassersicheren Keller gepumpt.

Eine Straße weiter steht Dorothee Busch auf dem Balkon. Bei einem Pegelstand von etwa zehn Meter läuft die Mosel in die Wohnung. "Wir sind auf alles vorbereitet. Wenn sie kommt, tragen wir alles eine Etage höher", sagt die Frau.

Das Haus von Irmgard Kampick steht ebenfalls am Moselufer - "am Warf", wie die Reiler sagen. Die ältere Dame nimmt die Flut gelassen. "An Weihnachten hat die Mosel uns nur bisschen geärgert, jetzt kommt sie uns besuchen. Auch dieses Hochwasser werden wir überleben", sagt sie.

Zehn Kilometer flussaufwärts: In Traben-Trarbach setzen Feuerwehrmänner die Aluminiumbalken zwischen die mobilen Mauersegmente. Sie schützen bis zu einem Pegelstand von etwa 10,50 Metern große Teile des Stadtteils Trarbach. Auch an der katholischen Kirche, wo der Kautenbach dröhnend vorbeirauscht, montieren sie die Wände. Die Trarbacher hoffen, dass der Schutz, der vor seiner ersten Bewährungsprobe steht, ausreicht. In Kröv räumt Christa Oehmke die Garage leer. Stühle, Tische und Gerätschaften hat sie vor die Tür gestellt. Später bringen starke Männer alles in höher gelegene Räume und auf die Terrasse. Christa Oehmke wohnt erst seit sechs Jahren in Kröv. Ein solches Hochwasser hat sie noch nicht erlebt. Sie weiß aber: "Die eigentliche Arbeit kommt erst, wenn sich die Mosel wieder zurückzieht. Dann muss alles saubergemacht werden. Da kommt viel Arbeit auf uns zu." EXTRA Autos gerettet: In der Nacht zum Freitag hatten die Beamten der Polizei in Bernkastel-Kues alle Hände voll zu tun. In Bernkastel (Moselparkplatz) und am Nikolausufer in Kues standen über 50 Autos in hochwassergefährdeten Bereichen. Die ganze Nacht hindurch versuchten die Beamten, die Fahrzeughalter telefonisch zu verständigen. Drei Autos mussten abgeschleppt werden. In Ürzig und Kinheim hatten zwei ausländische Fahrer ihre Laster am Moselufer geparkt und sich am Abend schlafengelegt. Gegen ein Uhr standen beide LKW bis zu den Fahrerkabinen im Wasser. Die Beamten weckten die Fahrer, die ihre Fahrzeuge noch rechtzeitig aus dem Hochwasser fahren konnten. (sim)

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