Kleine Zeremonie für eine Krone

Ein Mann, ein Schloss und das Verkehrsleitsystem haben zusammengefunden: Am Busbahnhof erinnert eine Schautafel an Wittlichs verlorengegangene historische Architektur - Burg Ottenstein und Schloss Philippsfreude. Für deren Weiterleben im städtischen Gedächtnis kämpft seit Jahrzehnten Patrick Bourassin.

Wittlich. "Jetzt ist jedem klar, was für eine architektonische Krone auf dem Schlossplatz thronte: Heute ist nur ein trostloser Anblick zu sehen", sagt Patrick Bourassin. Doch er wittert einen Silberstreifen am Horizont. Er steht im schwarzen Anzug vor einem Extra-Schild des Verkehrsleitsystems und hält eine kleine Rede zu seiner persönlichen Einweihung, der nun beidseitig auf der großen Schautafel dokumentierten Bauten Burg Ottenstein (1430 fertig gestellt) und des im 16. Jahrhundert dar-aus hervorgegangenen Schloss Philippsfreude. Das wurde bis 1768 vom Trierer Kurfürst Johann Philipp von Walderdorff modernisiert. Sie sind längst aus dem Stadtbild "perdu". Dass sie nicht vergessen werden, ist mehr als eine Herzensangelegenheit des Wahl-Wittlichers und Historikers Patrick Bourassin. Von den Offiziellen der Stadt ist niemand dabei, als er sein Redemanuskript zückt und klarmacht, dass er seine Vision, den Wiederaufbau der früheren Anlage, nicht aus den Augen verloren hat: "Ich kämpfe für den schrittweisen Aufbau, Mauerstück für Mauerstück, nicht um einem Kurfürsten zu gefallen, sondern um die Attraktivität Wittichs hervorzuheben." Er weiß, dass er die Uhr nicht um 200 Jahre zurückdrehen kann. Der Beschluss im Jahr 1806, Burg und Schloss zu zerstören, hat Fakten geschaffen. Doch die alten Fakten lassen Patrick Bourassin nicht ruhen. Deshalb war schon vor gut einem Jahr ein großer Tag für sein Projekt: Damals erreicht er, dass die Umrisse von Burg Ottenstein/Schloss Phillipsfreude im Pflaster rot markiert wurden. Das Infoschild sei nun der zweite Schritt in "Richtung Konservierung und Dokumentation der Stadtgeschichte". Sein dritter Schritt steht fest: "Ausgraben und sichtbar machen!"Hinweisschilder "Historische Altstadt" habe sich vermehrt

Der Historiker blickt aber nicht nur bis ins 19. Jahrhundert zurück. Allgemein bedauert er: "Seit 1967, meinem Dienstantritt in der damaligen Französischen Garnison, hat Wittlich viel an historischer Bausubstanz verloren. Nur die Hinweisschilder ,historische Altstadt' haben sich vermehrt." "Sein" informatives Hinweisschild hat er insbesondere durch die Hilfe seines Sohnes Philipp und dessen Frau Petra, beide Architekten, erstellen können. Er dankt aber auch insbesondere Leo Kappes von der Wittlicher Stadtverwaltung, der die Arbeiten monatelang begleitet und unterstützt habe. Zwar sagt Bourassin auch: "Ich bin müde zu predigen", aber dennoch bleibt er kämpferisch von der Kraft seiner Vision überzeugt: "Die Zukunft wird uns allen, den Einwohnern von Stadt und Land zeigen, was mehr Attraktivität bringen wird: ein Einkaufszentrum mit all seiner grauen Banalität, der man in jedem Städtchen begegnen kann, oder der teilweise oder gar totale Wiederaufbau der architektonischen Krone Wittlichs!"