Streit ums richtige Futter

Seit Jahren streitet ein Nebenerwerbslandwirt aus Bruch mit dem Veterinäramt des Kreises Bernkastel-Wittlich. Die Behörde wirft ihm die unsachgemäße Haltung von Weidetieren vor. Noch hält der 69-Jährige an der Betreuung von derzeit sieben Rindern und einem Pferd fest.

Bruch. "Wenn ich die Tiere nicht mehr habe, die mich morgens auf Trab bringen, sitze ich in einem Jahr im Rollstuhl", sagt Josef Remmy bei der Anfahrt vom Dorf hinauf zur Weide. Auf dem Anhänger seines Geländewagens steht ein großer Tank mit Frischwasser für die Kühe Lilo, Lieschen und Monika, ihre Kälber Yvonne und Nina sowie für den Jungbullen Fridolin und ein noch namenloses Jungkalb. Ebenfalls an Bord sind alte Backwaren - unverkaufte Ware, die eine heimische Bäckerei kostenlos zum Verfüttern abgibt.
Bis vor etwa einem Jahr war Remmy selbst Halter der Tiere - inzwischen hat er sie an den befreundeten Landwirt Johannes Weyers abgeben. Allerdings will er sie weiterhin selbst betreuen.
Die Weiden auf der Höhe wirken friedlich, doch die Stimmung im Wagen ist düster: Vor der Abfahrt hat Remmy die Kopie eines amtlichen Schreibens an den heutigen Halter gezeigt. Darin weist die Kreisverwaltung (KV) diesen darauf hin, dass der von ihm beauftragte Josef Remmy ungeeignet zur Betreuung von Tieren sei und fordert ihn zur Stellungnahme auf.
Tierärztliches Gutachten fehlt


Untermauert wird dies mit einem bereits 1999 gegen Remmy verhängtes Haltungsverbot und einem 2011 verhängten Betreuungsverbot. Beide Anordnungen waren jedoch nach Klagen vor dem Verwaltungsgericht (VG) Trier gegen Auflagen außer Vollzug gesetzt worden.
Im Frühjahr 2014 folgte der Bescheid, dass die Tiere eingezogen würden. Josef Remmy habe die Auflagen weiter missachtet, der verdreckte Unterstand für die Tiere sei baufällig und gefährlich. Außerdem würden weiterhin alte Backwaren verfüttert, was für Wiederkäuer schädlich sei. Erneut klagte Remmy vor dem VG Trier.
Die Verhandlung am 16. Juni wurde für die KV Bernkastel-Wittlich zum peinlichen Debakel: Weil das erforderliche tierärztliche Gutachten fehlte, erklärten die Richter den Bescheid für unwirksam (der TV berichtete).
"Das war nun unser Fehler, aber wir werden den Fall weiter verfolgen, zumal wir ja noch einen wirksamen Bescheid von 2011 haben", erklärte die Vertreterin des Kreises nach der Verhandlung. Das Ergebnis ist das besagte Anhörungsschreiben an den Halter der Tiere. Remmy: "Ich dachte, ich stecke alles so weg, aber nach diesem letzten Brief hat es mich wieder gesundheitlich umgehauen."
Bei der Ankunft ist die Weide leer, die Tiere haben sich vor der Sonne in den angrenzenden schattigen Wald zurückgezogen. Das Pferd auf der Weide gegenüber zeigt sich auch nicht.
Auf Remmys Rufe hin kommen die Rinder langsam aus der Deckung hervor, die Wassertröge werden frisch befüllt und Remmy wirft alte Brötchen und Brote auf die Wiese. Sofort machen sich die Rinder begeistert darüber her - obwohl es genug Gras und Heu gibt. Dieses Beifüttern von Backwaren ist ein Hauptkritikpunkt des Amtsveterinärs. Doch Remmy meint: "Nirgendwo steht geschrieben, dass Backwaren für Rinder verboten sind. Ich habe die Fütterung damit nun eingeschränkt, aber ganz aufgeben werde ich es nicht, weil es auch gut für die Tiere ist." Er fühle sich von der Behörde wie der letzte Depp behandelt, dabei "habe ich drei Jahre Berufsfachschule und zwei Jahre Ackerbauschule absolviert".
Die Rinder wirken - jedenfalls für den Laien - keineswegs vernachlässigt. Sauber, wohlgenährt und mit glänzendem Fell könnten sie für einen Milchprodukte-Hersteller Reklame laufen.
Remmy fürchtet dennoch, dass bald Schluss ist und meint: "Wenn man dann erst mal morgens liegen bleibt, dann geht das schnell den Berg hinunter." Er überlegt sogar, die Verantwortlichen beim Kreis auf Schmerzensgeld zu verklagen und sagt: "Wenn ich mit den Tieren so umgehen würde wie die Kreisverwaltung mit mir, dann wären die Vorwürfe wenigstens berechtigt."
Extra

Auf die TV-Anfrage, ob Backwaren schädlich für Wiederkäuer seien, antwortet der Sprecher der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich, Manuel Follmann, nach Rückfrage beim Kreisveterinäramt: Die robust erscheinenden Rinder haben eine empfindliche Vormagenflora, die bei falscher Fütterung ins Ungleichgewicht gerät. Durch die Zufuhr von kohlehydratreicher Nahrung wie Backwaren entwickelt sich eine Pansenübersäuerung, die zu schmerzhaften Schleimhautveränderungen bis hin zum Absterben der Pansenschleimhaut führt. Die vermehrt anfallenden Fettsäuren verursachen zudem eine Verfettung der Leber und des ganzen Tieres. Dies kann zu einem scheinbar gut genährten Erscheinungsbild eines Rindes führen, obwohl es schlecht ernährt ist und unsichtbar leidet. Auch nehmen die Rinder mit den Backwaren zu viel Phosphor auf, was Störungen des Knochenaufbaus und -erhalts verursacht. f.k.Extra

Manfred Zelder, Betreiber eines Wittlicher Milchviehbetriebes und Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, hat grundsätzlich keine Bedenken, Backwaren an Rinder zu verfüttern. Zelder auf TV-Anfrage: "Ich verfüttere keine Altbackwaren. Aber wir verfüttern ja auch Getreideschrot. Und Backwaren sind im Prinzip auch nicht anders als das." Seines Wissens gebe es auch keine naturschutzrechtliche Vorschrift, die das Verfüttern von Backwaren an Wiederkäuer verbiete. Allerdings stelle der Wiederkäuer wegen seines komplizierten Magensystems besondere Ansprüche an die Ernährung: Nur rein pflanzliche und hygienisch einwandfreie Kost. Was auf keinen Fall gehe, seien verschimmelte oder mit Fleischprodukten belegte Backwaren. f.k.