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Tierwohl Haltungsformen und Ökolandbau- Pläne von Özdemir Aldi und Lidl

Landwirtschaft : Mehr Tierwohl: Muss Fleisch teurer werden?

Verbraucher wollen immer mehr Bio und immer mehr Tierwohl. Der Handel und die Politik haben große Pläne. Landwirte fühlen sich allein gelassen.

Wer durch den Discounter schlendert und den Blick schweifen lässt, wird mit so vielen Widersprüchen konfrontiert. Da liegen sie, die Frischekracher und Preisknaller,  paf-bumm, das Kilo Bratwurst für 3,98 Euro, die 700-Gramm-Packung Kotelett für 3,49. Schon von weitem leuchtet das Haltungsform-Logo dem Kunden rot entgegen. Haltungsform 1. Diese Tiere lebten eng gedrängt im Stall, haben nie grünes Gras oder den Himmel gesehen.

Zunehmend umzingelt werden diese Preis-Hits allerdings von Bio-Ware. Discounter und Supermärkte werben massiv mit den Hunderten Bioprodukten, die sie anbieten, mit bewusstem Genuss, fairen Preisen für die Landwirte und all den Plänen, die sie haben, um ihr Warensortiment in den kommenden Jahren noch nachhaltiger zu machen.

Während die Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) und Julia Klöckner (CDU) es trotz aller Ankündigungen und Versprechen nicht zustande gebracht haben, ein Tierwohlkennzeichen einzuführen, hat der Handel sich längst was einfallen lassen, um den Kunden zumindest Orientierung zu bieten. Er kennzeichnet seit 2019 die Haltungsform: Von Stallhaltung (Form 1) bis Premium (Form 4).

Die neue Bundesregierung will nun einen neuen Anlauf starten und noch dieses Jahr eine verbindliche Tierwohlkennzeichnung einführen. Wie die aussehen könnte, ist noch völlig offen. Fest steht aber, dass Bauern höhere Tierwohlstandards auch in ihrem Portemonnaie spüren sollen. Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir verwies diesbezüglich auf „tolle Ideen“ zweier Kommissionen, die noch die alte Regierung eingesetzt hatte. Im Gespräch ist unter anderem eine Tierwohlabgabe, denkbar wären zum Beispiel 40 Cent mehr pro Kilogramm Fleisch.

Waltraud Fesser, Ernährungs-Expertin der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz,  kann sich mit solch einer Idee anfreunden. Sie begrüßt es auch, dass Berlin einen massiven Ausbau des Biolandbaus plant: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Landbaufläche ökologisch bewirtschaftet werden. Das reiche aber nicht. „Wir brauchen auch eine Ernährungswende. Wenn wir uns weiter so ernähren wie bisher, dann wird das nichts mit dem Klimaschutz. Wir essen zu viele tierische Produkte“, sagt sie. Sie schlägt vor, die Mehrwertsteuer für Fleisch, Eier oder Milch von derzeit sieben auf 19 Prozent zu erhöhen und Obst und Gemüse gleichzeitig günstiger zu machen. Natürlich müsse es auch Menschen mit wenig Geld weiter möglich sein, sich nachhaltig und gesund zu ernähren. Dabei gehe es aber nicht um Fleisch. Sparen könnten Verbraucher auch, indem sie weniger wegwerfen, findet Fesser.

Froh mit den Berliner Plänen ist auch Regino Esch, Vorsitzender der Arbeitsgruppe ökologischer Landbau sowie des Bioland-Verbands Rheinland-Pfalz und Saarland. „Das macht Mut“, sagt der Eifeler Bio-Landwirt. Ihn freut es besonders, dass Ökolandbau nun zum „agrarischen Leitbild“ erklärt wurde.  Wie Özdemir es schaffen will, die Ökoflächen in nur acht Jahren zu vervielfachen, das bleibt im Moment allerdings noch recht vage. „Daran muss er sich messen lassen“, sagt Esch. „Es muss dann dafür auch Geld genug da sein.“ Beim Tierwohlkennzeichen solle die Regierung zudem möglichst bald klar formulieren, was sie will, „um sich nicht von Aldi und Lidl überholen zu lassen“. Denn die und andere Handelsketten haben viel vor: So hat Aldi angekündigt, bis 2030 bei Frischfleisch und Milch komplett auf die Haltungsformen 3 und 4  umzustellen.

„Wir wollen mehr Tierwohl und noch bessere Produkte und das alles zum Nulltarif“, schimpft Manfred Zelder, Milchviehhalter aus Wittlich und Chef des Kreisbauernverbands. Dem Lebensmitteleinzelhandel gehe es nur um den Umsatz. „Wir sind der Spielball“, sagt der Landwirt. Das unternehmerische Risiko werde voll und ganz auf den Bauern abgewälzt. Ihm habe noch keiner gesagt, was er denn mehr bekomme, wenn er in Tierwohl investiere. Und dann rechnet Zelder folgendes vor: Für die Haltungsform 2, die bei ihm im Laufstall relativ problemlos möglich sei, bekomme er 1,2 Cent mehr für den Liter Milch. Aber nur für die Milch, die der Handel auch tatsächlich verkaufe, nicht für all seine Milch. Das Risiko liege bei ihm. „Das ist nicht fair.“

 Insgesamt rechnet Zelder bei Haltungsform 2 mit Mehreinnahmen von 600 Euro pro Jahr. Die Kosten jedoch seien viel höher. Auch in der Abkalbebucht brauche er dann eine elektrische Kratzbürste, Kosten: 1500 Euro. Die Audits kosteten 400 Euro im Jahr. Bei diesen Kontrollen werde bis ins Detail geprüft, wie viel Platz jede Kuh habe. „Und wenn ein Fressplatz nur 79 Zentimeter breit ist und nicht  80, was mache ich dann? Umbauen? oder die Kuh schlachten?“ Haltungsform 3 kommt für ihn gar nicht in Frage. Zwar lässt er seine Kühe auf die Weide. Die ganze Herde gleichzeitig, das gehe aber aus Platzgründen nicht. Und einen Auslauf zu bauen, das koste eine fünfstellige Summe. Mehr Tierwohl, mehr Bio, wie die Bundesregierung dies plant, das sei „alles schön und gut, aber die Familien müssen auch über die Runden kommen. Es muss sich auch rechnen.“

„Mir laufen die Kosten in allen Bereichen davon“, sagt Zelder. 20.000 bis 25.000 Liter Diesel brauche er pro Jahr und die Kraftstoffpreise sind stark gestiegen. Zelder liebt seinen Beruf trotz allem, fürchtet aber, dass viele seiner Kollegen aufgeben werden.

Die Sorge treibt auch Verbraucherschützerin Waltraud Fesser um. Die Landwirtschaft müsse sich grundlegend verändern. „Aber, was uns überhaupt nicht hilft, ist, wenn Landwirte nicht mehr weitermachen.“ Diese bräuchten Planungssicherheit. Der Umbau von Ställen koste viel Geld. Tierwohl und Umweltschutz kosten Geld.

Immer mehr Verbrauchern scheint das klar zu sein. Denn sie lassen sich mit dem Versprechen bewussten Genusses in die Läden locken und greifen gezielt an den Preisknallern vorbei.