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Hochwasser
Gefahr, die aus dunklen Wolken kommt

FOTO: dpa / Friebe
Trier/Dudeldorf. So bereitet sich die Region auf Starkregen vor.

Ein warmer Spätsommertag in Dudeldorf. Blumen schmücken hübsch renovierte Bauernhäuser, friedlich plätschert der Dorfbrunnen. Unvorstellbar, welch dramatische Szenen sich hier und in vielen anderen Orten der Region vor kurzem abgespielt haben. „Ich bin 72. Aber so etwas habe ich noch nicht gesehen“, sagt ein Dudeldorfer und schüttelt den Kopf während er sich daran erinnert, wie die zerstörerischen Wassermassen plötzlich aus dem Nichts heranrollten und alles mit sich rissen, was ihnen im Weg stand.

Selbst in Orten, die vermeintlich sicher oben auf dem Berg liegen, führten Starkregen zu heftigen Überschwemmungen. Dabei ging alles rasend schnell. Josef Junk, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Bitburger Land berichtet von Menschen, die nur kurz ins Haus gingen, um den Autoschlüssel zu holen. Als sie wieder rauskamen, war das Auto fortgeschwemmt. Er berichtet von Ställen, in denen das Wasser nach nur zehn Minuten zwei Meter hoch stand, so dass die Kälbchen vor dem Ertrinken gerettet werden mussten. Und vom Bitburger Stausee, für den beim Starkregen am 1. Juni ein Zulauf in Höhe von 13,5 Millionen Litern Wasser pro Minute (!) gemessen wurde. Ein Vielfaches der normalen Wassermenge. Auch die dramatischen Szenen aus dem überfluteten Eifel-Zoo Lünebach dürften vielen in Erinnerung sein.

Die Schäden sind enorm, wenn auch schwer abzuschätzen. „Es gibt ja keine Meldepflicht“, sagt Ernst Mettlach, Sprecher des Trierer Rathauses, das nicht beziffern kann, wie teuer die Folgen des Unwetters sind, das vor wenigen Tagen zahlreiche Trierer Häuser flutete. Der Eifelkreis Bitburg-Prüm schätzt die Schäden bei Privaten auf 11,5 Millionen Euro. Hinzu kommt das, was die öffentliche Hand zahlen muss. Alleine in der VG Bitburger Land dürften das drei Millionen Euro sein. Aus dem Wittlicher Land sind der Kreisverwaltung Schäden in Höhe von 165 000 Euro bekannt. Es sei allerdings davon auszugehen, dass viele Betroffene sich gar nicht gemeldet haben. Die Kreisverwaltungen Vulkaneifel und Trier-Saarburg können keine Zahlen nennen.

Die Spuren der Verwüstung sind immer noch deutlich zu sehen. Vorgärten, Zäune, Balkone, Gehwege wurden weggeschwemmt, Häuser geflutet, Existenzen zerstört. Denn viele waren nicht gegen Starkregen versichert.

Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist groß: Im Eifelkreis sind mehr als 250 000 Euro Spendengeld eingegangen, um Hochwasser-Opfern zu helfen. 123 000 Euro wurden davon bisher als Soforthilfen ausgezahlt. Zudem wurden 143 Bautrockner kostenfrei an 101 Familien verliehen. Der Stromversorger innogy stellt ihnen kostenlosen Strom zur Verfügung und regionale Banken bieten sehr günstige Kredite an. Hinzu kommen 54 Fälle, in denen der Kreis mit öffentlichem Geld Soforthilfe geleistet hat: maximal 1500 Euro pro Fall. Der Kreis Trier-Saarburg zahlte sie zwei Mal.

Die Finanznothilfe des Landes hingegen läuft nur sehr schleppend an, da das Verfahren extrem aufwendig und bürokratisch ist. So sind bei der VG Bitburger Land zwar 21 Anträge eingegangen, ausgezahlt wurde aber noch nichts, da die meisten Unterlagen unvollständig waren.So müssen Geschädigte drei Angebote von Handwerkern einholen, was bei den übervollen Terminkalendern der Betriebe schwierig ist. Im Wittlicher Land wurde bisher nur ein Antrag eingereicht, aber noch nicht entschieden. Maximal können pro Haushalt 25 000 Euro gezahlt werden.

Die Kommunen reagieren. Rund 500 rheinland-pfälzische Gemeinden arbeiten aktuell laut Umweltministerium an der Starkregenvorsorge, indem sie Hochwasserschutzkonzepte erstellen. Darunter zahlreiche Orte der Region Trier. Das Land übernimmt 90 Prozent der Kosten.

Gemeinsam mit Hochwasserschutzexperten wie Frank Hömme vom gleichnamigen Planungsbüro in Pölich, analysieren die Verbandsgemeinden, Städte und Dörfer, wo bei ihnen die Probleme liegen und was dagegen unternommen werden sollte. Wichtige Hinweise kommen dabei von den Bürgern.

Nicht selten stößt Hömme auf Defizite, die schnell behoben werden sollten: Brücken unter denen gerade mal eine Handbreit Wasser durchpasst, stellen ein Risiko dar, da schon ein bisschen Holz den Durchfluss verstopfen kann. Manches Gitterrost vor einem Regenwasserkanal ist so eng, dass es „sich wie ein Teesieb zusetzt“. Bäche sollten regelmäßig von Treibholz befreit werden, damit das Wasser gut abfließen kann. „Es darf auch nicht sein, dass das Feuerwehrhaus das erste Gebäude ist, das absäuft“, sagt Hömme. Pumpen und Kommunikation müssen im Notfall funktionieren. Dennoch entdeckt der Diplom-Geograph auf seinen Rundgängen Trafos, die direkt neben dem Bach stehen. Ganz wichtig, aber nicht selbstverständlich: „Neue Baugebiete sollten nicht in Tiefenlinien geplant werden“, rät der Experte.

Die Kanäle blendet er bei seinen Analysen aus. Zu groß sind die Wassermengen: Wenn ein Boden normalerweise zehn bis 15 Liter Wasser pro Stunde aufnimmt, und es fallen 100 Liter, dann fließen 85 davon oberflächlich ab. „Bei solchen Mengen spielen weder Mulden noch Kanäle eine Rolle“, sagt der Diplom-Geograph. Größere Bedeutung haben Notwasserwege: zum Beispiel Straßen mit hohen Bordsteinen, die das Wasser ableiten können.

Manches ist sofort zu erledigen. So baut die Ortsgemeinde Trassem, die vier mal hintereinander überschwemmt wurde, eine Mauer, die die Wassermassen umleiten soll, sie verbreitert ein Bachbett und sie zahlt das Saatgut, mit dem ein Landwirt das große Maisfeld oberhalb des Ortes in Grünland umwandelt. Auch hat Trassem zwei geplante Neubaugebiete erst einmal auf Eis gelegt.

Im Bitburger Land wurden Stauwehre gesichert oder Bachbetten von großen Geröllmengen befreit. Andere Maßnahmen wie Bachrenaturierungen werden hingegen langfristig geplant.

Wer ein Haus hat, sollte vorsorgen. Frank Hömme rät jedem Hausbesitzer und Bauherren dazu, sich vor Starkregen zu schützen. Neubauten sollte man so platzieren, dass das Wasser nicht aufs Haus zugeführt wird. Zudem solle man darauf achten, dass die Stellen, wo Kanäle oder Leitungen von außen ins Haus kommen, druckwasserresistent sind. Das sei nicht selbstverständlich.

Ein großes Problem bei Altbauten ist, dass diese oft keine Rückstauklappen haben, die vor eindringendem Abwasser schützen. So seien in Tawern 60 Prozent der Schäden auf Kanalrückstau zurückzuführen. Hömme rät auch, zu überprüfen, wie gut Lichtschächte, Kellerfenster und Terrassentüren dem Wasser standhalten können. Im Garten könne man Mulden anlegen, durch die Wasser abströmen kann. „Wir appellieren, dass jeder sein Grundstück mit offenen Augen betrachtet und herausfindet, wo sich das Wasser sammeln könnte“. Natürlich dürfe man es dann nicht dem Nachbarn ins Wohnzimmer leiten.

Wer am Bach wohnt, muss sich an gewisse Regeln halten. Komposthaufen, Kaminholz oder Strohballen dürfen nicht in der Nähe eines Gewässers gelagert werden. Denn falls sie abgeschwemmt werden, könnten sie sich in Rohrdurchlässen oder unter Brücken verkeilen, so dass es zu Überschwemmungen kommt. „Da bewegt man sich auch haftungsrechtlich auf dünnem Eis“, sagt Hömme, der auch davor warnt, Grünschnitt an Bachböschungen zu entsorgen, weil darunter die Vegetation abstirbt, die den Boden festhält. Hütten oder Zäune müssen innerorts fünf und außerorts zehn Meter Abstand zum Gewässer haben. Das Umweltministerium weist darauf hin, dass Bußgelder drohen, wenn man sich nicht an die Regeln hält.

Schon versichert? Die Landesregierung ruft Bürger auf, sich gegen Elementargefahren zu versichern. Und zwar sowohl den Hausrat als auch das Haus an sich.

Anders als Hagel oder Sturm sind Starkregen nämlich nicht von der üblichen Gebäudeversicherung abgedeckt. „Grundsätzlich kann nur derjenige auf staatliche Hilfe hoffen, der sich gegen Elementarschäden nicht versichern kann!“ heißt es in einem Flyer der Elementarschadenskampagne, mit der das Land Bürger auf die Risiken aufmerksam macht. Selbst wenn das Land – so wie nach den schweren Unwettern im Frühjahr – Nothilfe zahlt, so bekommt man ohne Elementarschadensversicherung 80 Prozent weniger als jene, die versichert sind.

2012, vor dem Kampagnenstart, waren laut Umweltministerium 19 Prozent aller Hausbesitzer versichert. Aktuell seien es 33 Prozent. Das Mainzer Ziel sind 50 Prozent bis 2023.

Die meisten Häuser lassen sich problemlos gegen Elementargefahren wie Überschwemmung, Rückstau, Starkregen, oder Erdrutsch schützen. Und das ist auch gar nicht so teuer, wie mancher fürchtet. „100 Euro im Jahr sollte einem das schon Wert sein“, sagt Hochwasser-Experte Frank Hömme.

Nur in Einzelfällen kann es laut Umweltministerium passieren, dass ein Versicherer keinen Schutz gewährt. Zum Beispiel auf Flächen, die fast jedes Jahr unter Wasser stehen. „Ist es trotz aller Bemühungen nicht möglich, eine Elementarschadenversicherung abzuschließen, sollte man die Ablehnung aufheben“, rät das Ministerium. Denn sie wird benötigt, um später staatliche Hilfe zu bekommen. Weitere Infos unter www.naturgefahren.rlp.de

Das Risiko steigt. Bis vor einigen Jahren sahen Hochwasser meist so aus: Es regnete. Wochenlang. Und spätestens, wenn vielen Menschen von all dem trüben, nasskalten Grau selbst zum Weinen zumute war, stiegen die Pegel von Saar, Mosel oder Sauer so hoch, dass Radwege, Straßen und Dörfer in den Flüssen versanken. Das gibt es natürlich immer noch. Doch sehen Hochwasser heute immer öfter so aus: Es schüttet. Stundenlang. Begleitet von Hagel und Sturm, Blitz und Donner fallen unfassbare Wassermengen.

Es ist zu fürchten, dass es wegen des Klimawandels öfter zu solchen Starkregen kommt. Laut Mainzer Umweltministerium verursachen sie inzwischen mehr als die Hälfte der Überschwemmungen.

„Wegen der höheren Temperaturen hat die Atmosphäre mehr Energie und kann mehr Luftfeuchtigkeit aufnehmen,“ erklärt Ulrich Matthes vom rheinland-pfälzischen Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen. Dadurch steige das Risiko für Gewitter und Starkregen. Der Klimawandel fördere auch stationäre Wetterlagen, bei denen Gewitterwolken lange über einem Ort hängen. Dies liege daran, dass die Antarktis sich schneller erwärme als der Äquator. Der Temperaturunterschied werde so geringer und das wirke sich auf den Jetstream aus, eine erdumspannende Luftströmung, die das hiesige Wettergeschehen prägt. Immer öfter scheint diese wellenförmige Luftbewegung festzustecken. Die Folge sind mal lange Hitzeperioden, mal Starkregen.

Diese fallen allerdings sehr lokal begrenzt aus. Schon wenige Kilometer weiter kann die Sonne scheinen. „Das macht die Vorhersage so schwer“, sagt Matthes. Dass es manche Orte wie Trassem oder Dudeldorf mehrfach hintereinander erwischte, sei Zufall. Zwar habe die Geländeform einen gewissen Einfluss, was erklären könnte, warum es die Westhänge von Eifel und Hunsrück getroffen hat. Aber „je stärker ein Ereignis ist und je geringer der Zeitraum, desto weniger spielt die Topographie eine Rolle“, sagt er. Matthes rechnet damit, dass Starkregen sowohl intensiver als auch häufiger werden.

Statistiken des Deutschen Wetterdienstes zeigen, dass die Häufigkeit von Starkniederschlägen in den vergangenen 65 Jahren im Winter um 25 Prozent zugenommen hat. Es sei davon auszugehen, dass sich dieser Anstieg fortsetzt. Für die Sommermonate sei kein eindeutiger Trend auszumachen.

Das Mais-Problem: Alle Kulturen, die den Boden wie Mais lange Zeit nicht vollständig bedecken schneiden bei Starkregen deutlich schlechter ab als Getreide und viel schlechter als Grünland. Denn da, wo Pflanzen wachsen, fangen diese die Tropfen ab und bremsen deren Aufprall. Unter Wald oder im Grünland kann das Wasser versickern. Abfluss gibt es dort so gut wie gar nicht. Auf einem Feld mit jungem Mais hingegen trifft der Tropfen ungebremst auf den Boden und zerschlägt dessen Mikrostruktur, wodurch Poren verschlossen werden. Wasser fließt dann schnell ab. Bis zu 100 Tonnen Boden pro Hektar können bei Starkregen so verloren gehen.

Andere Feldbearbeitungsmethoden könnten helfen: kleinere Felder, mehr Grünstreifen, Untersaaten, Zwischenfrüchte oder eine pfluglose Bearbeitung mit Direktsaat. Die Saat erfolgt dabei ohne vorherige Bearbeitung des Bodens und ohne dass das alte Pflanzenmaterial vom Vorjahr entfernt wird.

Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Eifel testet solche Methoden aktuell auf einem Versuchsfeld bei Bitburg. Laut Christa Thiex haben sich nach den Starkregen viele Landwirte beim DLR gemeldet, um sich über andere Anbauverfahren zu informieren. „Da wird sich was verändern“, sagt Thiex. Auch der Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau befasst sich intensiv mit dem Thema. „Uns Landwirten ist auch daran gelegen. Wir wollen nicht dafür verantwortlich sein, dass andere den Keller voller Schlamm haben. Und es ist doch auch unser Boden. Unsere Existenzgrundlage“, sagt Präsident Michael Horper. Man arbeite auf vielen Ebenen an dem Thema.

Die Angst bleibt. Wer erlebt hat, wie schnell und unerwartet Starkregen ganz normale Tage in Katastrophen verwandelt, schaut nun mit anderen Augen nach Gewitterwolken. Unter ihnen auch der Inhaber einer Dudeldorfer Gärtnerei, vor dessen Türe auf der Straße Autos vorbeischwammen. In den Resten seines Gartenzauns steckten Forellen. „Die Welle war höher als ich“, sagt er. Er selbst habe noch Glück gehabt, da er seine Türe mit Säcken voller Blumenerde sichern konnte. Einige Nachbarhäuser hingegen sind derzeit nicht bewohnbar. Jahre könnte es dauern, bis alle Schäden beseitigt sind, die die Wassermassen innerhalb weniger Stunden verursachten.

Der Trierische Volksfreund organisiert ein Forum zum Thema „Starkregen und Katastrophenschutz“: am Mittwoch, 17. Oktober, 19.30, im Haus Kayl, Oberkail. Vor Ort sind ausgewiesene Experten, die mit Politikern und Feuerwehrleuten über das Risiko Starkregen diskutieren. Natürlich haben Bürger die Möglichkeit, Fragen zu stellen.

Die Feuerwehr ist bei Starkregen im Dauereinsatz, so wie hier in der Verbandsgemeinde Konz.
Die Feuerwehr ist bei Starkregen im Dauereinsatz, so wie hier in der Verbandsgemeinde Konz. FOTO: Florian Blaes
Dudeldorf im Juni: Bewohner und Helfer sind nach einem Unwetter mit Aufräumarbeiten beschäftigt.
Dudeldorf im Juni: Bewohner und Helfer sind nach einem Unwetter mit Aufräumarbeiten beschäftigt. FOTO: dpa / Harald Tittel