Sonnenbrillen für die Römerin

Sonnenbrillen für die Römerin

TRIER. Bis zur Eröffnung des Einkaufszentrums auf dem ehemaligen Paulinus-Gelände müssen sich die Trierer noch gedulden. Gelegenheit zur Besichtigung der Baustelle gab es bereits vorab. Doch nur von außen; das Betreten der Riesenbaustelle war nicht erlaubt.

Sie heißt Portia, ist eine römische Sklavin und - wie sie selbst sagt - schon seit 1700 Jahren tot. Ebenso lange sucht sie bereits nach einer Spange, die sie einst von ihrem Geliebten geschenkt bekam. Keinen Aufwand hat Portia gescheut, um das gute Stück zu finden. "Den ganzen Häuserblock habe ich niederreißen lassen", erzählt die Römerin auf der derzeit größten Baustelle in der Trierer Innenstadt. Ihre Mühe hat sich gelohnt, stolz präsentiert sie ihren wieder entdeckten Schmuck nun den Umstehenden.Kleine Inszenierung

Mit dieser kleinen Inszenierung wollten sich die Baubetreuer der Trier-Galerie schon jetzt bei ihren künftigen Kunden ins Gespräch bringen. Auf den Relikten vergangener Zeiten soll die "Zukunft des Shoppings" entstehen - so verheißt es zumindest ein Aufkleber, den jeder Besucher in die Hand gedrückt bekam. In knappen Worten beschrieb Verena Specht-Ronique, die Darstellerin der Portia, was die Archäologen bislang ausgegraben haben - die Überreste einer Straße oder Wandmalereien eines römischen Hauses. Schicht für Schicht liegen die Spuren vieler Jahrhunderte übereinander. "Sechs Meter Zivilisation" nannte es die Römerin. Ihr Vortrag ging nicht ins Detail, nach gut zehn Minuten, die mehr mit Plaudereien gefüllt waren als mit Informationen, war sie auch schon wieder in der Gegenwart angekommen. Statt einer trockenen Führung eine lockere Aufführung - diese Idee fand bei den Zuhörern jedoch ein geteiltes Echo. "Uns hat es gut gefallen", sagte Familie Hoffmann aus Langsur, "vor allem, dass wir Gelegenheit hatten, uns das alles einmal anzusehen." Daneben gab es aber auch zahlreiche enttäuschte Stimmen. Dass die Ausgrabungsfläche nicht betreten werden durfte, war nur einer der Kritikpunkte, ein durchaus nachvollziehbarer für Projektleiterin Andrea Meyer: "Wir hätten gerne einen Experten vom Landesmuseum dabei gehabt, aber das war leider nicht möglich." Viele Fragen zu spezielleren Themen mussten daher unbeantwortet bleiben. "Diese Veranstaltung war zu touristisch", brachte es eine andere Besucherin auf den Punkt. "Dabei sind die Trierer sehr an ihrer Stadtgeschichte interessiert." Portia allerdings hatte inzwischen die Mode des 21. Jahrhunderts entdeckt. Wirklich gefallen wollten ihr die Schmuckstücke nicht, da blieb sie lieber bei ihrer römischen Spange. Besonders wunderte sie sich über eine Sonnenbrille. Damit wusste die Zeitreisende nichts anzufangen, probierte sie zunächst als Halsreif. Aber wenn so etwas im neuen Einkaufszentrum zu erwerben ist, dann werde schon alles seine Richtigkeit haben. Weil schon die Römerinnen so gerne auf Shoppingtour gingen wie die Frauen unserer Tage, griff sich Portia einen der Männer aus dem Publikum und verschwand mit ihm. Vielleicht kauft er ihr ja eine Sonnenbrille.

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