Von Gestern für Heute lernen

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TRIER. Die Vergangenheit liefert wichtige Impulse für die Gegenwart – davon ist Professor Alfred Haverkamp überzeugt. 1996 gründete er das Arye-Maimon-Institut für die Geschichte der Juden an der Universität Trier. Zehn Jahre später ist die Arbeit der Einrichtung aktueller denn je.

"Ich wüsste gerne, was geschähe, wenn in der Trierer Judengasse heute Muslime lebten und dort eine Moschee wäre." Für Alfred Haverkamp, emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte, sind Schwierigkeiten im Umgang mit "dem Anderen" etwas, das es immer wieder gibt und gegeben hat. Die Vergangenheit lehre, was geschehe, wenn der "Andere" als "Fremder" abgestempelt statt als Mitmensch betrachtet werde. Und welche Folgen es habe, Religion mit Kultur gleichzusetzen. "Das Erfahrungsreservoir aus der Geschichte kann uns wappnen gegenüber Kurzschlüssen heute." In diesen Zusammenhang stellt Haverkamp die Arbeit des vor zehn Jahren von ihm gegründeten Arye-Maimon-Instituts an der Uni Trier. Es entstand 1996 als Ergebnis von Bleibe-Verhandlungen Haverkamps mit der Uni Trier. Schon seit den 70er-Jahren hatte sich der Historiker mit der Geschichte der Juden beschäftigt. Das Institut erforscht diese mit Schwerpunkten auf Mittel- und Westeuropa sowie Mittelalter und frühe Neuzeit. Ein Mitarbeiter ist bei der von Haverkamp geleiteten Einrichtung beschäftigt, eine zweite Stelle wurde, sehr zum Ärger des Professors, gestrichen. Sechs der acht von Haverkamp geleiteten Drittmittelprojekte - also über externe Geldgeber finanzierte Forschungsvorhaben - mit einem jährlichen Volumen von mehr als einer halben Million Euro sind eng mit dem Institut verbunden. Auf diese Weise arbeiten ihm zehn weitere Mitarbeiter zu. Im Zentrum von Haverkamps Forschungen stehen die Menschen: Wo haben sie gelebt? Wie haben sie zusammen gelebt? Die Juden müssten als Bestandteil der Geschichte begriffen werden, fordert Haverkamp. "Wir dürfen sie nicht als anonyme Masse sehen. Sie gehörten dazu. Wir sind auf Dauer mit ihnen verbunden." In Trier hätten Juden und Christen über Jahrhunderte hinweg friedlich nebeneinander gewohnt. "Es ist ein Vorurteil, dass es immer Probleme gegeben hätte." Natürlich bestehe ein theologischer Konflikt. "Aber deshalb kann man trotzdem normal zusammenleben." Das Arye-Maimon-Institut verfüge über eine einzigartige Stellung innerhalb der europäischen Forschungslandschaft und werde als "Trierer Schule" vor allem von US-amerikanischen und israelischen Forschern hervorgehoben, sagt Haverkamp. Zu den wichtigsten Projekten zählt ein 2002 erschienenes, viel beachtetes Kartenwerk zur Geschichte der Juden zwischen Nordsee und Südalpen im Mittelalter. Mehrere Tagungen wurden organisiert, zahlreiche Schriften publiziert. Schon vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten habe es Ansätze einer übergreifenden christlich-jüdischen Geschichts-Forschung gegeben, berichtet Haverkamp. Einer der damals auf diesem Gebiet engagierten Wissenschaftler war Arye Maimon, der Namensgeber des Instituts (siehe Kasten), einem Freund des Trierer Professors. Nach dem Krieg habe diese Forschungsrichtung lange brach gelegen. Haverkamp, der sich seit den 70er Jahren mit der Geschichte der Juden beschäftigt, legt Wert darauf, dass das Institut sich nicht nur der Wissenschaft widmet, sondern auch der Lehre. "Nur dann kann die Arbeit fruchtbar sein." Wunsch: Zentrum für Kultur und Geschichte der Juden

Der Konflikt zwischen den Religionen werde eine Herausforderung bleiben, sagt Alfred Haverkamp - gerade in einer globalisierten Welt: "Durch die modernen Kommunikationsmittel ist ,das Andere' eine tägliche Erfahrung." Um dem Thema größere Aufmerksamkeit zu sichern, hat Haverkamp ein Konzept für ein Zentrum für Geschichte und Kultur der Juden in Trier erarbeitet. "Dass das eine Herzensangelegenheit ist, werde ich schon zum Ausdruck bringen", sagt er vor dem öffentlichen Festakt zum zehnjährigen Bestehen des Instituts am 8. November um 18 Uhr, zu dem viel Prominenz im Hörsaal 2 erwartet wird. Den Festvortrag hält Professor Israel Yuval von der hebräischen Universität in Jerusalem über den wichtigsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters, Mose ben Maimon.

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