Watt kuggsde?

Wenn bei uns der Schornsteinfeger aus dem Hausinneren aufs Dach will, muss er durch ein kleines, auf dem Dach flach aufliegendes Fensterchen hinausklettern. Das ist nicht so einfach und neulich hörte ich von einem nicht mehr ganz schlanken Vertreter dieses Berufs den Seufzer: "Dorsch die Keigk passen eisch baal nömmie dorsch.

"
Da wurde der Mundartfreund in mir sofort wach, denn das Wort Keigk für ein Dachfenster hatte ich lange nicht mehr gehört. Ich erinnerte mich, dass es auf den alten Häusern in Pallien, wo ich groß wurde, kleine, spitzgiebelige Dachgauben gab, nur eine winzige Fensterscheibe groß. Die hießen Dachkeigken.
Geläufig ist das Wort Keigken im Trierischen als eine scherzhaft-liebevolle Bezeichnung für die Augen. Haal dein Keigken obb, wennsde iewer de Straoß giest! (sinngemäß: Sei aufmerksam beim Überqueren der Straße!) Die Herkunft des Wortes ist klar. Es steckt das niederdeutsche Verb kieken (sehen, schauen) dahinter. Im Moselfränkischen taucht kieken dann als keigken, kuggen und kaugken wieder auf. Dachkeigken sind also sozusagen die Augen des Daches. Ein schönes Bild.
Was der Trierer mit seinen Keigken tut, ist sien (sehen) und kuggen (gucken). Das Wort schauen gibt es im Trierischen nicht. Sien (seltener gebraucht) und kuggen unterscheiden sich deutlich in ihren Bedeutungen. Sien ist eine passive Betätigung, kuggen eine aktive. Wenn wir mit dem Zug an der Mosel entlang fahren, dann sien mer vill Dörfer. Wenn wir mit dem Auto an der Mosel entlang fahren, halten wir öfter mal an, und dann kuggen mer vill Dörfer. In einem dieser Dörfer haben wir von Weitem auch schon die Kirche gesien, dann sind wir hingefahren, um sie zu kuggen. Beim Kuggen sind die Augen, manchmal der ganze Körper, in Bewegung. Kugg maol, ob noch ebbes fir ze Ääßen ömm Kühlschrank öss. (Schau mal, ob noch etwas Essbares im Kühlschrank ist.) Mer haonn gekuggt u gekuggt, aawer neist gesien. (Wir haben intensiv geschaut, aber nichts erblickt). Watt kuggsde? (Was soll dieser Blick bedeuten?) Dao kuggsde! (Jetzt bist du überrascht!)
Das Wort sien kommt aber dann doch noch zu seinem Recht, nämlich in den beiden Ausrufen siesde! und sissde! (beides: siehst du!). Siesde! sagt man, wenn sich eine Erklärung als zutreffend erweist, mit dem scharf klingenden sissde! (sinngemäß: das habe ich ja gleich gesagt!) brüstet sich der Rechthaber.
Außer sien und kuggen kann man auch noch lunzen und spingksen. Das ist heimliches Schauen. In der Schule wird während des Unterichtes unter demTisch aufs Handy gelunzt, bei der Klassenarbeit schon mal beim Nachbarn gespingkst.
Horst Schmitt ist Autor des Trierer Wörterbuchs, das im Trier-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich ist. Gemeinsam mit Josef Marx hat er über 10 000 Stichwörter in Hochdeutsch-Trierisch und Trierisch-Hochdeutsch zusammengetragen. Die beiden Autoren erläutern in unserer Kolumne "Trierisch balaawern" wöchentlich Besonderheiten der Trierer Mundart.

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