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Historie
Aus der Vulkaneifel in die weite Welt

 Maria  Reese zusammen mit ihrem Sohn Harro Dagobert
Maria Reese zusammen mit ihrem Sohn Harro Dagobert FOTO: g_wojo <g_wojo@volksfreund.de> / unbekannt
Gerolstein/Wittlich. Ihre Biografie ist ein Zickzack-Kurs. Sie beginnt bei Gerolstein, führt über Wittlich durch halb Europa und endet an der Mosel. Zum 130. Geburtstag der Politikerin Maria Reese wirft der TV in seiner Serie Jahrestage einen Blick auf ihr bewegtes Leben. Von Julia Nemesheimer

Als Maria Reese am 5. Januar 1889 in Michelbach bei Gerolstein zur Welt kommt, ahnt niemand, dass sie es aus der Vulkaneifel bis nach Berlin in den Reichstag bringen wird, von der SPD zur KPD wechselt und später als NS-Propagandistin arbeitet und wieder in die Region zurückkehrt.

Wie konnte es zu diesem politischen Wechselbad kommen und vor allem: Wer war diese Frau? Um die Wende zum 20. Jahrhundert erstarken die Frauenrechte, und das junge Mädchen aus einer katholischen Lehrerfamilie erhält eine fundierte Bildung an Schulen in Trier, Bonn und in den Niederlanden. Ein Regelfall für die Eifel ist das nicht – die meisten Mädchen hier in ihrem Alter verbleiben am Herd mit rudimentärer Bildung.

1912 bekommt Maria Reese ihr Examen als Lehrerin und will in Lüxem unterrichten. Sie scheitert jedoch an der Kirche. Ein Pastor protestiert gegen ihre Anstellung mit dem Argument, sie als Frau könne den Kaplan nicht vertreten.

Erst der Erste Weltkrieg lässt sie ihren Beruf ausüben: Viele Männer müssen an die Front, da dürfen auch die Frauen unterrichten. Drei Jahre lang ist sie als Lehrerin tätig, dann wird sie wegen ihres Einsatzes für eine bessere Behandlung französischer Kriegsgefangener fünf Monate  inhaftiert. All diese Erfahrungen politisieren die junge Frau, die 1919 bei den Trierer Sozialdemokraten Mitglied wird. In den folgenden Jahren schreibt Maria Reese als Redakteurin für die sozialdemokratische Zeitschrift „Volkswacht“. Sie ist zudem als Referentin für Frauen und Jugendfragen tätig.

1923 heiratet sie den Sozialdemokraten Gottlieb Reese, mit dem sie zusammen aus dem französischen Besatzungsgebiet ausgewiesen wird. Das Paar zieht nach Hannover, bekommt einen Sohn, Harro Dagobert.  Insbesondere Maria Reese bleibt weiterhin politisch aktiv. 1928 wird sie für die SPD in den Berliner Reichstag gewählt. Im gleichen Jahr zerbricht ihre Ehe mit Reese.

 Maria Reese: Das Foto links zeigt sie als junge Frau. Rechts ist sie mit ihrem Sohn Harro Dagobert zu sehen.
Maria Reese: Das Foto links zeigt sie als junge Frau. Rechts ist sie mit ihrem Sohn Harro Dagobert zu sehen. FOTO: John Daniel (daj) / unbekannt

Politisch gibt es nur ein Jahr später einen Wechsel zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), nachdem ihr die SPD zu bürgerlich erschien. Für die KPD sitzt sie bis 1933 im Reichstag und zählt neben Clara Zetkin, mit der sie seit Anfang der 1920er Jahre befreundet ist, zu den bekanntesten Kommunistinnen Deutschlands. Ihre scharfen Reden richten sich gegen den Nationalsozialismus und für die Rechte der Frauen. Dennoch kommt es zum Bruch mit der Partei. Bei einer Reise nach Moskau missfällt ihr  unter anderem das unterwürfige Verhalten der deutschen Exil-Kommunisten. Dies und der wenig erfolgreiche Kampf gegen die Nationalsozialisten lassen sie an ihrer Partei zweifeln.

In ihren Schriften richtet sie sich nun gegen den Kommunismus und den Nationalismus gleichermaßen. Als Folge wird sie von beiden verfolgt. Sie flüchtet ins Ausland, nach Dänemark, anschließend nach Schweden. Die jedoch weisen sie nach einer Verhaftung aus. Die nächsten Stationen heißen Leningrad und Moskau. Nur mit Hilfe von Clara Zetkin gelingt Maria Reese hier die Flucht vor den ehemaligen kommunistischen Genossen. Der nächste Halt ist Paris, kurz darauf folgt das Saarland. 1935 lassen die Nationalsozialisten Reese zurück nach Lüxem. Grund hierfür ist ihre offen anti-stalinistische Haltung, die gut zur NS-Propaganda passt. In den folgenden Jahren spricht sie häufig, auch im Rundfunk, über ihre Abkehr vom Kommunismus und veröffentlicht 1938 das Buch „Abrechnung mit Moskau“. Bis 1944 arbeitet sie, teilweise in Berlin, für das Propaganda-Ministerium. Im gleichen Jahr verliert sie ihren einzigen Sohn, der an der Ostfront fälschlicherweise als Deserteur hingerichtet wird.

Nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat im Juli 1944 auf Hitler wird deutlich, dass die Nationalsozialisten der ehemaligen Kommunistin nicht trauen. Ebenso wie viele andere Personen, denen die Machthaber misstrauen, wird sie in Wittlich und Trier inhaftiert. Nach Kriegsende wird sie von den Franzosen fast zwei Jahre lang in der Festung Landau zwecks Entnazifizierung interniert. In den letzten Jahren ihres Lebens zieht sich die vormals so aktive Politikerin und Journalistin zurück. Sie nimmt den Lehrerberuf teilweise wieder auf und findet Halt im Glauben, nachdem sie in den 1920er Jahren aus der Kirche ausgetreten war. Nach den Schicksalsschlägen während des Krieges konvertiert sie erneut zum Katholizismus. Zwischendurch arbeitet sie bei Wilhelmshaven in einer Volksschule. In den letzten Jahren wohnt sie in Lüxem. Ein Grund dafür dürfte die Hilfe des ansässigen Pfarrers gewesen sein, der sie auch finanziell unterstützt. Nur zwei Tage vor ihrem Tod zieht sie um nach Zell an der Mosel. Hier stirbt sie mit fast 70 Jahren am 9. Oktober 1958.
Sie hinterlässt viele Reden, die noch heute bei den Reichstagsprotokollen nachlesbar sind und eine Biographie voller Wendungen, deren Wurzeln in der Vulkaneifel liegen.