BAP-Sänger Wolfgang Niedecken feiert 70. Geburtstag

Musiker : Ein Restkatholik – mit antirassistischem Herz

Der Kölsch-Rocksänger Wolfgang Niedecken wird morgen 70 Jahre alt. Warum ihm sein Vater auf jeder Platte begegnet und wie seine Zeit bei den Pallotinern war, hat Andreas Otto von der Katholischen Nachrichtenagentur recherchiert.

(KNA) Es gehört zum Alltagsgeschäft von Wolfgang Niedecken, großen Fernseh- oder Zeitungsredaktionen Rede und Antwort zu stehen. Der Kopf der Kölner Rockband BAP ist sich aber nicht zu schade für die kleine Auflage und antwortete daher kürzlich auch auf die Fragen des „MartinsEchos“, des Pfarrbriefs der katholischen Gemeinde St. Martin in Rheinbach.

Denn im Internat der Pallottiner in der Voreifelstadt hat er nicht nur seine Schulzeit verbracht und – wie er erst spät offenbarte – Gewalt und Missbrauch erlebt. Hier begann auch die musikalische Karriere des Künstlers, dessen Songs sich um Liebe und den folgenden Kummer drehen, der aber auch gegen Rassismus ansingt und sozialkritische Töne anschlägt – und das alles auf Kölsch. Am Dienstag, 30. März, wird der Musiker 70 Jahre alt.

Erst im Herbst vergangenen Jahres brachte seine 1976 gegründete Gruppe unter dem Titel „Alles fließt“ das 20. Studio-Album heraus. Hinzu kommen fünf Solo-Alben des Band-Leaders. Die Texte von fast 300 Songs sind auf der Homepage „Niedeckens Bap“ versammelt, inklusive der Übersetzung ins Hochdeutsche.

Niedecken kam 1951 im Krankenhaus „Vringsklösterchen“ in Köln zur Welt. Seine Eltern hatten in der Südstadt einen Lebensmittelladen. Weil sie keine Zeit fanden, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen, suchte sein Vater, ein „extrem frommer Katholik“, für den angehenden Gymnasiasten ein Internat – und wurde in Rheinbach fündig. Vom Konvikt Sankt Albert des Pallottiner-Ordens war es nicht weit zum Städtischen Gymnasium. Das ist das Umfeld, in dem er zum Musiker und Sänger wurde.

„Es war alles in allem eine wunderschöne Jugend“, blickt Niedecken zurück und denkt an Zeltlager oder Schlittschuhfahren auf zugefrorenen Weihern. In der Hippie-Zeit von 1968/69 habe er dann mehr seine Band „the troop“ und seine erste Freundin im Kopf gehabt – die Schule dagegen mehr als „Gasthörer“ erlebt.

Das Gymnasium verließ Niedecken ohne Abschluss – und es sah erst gar nicht nach Musikerkarriere aus. Ohne Abi begann er ein Studium der Malerei, eine Leidenschaft, die sich in eigenen Cover-Bildern spiegelt. In dieser Phase trafen sich einige alte Kumpels, um nur „zum Spaßhaben“ nach Feierabend „einen Kasten Bier leerzuproben“. Schließlich kamen dann doch öffentliche Auftritte.

Weil Niedecken in der Gruppe immer viel von seinem sparsamen „Bapp“ – also Vater – sprach, wurden auch er und schließlich die Band so genannt. Ein Mitglied bestand aber darauf, das zweite „P“ zu streichen, denn „dat sieht scheiße uss“.

Ausgerechnet der Vater, von dem sich Niedecken so entfremdet hatte, wurde zum Namensgeber. In Kindertagen waren sie noch ein „Herz und eine Seele“, wie der Musiker in seiner Autobiografie schreibt. Sein „Bapp“ war es auch, der den Missbrauch im Internat beendete. Ein Pater hatte Schläge verteilt, wenn die Vokabeln nicht saßen. „Und wenn man keine Fehler mehr machte, durfte man sich bei ihm auf den Schoß setzen, und dann ging es mit der Fummelei los“, so Niedecken: „Gott sei Dank bin ich da ohne Spätfolgen rausgekommen.“ Der Pater war von einem auf dem anderen Tag weg, nachdem die Striemen auf dem Rücken des Jungen dem Vater aufgefallen waren und er sich umgehend in Rheinbach beschwerte.

Mit dem „linientreuen Adenauer-Anhänger“ lieferte sich der jugendliche Niedecken „Grabenkämpfe“, wie er es beschreibt, und er „trieb ihn in die Enge“ wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft. Die bis zum Tod des Vaters währende Sprachlosigkeit verarbeitete Niedecken 1981 im Song „Verdamp lang her“, dem am häufigsten live gespielten Hit der Band. „Heute weiß ich, dass mein Vater ein viel zu leichtes Opfer war“, so der Musiker. Dass er ihm nun auf jeder Plattenhülle begegnet, komme ihm so vor, „als hätten wir uns über alle Abgründe hinweg doch noch die Hände gereicht“.

Versöhnliche Töne gelten auch der Kirche. Wegen ihres Umgangs mit Kirchenkritikern oder dem „realitätsfernen Beharren“ auf dem Zölibat trat Niedecken vor Jahrzehnten aus. Ein wenig aber bereut der Musiker, der aus erster Ehe zwei Söhne, aus zweiter Ehe zwei Töchter und nun zwei Enkel hat, dass er seine Kinder nicht religiös erzogen hat. Sich selbst definiert der Kölner als „restkatholisch“, diese Haltung sei in der DNA angelegt.

Vielleicht gründet darin sein soziales und gesellschaftliches Engagement. 1982 setzte er in „Kristallnaach“ ein musikalisches Zeichen gegen rechts. Zehn Jahre später textete er den Titelsong „Arsch huh, Zäng ussenander“ für das Konzert Kölner Künstler „gegen Rassismus und Neonazis“. Seit Jahrzehnten engagiert er sich dafür, Kindersoldaten in Afrika eine neue Perspektive zu geben.

Den bevorstehenden Geburtstag wollte der Rock ’n’ Roller mit einem Konzert in der Kölner Lanxess Arena feiern, was wegen Corona verschoben ist. Vor zehn Jahren mussten sich die BAPtisten auch schon mal gedulden; nach einem Schlaganfall von Niedecken wurde die „Extratour“ nachgeholt. Ans Aufhören denkt der Sänger auch mit 70 nicht: „Musik ist mein Lebensmittel.“

(kna)