Opfer des eigenen Anspruchs

Opfer des eigenen Anspruchs

Seit das deutsche Episkopat den Trierer Bischof zum Chefaufklärer in Sachen innerkirchlicher Missbrauch ernannt hat, gab es für Stephan Ackermann - neben vereinzelter Kritik - vor allem viele lobende Worte und Anerkennung. Das spricht dafür, dass der katholische Krisenmanager bislang einen guten Job gemacht hat.

Der Trierer Oberhirte hat wesentlich dazu beigetragen, dass die durch den Missbrauchsskandal in ihren Grundfesten erschütterte katholische Kirche zumindest ein wenig Glaubwürdigkeit zurückgewonnen hat. Auch das ist schon eine Leistung.
Wie brüchig und schnelllebig dieser Erfolg ist, kann Stephan Ackermann jetzt im eigenen Bistum sehen. Der 48-Jährige steht plötzlich selbst massiv in der Kritik, weil ein Anfang des Jahres bekanntgewordener Missbrauchsfall erst mit knapp einjähriger Verspätung öffentlich gemacht wurde, der betroffene Priester in der Zwischenzeit weiter Messen feiern und Sakramente spenden durfte.
Man muss kein Häretiker sein, um aus diesem Verhalten den Schluss ziehen zu können, dass in Kirchenkreisen unangenehme Wahrheiten immer noch lieber vertuscht als offen eingestanden werden. Der bedingungslose Aufklärer Ackermann ist zum Opfer seines eigenen Anspruchs geworden.
Da spielt es auch keine Rolle, ob der Trierer Bischof im Fall des Burbacher Priesters über jeden einzelnen Schritt seiner Untergebenen im Generalvikariat informiert war. Er ist der Chef und hat dafür zu sorgen, dass auch nicht der geringste Verdacht aufkommen kann, da solle womöglich etwas unter den Teppich gekehrt werden.
Deshalb ist jetzt auch Stephan Ackermann in der Pflicht, den innerkirchlichen Scherbenhaufen in seinem Bistum zusammenzukehren.
Nicht die Kritiker müssen auf den Trierer Bischof zugehen, sondern Stephan Ackermann muss das Gespräch mit ihnen suchen.
Dass das Bistum inzwischen eingesteht, einen Fehler gemacht zu haben, ist für dieses Treffen zumindest eine gute Grundlage.
Klar ist aber auch: Einen weiteren derartigen Vorfall darf sich der kirchliche Missbrauchsbeauftragte nicht leisten.
r.seydewitz@volksfreund.de