Gesellschaft

Zur Berichterstattung über die Mautpläne von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (TV vom 8. Juli) und zum Leserbrief "Idiotisch und frech" (TV vom 12./13. Juli):

Wie blauäugig sind unsere Politiker, wenn sie meinen, dass nur Deutschland die Maut einführt und die Nachbarländer staunend zuschauen? Sollte es so weit kommen, dass der Vorschlag von Minister Dobrindt Wirklichkeit würde und in den anderen Ländern ebenfalls die Maut eingeführt wird, werde ich es mir überlegen, ob ich noch einmal an der Nordseeküste in Holland Urlaub mache. Denn dann dürfte ich in Belgien und Holland meinen Obolus entrichten. Ach ja, mein Sohn wartet am Flughafen in Luxemburg auf Abholung. Auch hier dürfte ich zahlen. Beim Blick aus der Windschutzscheibe muss ich aufpassen, dass ich den Durchblick nach Anbringen aller Vignetten nach vorne nicht verliere und nicht mehr weiß, wo ich bei der nächsten Wahl mein Kreuz mache. Übrigens reicht die angestrebte Summe (nach Abzug aller Kosten) nicht einmal aus, um die nächste Zahlung an Herrn Mehdorn für den Ausbau des Berliner Flughafens zu leisten. Hugo Thiel, Brauneberg Sehr geehrter Herr Schammel, was Sie als "idiotisch und frech" deklarieren, ist gängige Praxis in Frankreich, Österreich, Italien, Schweiz, Norwegen, Portugal, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn und so weiter. Natürlich kann man über das Für und Wider einer Maut diskutieren, ebenso, ob dann zum Beispiel Luxemburg für Autofahrer eine Vignette einführen soll. Idiotisch und frech finde ich, wenn Sie bei solch einer Diskussion Deutschland sofort wieder historisch verorten, hier "Das deutsche Volk über allem …". Eigentlich widerspricht das Ihrer karitativen Botschaft, dass Luxemburger Deutsche vor dem Verhungern retten, da sie in Luxemburg ihr Brot verdienen dürfen. Eine Dominanz und Überheblichkeit dürfte eher bei Ihnen zu suchen sein, da Sie, bewusst oder unbewusst, Deutschland auf ein Entwicklungsland reduzieren. Habe in Luxemburg gearbeitet und lebe mit einer luxemburgischen Frau in Deutschland. Unsere Wahrnehmungen divergieren mit Ihren Wahrnehmungen, wobei Luxemburg in der Vergangenheit überproportional von der EU, dem Bankwesen und dem Know-how von Grenzgängern profitiert hat. Es ist ein Geben und Nehmen, worauf sich auch der Wohlstand von Luxemburg manifestiert hat. Wolfram Bauer, Nittel Herr Schammel, Sie stellen fest, dass der deutsche Verkehrsminister, der ein Bayer ist, ein großes Problem mit seinen Mautplänen hat. Ich auch, und mit mir sicherlich auch 60 bis 70 Millionen Landsleute. Ich hoffe und wünsche, dass ihn die EU zurückpfeift. Daraus Rückschlüsse auf unsere gemeinsame Geschichte zu ziehen und dem noch hinzuzufügen "Das deutsche Volk über allem …", ist die eigentliche Frechheit, die hier zum Ausdruck kommt! Horst Hautz, Nittel Die Maut kommt, weil ein bayerischer Stammtischparolenpolitiker dies so haben will. Wer glaubt, dass die Maut für deutsche Autofahrer kostenneutral ist, muss nur mal abwarten, bis sie das erste Mal erhöht und im Gegenzug die KFZ-Steuer dann nicht mehr gesenkt wird! Geld ist genug in der KFZ-Kasse, da aber über 70 Prozent zweckentfremdet verwendet werden für Wahlgeschenke/soziale Wohltaten, sollten die Herren das auch endlich einmal zugeben. Warum schafft man nicht eine Lösung auf europäischer Ebene? Die EU kann doch sonst auch alles regeln, wieso das nicht? Wieso kocht jedes Land hier sein eigenes Süppchen? Wenn ich mit einem Maut-Gerät beispielsweise in Deutschland unterwegs bin, zahle ich Maut in Deutschland, wenn ich in Frankreich unterwegs bin, in Frankreich und so weiter. Ich erinnere daran, dass die Schweiz und Österreich diese Pickerl haben, und wenn wir dort hinfahren und dann auch noch die unsinnige Umweltplakette an der Scheibe kleben haben, wird das Sichtfeld stark eingeschränkt. Lasst Seehofer und Dobrindt die Maut auf bayerischen Autobahnen, der Rest Deutschlands sollte befreit bleiben. Markus Benzmüller, Mülheim Ich gebe Herrn Schammel aus Luxemburg insoweit recht, dass die drohende Straßennutzungssteuer/-gebühr für alle mit Mehrkosten verbunden sein wird. Ich kann mir vorstellen, wenn diese Maut eingeführt wird, dass die angrenzenden Länder auf Dauer, aus welchen Gründen auch immer, ebenfalls eine Maut einführen werden. Da ich regelmäßig nicht nur nach Luxemburg, sondern auch nach Frankreich und Belgien fahre, kann ich mich auf diverse Straßennutzungsgebühren einstellen. Was mir am Leserbrief des Herrn Schammel nicht gefällt, ist die These, dass 110 000 Grenzgänger nach Luxemburg zur Arbeit kommen, um dem Verhungern zu entgehen. Sollten diese "Hungerleider" morgen plötzlich zu Hause bleiben, wer wird dann in Luxemburg die anfallenden Arbeiten leisten? Doch nicht der Luxemburger etwa? Unter zehn Prozent der luxemburgischen Schulabgänger erlernen doch heute nur noch einen Handwerksberuf. Wollen die neunzig Prozent alle Häuptlinge werden? Mir liegt es fern, den Luxemburger als faul zu bezeichnen. Diese Behauptung wird aber mittlerweile von vielen Luxemburgern in der Öffentlichkeit vertreten. Man kann allerdings betonen, dass die Grenzgänger offensichtlich eine entsprechende Arbeitsleistung für ihre Entlohnung erbringen und nicht als Almosenempfänger oder Bittsteller auftreten. Den von Herrn Schammel angefangenen Satz "Das deutsche Volk über allem ..." kenne ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass es sich hier um den Anfang eines luxemburgischen Volksliedes handelt. Allerdings kenne ich zur Genüge viele luxemburgische Witze, die fast ausnahmelos mit dem Satz enden: "Unn do woar noch de klenge domme Preiss ...!" Berthold Stein, Tawern