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Küchengarten heißt die neue Lust am Grün

Küchengarten heißt die neue Lust am Grün

Mit den veränderten Lebensbedingungen hat sich der Anspruch an den Nutzgarten gewandelt. Küchengarten heißt die zeitgemäße Variante. Platz für die ansprechende Art, Nützliches zu kultivieren ist auf kleinstem Raum. Bestes Beispiel liefert eine Hochbeetkiste voll Gemüse, Kräutern und Blumen in der Trierer Kindertagesstätte St. Paulin.

Aus einer Lärchenholzkiste quellen Kartoffelhorste. Petersilie kräuselt sich am Rand. In der Kindertagesstätte St. Paulin in Trier ist das Projekt "KinderGartenpaten - betreute Hochbeete für Kitas" (siehe Extra) in seine erste Saison gestartet. Hier betreut Ludwig Dores die Wunderkiste für die Küchengärtnerinnen und -gärtner der Zukunft. Der pensionierte Pädagoge ist passionierter Hobbygärtner.
Frage an den Forscheropa


"Du, Forscheropa", zupft ihn eines der Kita-Kinder am Ärmel, "ernten wir heute die Radieschen?" Die Anrede ist eine Auszeichnung. Schließlich geht es neben der sinnlichen Erfahrung für gesundes Essen und bewusste Ernährung auch um physikalische Gesetze, chemische Prozesse und pure Biologie.
Natürlich wolle man kein abfragbares Wissen, sagt die Leiterin Rita Braun. Im Vordergrund steht die Anschauung: Mit allen Sinnen wahrnehmen, das sei das Prinzip. Die wenigsten Kinder würden heute noch mit oder in einem Nutzgarten aufwachsen. Gemüse kennen sie eingeschweißt in Tüten. Vom Salbei, der so üppig über den Rand des Hochbeetes ragt, wussten sie bis vor kurzem nur, dass es ihn in Bonbonform gibt. Jetzt kennen sie die Pflanze dazu. Den sonst in Teebeuteln unkenntlich gemachten Pfefferminztee kochen sie nun aus den selbst geernteten Blättern.
"Die Kinder wollen immer fühlen und probieren", stellt Gartenpate Ludwig Dores fest. Damit geht es den Kita-Kindern wie jedem Küchengärtner. Anders als im traditionellen Nutzgarten mit Reihen voll Kohl und Salat mischen sich im Küchengarten viele Kräuter unter das Gemüse. Das lädt zum Drüberstreifen für eine Prise voll Wohlgeruch ein und bringt den Gaumen auf andere Gedanken als den Geschmack gekochter Mahlzeiten. Naschen ist der Reiz des Küchengartens. Die Kinder haben Stevia für sich entdeckt. Das Faszinierende: Dass unter den würzigen Küchenkräutern auch mal etwas süß schmeckt. "Wie Zucker", ruft Ilona, und hat schon ein Stück Blatt im Mund.
Zwerggemüse im Hochbeet


Derweil rennen die Radieschenernter mit ihren Trophäen in die Küche. Was hier wächst, wird in den Speiseplan einbezogen. Das rote, runde Wurzelgemüse gehört zu den einfachsten und schnellsten Kulturen. Im Küchengarten geht es auch um Erfolgserlebnisse. Nicht alles eignet sich für die Anzucht auf kleinem Raum. "Die Kartoffeln bauen wir nächstes Jahr in einem eigenen Mörtelkübel an", sind sich Leiterin und Pate einig. Ausladende Gewächse wie Zucchini finden höchstens am Rand des Hochbeetes Platz oder werden in der Miniatur-Ausgabe gewählt. Von Kürbis und Auberginen beispielsweise gibt es Zwergformen. Eine andere Möglichkeit ist es, Gemüse jung zu ernten. Erbsenschoten sind eine Delikatesse. Aus der Spitzengastronomie stammt die Idee, Salatsaaten früh zu schneiden. Solche Babyleaf-Salate sind besonders zart. Vor allem Pflücksalat wächst schnell wieder nach.
Raffiniert wird es mit essbaren Blüten. Als "Wappen-Pflanze" für ihr Hochbeet-Projekt haben sich die St. Pauliner die Kapuzinerkresse gewählt. Sie ist von Kopf bis Fuß genießbar.
Extra

"KinderGartenpaten - betreute Hochbeete für Kitas" ist ein vom Naturschutzbund (Nabu) Rheinland-Pfalz initiiertes und vom Land finanziertes Projekt "In unserer Großregion haben elf Kindergärten im Raum Trier, Eifel und Hunsrück ein Hochbeet erhalten", sagt Elsbeth Winkler vom Nabu Region Trier. Sie hat die Hochbeetpaten geschult und mit Samen versorgt. Ziel ist es, gemeinsam mit Kindern ein Beet zu pflegen, zu beernten, Gemüse auf vielfältige Weise kennenzulernen und die Eigenernte selbst zuzubereiten. In der Kindheit würden die Grundlagen für eine spätere Ernährung gelegt. Gartenwissen soll erhalten bleiben. kfExtra

In ihrem Buch "Ich träume von einem Küchengarten" lässt Viktoria von dem Bussche die Leser teilhaben an ihrer Vision vom Wiedererblühen des Küchengartens. Auf Schloss Ippenburg bei Bad Essen in Niedersachsen hat sie ihren Traum Wirklichkeit werden lassen und einen 3700 Quadratmeter großen Küchengarten nach seinem historischen Vorbild angelegt. Von ihm, der Geschichte des Küchengartens und zahlreichen anderen Beispielen berichtet sie in dem sachkundig recherchierten Bildband. Callwey-Verlag, 2012, 39,95 Euro. kf