Hoffnungen gegen Ängste

BERLIN. Drei Buchstaben, die für Hoffnungen und Ängste stehen: PID ­ Präimplantationsdiagnostik. Weil es für diese Methode anscheinend keinen Königsweg gibt, hat der nationale Ethikrat gestern ein differenziertes Urteil zu PID gefällt.

15 von 24 Mitgliedern des Ethikrats sprachen sich dafür aus, an durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas entstandenen Embryonen Gentests zuzulassen. Allerdings unter strengen Auflagen. Das heißt, Paare, deren Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit an einer Erbkrankheit leiden werden, sollen diese PID vornehmen lassen dürfen. Gleichzeitig gab es aber sieben Ratsmitglieder, die ein Verbot forderten ­ und ihnen wird vermutlich die politische Mehrheit in Berlin folgen. Im Mai vergangenen Jahres, als ein Verbot von PID schon einmal heftig diskutiert wurde, war der Rat von Bundeskanzler Gerhard Schröder als "Forum des Dialogs über ethische Fragen" ins Leben gerufen worden. Kompetenzen hat er nicht, er kann nur Anregungen und Empfehlungen geben. Die Mitglieder selbst haben es sich zur Aufgabe gemacht, dies möglichst ausgewogen zu tun und nicht zu sagen, "dies ist die einzige Möglichkeit, und eine andere kann und darf es nicht geben", so der Vorsitzende Spiros Simitis. Deswegen fiel die Bewertung der Ratsmitglieder gestern auch unterschiedlich aus ­ die einen sehen in PID die Hoffnung für genetisch belastete Paare, ein gesundes Kind zur Welt bringen zu können. Die anderen halten die Methode für eine unethische Selektion menschlichen Lebens und befürchten den Einstieg in die Entwicklung hin zu Designerbabys. Der Ratsvorsitzende Simitis erklärte, dass bei sehr restriktiver Zulassung der PID ­ beispielsweise nur bei Eltern, die bereits ein Kind mit sehr schweren genetischen Erkrankungen zu Welt gebracht haben ­ in Deutschland 80 bis 100 Paare jährlich betroffen wären. Wenn auch Paare einbezogen würden, die vor einer Schwangerschaft von eigenen genetischen Belastungen wissen, könnten einige hundert Paare pro Jahr betroffen sein. Derzeit nehmen Schätzungen zufolge jährlich 50 bis 100 deutsche Paare die bislang in der Bundesrepublik verbotene PID im Ausland vor. Einer der schärfsten Kritiker der Methode ist der ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, Mitglied des Ethikrates. Vogel warnte vor "Menschenzüchtungen" und betonte, dass eine PID nur bei künstlicher Befruchtung möglich sei und sich deshalb auch Paare dafür entscheiden würden, die normalerweise auf natürlichem Weg ein Kind bekommen könnten.Vogel: Staat darf keine Krankheiten deklarieren

Da bei künstlicher Befruchtung aber immer mehrere Embryonen erzeugt würden, als der Mutter eingesetzt würden, erhöhe sich auch die Zahl der verworfenen Embryonen. Der Staat dürfe keine Krankheiten deklarieren, die die Verhinderung der Geburt eines Behinderten für rechtens erklärten, betonte Vogel. Das politische Berlin stellte sich gestern mehrheitlich hinter die Kritiker. "Ich glaube, dass wir damit sehr schnell auf dem Weg der menschlichen Selektion sind", empfahl die grüne Fraktionsvorsitzende Karin Görin-Eckardt dem Bundestag, der Empfehlung nicht zu folgen ­ in Einklang mit der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union, Maria Böhmer. Auch aus der SPD gab es ablehnende Worte, während sich die FDP für eine neue Gesetzesinitiative zur Zulassung von PID aussprach.