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Späte Gerechtigkeit für Trayvon Martin?

Späte Gerechtigkeit für Trayvon Martin?

Der Tod des 17-jährigen Trayvon Martin in Florida hat Amerika aufgewühlt. Sechs Wochen hat es gedauert: Nun wird das Mitglied einer Bürgerwehr, das den schwarzen Jungen angeblich aus Notwehr erschossen hat, angeklagt.


Washington/Miami. Der Tod des 17-jährigen schwarzen Teenagers Trayvon Martin, der am Abend des 26. Februar in der Stadt Sanford (Florida) vom selbst ernannten weißen Nachbarschaftswächter George Zimmerman (28) nach einem Gerangel erschossen worden war, hatte quer durch die USA Bestürzung und Proteste ausgelöst. Bestürzung, weil der Schüler unbewaffnet war und nach Ansicht von farbigen Bürgerrechtlern nur deshalb zum Opfer wurde, weil er - auch durch das Tragen eines Kapuzenpullis - in das Rassen-Profil Zimmermans von einem kriminellen Schwarzen passte.
Landesweite Protestkundgebungen und eine heftige Debatte über Rassismus im Justizsystem folgten. Hintergrund: Die Polizei von Sanford sah keinen Grund für ein Ermittlungsverfahren und bescheinigte Zimmerman, in Notwehr gehandelt zu haben. Das wurde allgemein als klare Benachteiligung des Opfers angesehen. Selbst US-Präsident Barack Obama mischte sich kürzlich überraschend in die Debatte ein. Er bezeichnete den toten Trayvon als Jungen, der sein Sohn hätte sein können.
Seit am Mittwochnachmittag die vor drei Wochen vom Gouverneur eingesetzte Sonderstaatsanwältin Angela Corey in der Stadt Jacksonville bekanntgegeben hat, dass sich der mittlerweile festgenommene Zimmerman nun doch vor einem Geschworenengericht verantworten soll und des Mordes angeklagt ist, rückt der Fall Trayvon Martin erneut ins Rampenlicht.

Spannung vor dem Verfahren


George Zimmerman droht nun im schlimmsten Fall lebenslange Haft. Die Eltern des getöteten Jungen bedankten sich Stunden später in einer E-Mail bei allen, die sich für eine Strafverfolgung starkgemacht hatten. 73 Prozent der Bürger hatten einer Umfrage zufolge kürzlich Unverständnis darüber geäußert, dass Zimmerman immer noch nicht verhaftet worden war.
Doch das hat sich nun geändert, und mit Hochspannung wird das weitere juristische Verfahren erwartet. Dabei dürfte dann auch der Verteidiger des Angeklagten Fakten zur Sprache bringen, die angesichts der aufgeheizten Stimmung im Land vor allem bei den Trayvon Martin-Sympathisanten kaum Beachtung fanden. So hatte es in der Nachbarschaft, wo der mit einer Neun-Millimeter-Pistole legal bewaffnete Zimmerman patroullierte, mehrere Einbrüche gegeben, und Martin war in der Vergangenheit einmal mit Schmuckstücken und einem Schraubenzieher in seinem Rucksack aufgegriffen worden. Er konnte damals die Herkunft des Schmucks nicht erklären, wurde aber nicht weiter belangt.
Zimmerman hatte sich bisher stets mit dem Hinweis verteidigt, er sei von Trayvon attackiert und zu Boden geworfen worden. Dann habe der hochgewachsene Junge seinen Kopf mehrfach auf das Straßenpflaster geschlagen, worauf er um sein Leben gefürchtet und die Waffe gezogen habe. Der Polizeibericht stellte Verletzungen am Hinterkopf Zimmermans fest, die seine Version stützen. Allerdings wird sich Zimmerman auch die Frage gefallen lassen müssen, warum er entgegen der Anweisung eines Polizei-Dispatchers dem Jungen folgte, obwohl mehrere Streifen bereits auf dem Weg waren.
Anklägerin Corey versprach, es gehe ihr nicht nur um Gerechtigkeit für Trayvon, sondern auch um die Wahrheit. Doch ob beides miteinander in Einklang zu bringen ist, erscheint fraglich. Alles andere als eine harsche Strafe dürfte im Lager des getöteten Jungen als Travestie der Justiz bewertet werden. Dass Corey zugab, mit den Eltern des Opfers gebetet zu haben, könnte zudem die Frage aufwerfen, wie unabhängig sie ist.
Der "süße Trayvon" ist ihrer Ansicht nach das unschuldige Opfer Zimmermans. Über die Frage von Schuld und Unschuld werden jedoch am Ende wieder Geschworene entscheiden. Ein Termin steht noch nicht fest.
Ginge es nach dem früheren schwarzen Profiboxer Mike Tyson, wäre eine Verhandlung gar nicht notwendig. Tyson beklagte in einem Interview, es sei beschämend, dass Zimmerman bisher noch nicht aus seinem Auto gezerrt und erschossen worden sei. Einen ähnlichen Aufruf zu Selbstjustiz hatte es bereits von der radikalen Schwarzen-Organisation "New Black Panther" gegeben, die ein Kopfgeld von 10 000 Dollar für die Ergreifung Zimmermans durch Privatpersonen ausgesetzt hatte.
Meinung

Lebendiger Rassismus
Seit in Florida George Zimmerman, ein weißer Nachbarschaftswächter lateinamerikanischer Herkunft, den unbewaffneten schwarzen Teenager Trayvon Martin erschoss, brodelt es in den USA. Und die Frage, ob dem Land möglicherweise wieder Rassen-Unruhen drohen, hatte am Osterwochenende durch die Morde von Oklahoma neues Gewicht erhalten. Dort nahmen zwei Weiße fünf Schwarze ins Fadenkreuz und töteten drei von ihnen - ein Amoklauf gegen unbekannt, angestachelt aus Hass gegen die "verdammten Nigger", wie es einer der Täter auf seiner Facebook-Seite offenbarte. Die Emotionen kochen hoch, doch seit Mittwoch jubeln Bürgerrechtler und Afro-Amerikaner: Zimmerman ist von einem Sonderstaatsanwalt nach langem Abwarten des Mordes angeklagt worden und sitzt in Untersuchungshaft. Doch wird damit der Gerechtigkeit wirklich Genüge getan? Gerade im Fall Trayvon Martin bleiben Fragen und ein schlechter Beigeschmack. Worauf stützt sich die Anklage nun, nachdem die örtliche Polizei eine klare Notwehrsituation gesehen hatte? Dass der schwarze Boxer Mike Tyson zwischenzeitlich formulierte, Zimmerman hätte längst von Bürgern aus dem Auto gezerrt und erschossen werden sollen, spiegelt eine nicht zu leugnende Lynchmob-Mentalität wider, die in den USA das brisante Thema zuverlässig begleitet hat. Die Unschuldsvermutung bis zur rechtskräftigen Verurteilung scheint längst nicht mehr zu gelten. Was man ehrlicherweise auch als Rassismus bezeichnen könnte. Hinzu kommt ein massiver politischer Strafverfolgungs-Druck von ganz oben - dem Weißen Haus und dem schwarzen US-Justizminister Eric Holder. Gut möglich, dass am Ende angesichts dieser pikanten Konstellation die Wahrheit auf der Strecke bleibt, denn die Afro-Amerikaner bleiben Barack Obamas wichtigste Wählerklientel. Fest steht: Von jener "post-rassistischen" Gesellschaft, der sich manche nach dem Amtsantritt des ersten farbigen Präsidenten nahe wähnten, sind die USA weit entfernt. nachrichten.red@volksfreund.de