Unter Missbrauchsverdacht: „Flugblatt“-Priester räumt Vorfall von 1984 ein

Unter Missbrauchsverdacht: „Flugblatt“-Priester räumt Vorfall von 1984 ein

Seit eineinhalb Jahren steht ein katholischer Priester im Verdacht, den damals 16-jährigen Tobias D. (Name geändert) missbraucht zu haben. Gegenüber unserer Zeitung und der Opferinitiative Schafsbrief räumte der beschuldigte Priester nun einen anderen Vorfall ein.

Seit Juli 2012 wird ein katholischer Priester beschuldigt, in den 1980er Jahren einen Jugendlichen in einer saarländischen Gemeinde sexuell missbraucht zu haben. Der heute 45-jährige Tobias D. hatte den Fall beim Bistum Trier angezeigt. Die sogenannten kirchenrechtlichen Voruntersuchungen laufen noch.

Im Dezember vergangenen Jahres hat sich der Ruhestandsgeistliche öffentlich gewehrt: Er verteilte nach der Messe "Flugblätter" an die Gläubigen. Es waren Kopien eines Briefes, der ursprünglich an Generalvikar Georg Bätzing gerichtet war. Darin wirft der Priester den Verantwortlichen des Bistums Trier unter anderem Hinhaltetaktik vor.

Jetzt sorgte der 70-jährige Kleriker abermals für eine Überraschung: Hermann Schell von der Opferinitiative Schafsbrief gegenüber hat er am Telefon einen "Vorfall" eingeräumt. "Ich ging davon aus, dass der Termin im Januar vergangenen Jahres im Generalvikariat wegen eines Vorfalls aus den Achtzigern sei. Da war Alkohol im Spiel, und dies könnte man, wenn man dies wollte, diesem Thema zuordnen", sagte er zu Schell.

Auf TV-Anfrage bestätige der Pfarrer das Telefonat und sagte: "Ich muss mir Grenzwertigkeit vorwerfen, die ich noch immer zutiefst bedauere und die mich sehr belastet." Der Ruhestandsgeistliche räumt einen Vorfall von 1984 in der gleichen saarländischen Gemeinde ein, in der er Tobias D. missbraucht haben soll. Zu den aktuellen Vorwürfen jedoch schweigt er. "Weil es ein laufendes Verfahren ist", begründet er.

Aber Konsequenzen, mit denen er der Bistumsleitung einen Schritt voraus zu sein scheint, hat er gezogen: "Bis zur Klärung halte ich keine Messen mehr", sagt der Priester. Er könne mit dem Wissen, dass es ihm gegenüber Unsicherheiten seitens einiger Gläubigen gebe, nicht vorne am Altar stehen.

Laut Pastoralreferentin Jutta Lehnert entspricht dies auch der bislang ungehörten Bitte der Dekanatskonferenz Koblenz an die Bistumsleitung. Warum handelt der Trierer Bischof Stephan Ackermann, der auch Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz ist, nicht? Insider aus Kirchenkreisen behaupten, der "Fall", den der Priester nun einräumt, sei damals in dessen Personalakte eingetragen worden.

Bistumssprecher André Uzulis entgegnet auf TV-Anfrage: "Es ist nicht richtig, dass es 1984 eine Anzeige beim Bistum Trier gegeben hat, wenn damit das Bischöfliche Generalvikariat gemeint ist." Richtig sei, dass sich Pfadfinder aus der saarländischen Gemeinde 1984 an den damaligen zuständigen Dechanten gewandt hätten, "um das, was sie mit dem Pfarrer erlebt haben, diesem mitzuteilen". Es habe damals auch ein Gespräch zwischen dem zuständigen Regionaldekan und dem Pfarrer gegeben.

Ob es über dieses Gespräch seitens des Regionaldekans eine Meldung nach Trier gegeben habe, sei heute nicht mehr feststellbar. "Eine Aktennotiz, die in diesem Fall über solch eine Mitteilung gemacht worden wäre, ist auf jeden Fall in der Personalakte nicht zu finden" sagt Uzulis. Die heute Verantwortlichen hätten von der Meldung an den Dechanten andeutungsweise erst Ende 2012 erfahren, über das Gespräch mit dem Regionaldekan vom beschuldigten Pfarrer selbst.

Gegen den Einsatz als Priester im Rahmen von Vertretungsdiensten bestehe unter "gefährlichkeitsprognostischen Überlegungen" keine Bedenken, sagt der Bistumssprecher. Das habe ein forensisches Gutachten ergeben.

Werden die betroffenen Pfarrer über das Ergebnis informiert? "Auf Antrag kann der Priester eine Kopie des Gutachtens erhalten", sagt André Uzulis. Gegebenenfalls werde der Priester in einem weiteren Gespräch über das Ergebnis des Gutachtens informiert.

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