Wenn die Batterie leer ist

TRIER. Frauen sind Alleskönner: Mütter, Alltagsorganisatorinnen, engagierte Berufstätige, verständnisvolle Partnerinnen. Hinzu kommen Nebenrollen wie Tochter, Nachbarin, Freundin oder Tante. Viele Frauen stehen ständig unter Strom. Irgendwann können sie nicht mehr: Sie sind ausgebrannt.

"Meine Frau hat sich seit ein paar Wochen total abgekapselt. Sie vergisst, Rechnungen zu bezahlen und geht schon seit Tagen nicht mehr ans Telefon. Wenn ich mit ihr sprechen will, winkt sie einfach ab. Zeitweise vernachlässigt sie alles, auch die Kinder. Dann wiederum dreht sie total auf. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich mit ihr dran bin." Der Ehemann ist verzweifelt. Seine Frau ist nicht mehr die, die er kennen und lieben gelernt hat. Die Ehe leidet. "Vergangenen Samstag wollten wir zum Geburtstagsfest ihrer Mutter fahren, als sie im letzten Moment einen Rückzieher machte. Sie hätte furchtbare Migräne. Wie so oft in letzter Zeit bin ich alleine mit den Kindern losgezogen. Als wir wieder zurück waren, hatte sie einen Riesen-Krach inszeniert. Sie fand, dass ich ihr nicht genug Anerkennung entgegenbringe. Alles, was sie tun würde, wäre für mich selbstverständlich. Ich habe sie noch nie so wütend erlebt." Der Ehemann hat ihr vorschlagen, dass sie ihren Job im Büro aufgeben sollte, doch das machte sie nur noch wütender. "Seitdem spricht sie so gut wie gar nicht mehr mit mir. Ich weiß einfach nicht mehr, wie es weitergehen soll." Die Frau ist ausgebrannt, der Stress zwischen Familie, Muttersein und Job wächst ihr über den Kopf. Viele Frauen müssen ihren Alltag straff organisieren. Doch selbst dann können sie den täglichen Zwängen, denen sie unterliegen, kaum entrinnen. Schwierig wird es, wenn sie das Gefühl haben, alles alleine bewältigen zu müssen. Sie machen sich unentbehrlich und verdrängen mit der Zeit ihre eigenen Bedürfnisse. Ständige Verausgabung führt häufig in eine Erschöpfungsdepression. Meistens, so habe ich in meiner Praxis festgestellt, sind es arbeitende Mütter, die sich überfordern. Sie setzen alles daran, allen gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen. Dabei vergessen sie, sich Möglichkeiten zu schaffen, sich von zeitraubenden Familienpflichten oder ungünstigenArbeitssituationen zu entlasten. Angst, zu versagen, Müdigkeit oder mangelnde Motivation werden jedoch allzu oft verdrängt und von vielen Frauen nicht selten als persönliche Schwäche deklariert. Schließlich erwarten sie von sich, eine echte Superfrau zu sein.Rotieren wie im Hamsterrad

Meist rotieren sie jahrelang wie eine Gefangene im Hamsterrad von Alltag, Beruf und Familie und merken erst viel zu spät, dass sie die eigenen Grenzen längst überschritten haben. Selbst dann, wenn die Zeichen der ständigen Überforderungen nicht länger unterdrückt werden können, tragen sich viele Frauen noch schwer damit, ihren eigenen Erschöpfungszustand zuzugeben. "Ich brauche Hilfe" - schon dieses Eingeständnis ist für viele Frauen beinahe unmöglich. Setzt aber einmal diese Erkenntnis ein, beginnt langsam die Wende. Um diesen Prozess zu fördern, müssen die besonders zeitraubenden Hausarbeiten und die Verantwortung für die Kindererziehung neu verteilt werden. Frauen, die den Mut gefasst haben, ihre eigene Überforderung zu thematisieren, brauchen vor allem Verständnis. Anstelle von Vorwürfen, wenn der Alltag nicht mehr rund läuft, sollte man Nachsicht üben und allenfalls Unterstützung anbieten. Anstatt nach Möglichkeiten zu suchen, dem Gefühl der Erschöpfung zu entrinnen, stellen Frauen nicht selten an sich selbst die Erwartung, sich noch mehr zusammennehmen zu müssen. Sie glauben oft sogar, versagt zu haben. Die eigenen Bedürfnisse müssen immer wichtigeren, anderen Dingen weichen. Mit der Zeit wird eine Lustlosigkeit empfunden, und erste Anzeichen von depressiven Verstimmungen werden realisiert. Um das Gesicht zu wahren, nichts nach außen dringen zu lassen, wird der Druck oft mit Süchten kompensiert: mit Alkohol, dem übermäßigen Verzehr von Süßigkeiten oder mit Beruhigungstabletten. Nicht selten schlägt die Unzufriedenheit in Aggression um, zuerst gegen die eigene Person, und irgendwann überträgt sie sich nicht selten auch auf die Familienmitglieder. Die Autorin, Maria Graf, wurde 1958 in Ollmuth (Kreis Trier-Saarburg) geboren. Seit 1981 lebt sie in der Schweiz, wo sie eine psychologische Beratungspraxis hat. Sie schildert aus ihrer Praxis. Ihre Meinung zum Thema: familie@volksfreund.de