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Katholische Kirche
Trierer Bischof sieht die Kirche an kritischem Punkt

 Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, hier bei einer Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz.
Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, hier bei einer Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz. FOTO: dpa / Marius Becker
Trier. Jetzt gilt‘s. Die katholische Kirche muss nach den Missbrauchsfällen zeigen, dass sie es ernst meint – mit Reform. Für den Chef-Beauftragten, den Trierer Oberhirten Stephan  Ackermann, ist klar: Es muss angstfrei über alles geredet werden, auch über den Zölibat. dpa

Nach dem Missbrauchsskandal steht die katholische Kirche nach Ansicht des Trierer Bischofs Stephan Ackermann „vor einer epochalen Herausforderung“. „Auf jeden Fall ist das eine Zäsur in der Geschichte der Kirche mit der Herausforderung, in einer größeren Wahrhaftigkeit Kirche zu sein“, sagte der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) für Fragen des sexuellen Missbrauchs im kirchlichen Bereich der Deutschen Presse-Agentur. Die Kirche sei in vielen Ländern in der Krise: „Wir sind an einem kritischen Punkt. Das kann man nicht verschweigen.“ Die Kirche habe aber in der Vergangenheit immer wieder Kraft zur Erneuerung gezeigt: „Die Kirche hat Zukunft, das ist für mich keine Frage.“

Es gehe jetzt um Reform. Ackermann (55) plädierte für ein innerkirchliches Gespräch „in einer möglichst breiten, offenen Weise“ über strittige Fragen „ohne Gesprächsverbote, ohne falsche Tabuisierung“. Dabei solle es um Macht, Sexualmoral und die zölibatäre Lebensform der Priester „ohne Vorverurteilungen von der einen oder der anderen Seite“ gehen. Themen sollten „angstfrei“ betrachtet werden. Und Ergebnisse solcher Gespräche könnten dann „in den weltkirchlichen Dialog“ eingebracht werden.

„Der Papst ist natürlich die Schaltstelle“, sagte Ackermann. Und Änderungen gingen „in den allermeisten Fällen nur gesamtkirchlich“. Die kirchliche Auseinandersetzung finde „in einer aufgewühlten Zeit“ statt. Während die einen solche Debatten als „unkatholisch“ ablehnten, hielten sie andere für „rückwärtsgewandt“. Man müsse aber „Echokammern“ in der Kirche, in denen man sich gegenseitig bestätige, aufbrechen. „Also nicht nur Bischöfe reden mit Bischöfen, Laien reden mit Laien, Priester reden mit Priestern. Sondern alle miteinander.“ Der Gesprächsprozess soll laut Ackermann 2019 beginnen.

Im September hatte die DBK eine Studie über sexuellen Missbrauch katholischer Kleriker an Kindern und Jugendlichen vorgestellt. Dabei wurden Personalakten zwischen 1946 und 2014 untersucht: Im Ergebnis sollen mindestens 1670 katholische Geistliche 3677 meist männliche Minderjährige missbraucht haben.

Die Wissenschaftler benannten in der Studie problematische Strukturen in der katholischen Kirche, die Missbrauch nach wie vor befördern können: etwa die Verbindung von einer unreifen Sexualität mit dem Leben im Zölibat sowie eine ausgeprägte klerikale Macht einzelner Geistlicher.

Für Veränderungen an klerikalen Machtstrukturen sieht Ackermann nur einen Weg: „Um Machtmissbrauch zu verhindern, muss Macht geteilt und kontrolliert werden.“ Es gehe darum, etwa durch Leitungsteams in Pfarreien künftig „kollegialer Verantwortung wahrzunehmen und Macht kontrollierbarer zu machen“. Solche Teams, wie sie im Bistum Trier bereits geplant sind, seien „auch eine Form der Entlastung“ und auch „eine Sicherung für den, der als Pfarrer Leitungsverantwortung hat“. Und: „Solche Team-Gedanken muss man auch im Vatikan mehr umsetzen“, sagte der Bischof.

Bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals wolle die Kirche künftig auch mit vorhandenen unabhängigen Fachberatungsstellen kooperieren. „Alles, was die Hemmschwelle noch mehr absenkt, damit von sexueller Gewalt betroffene Menschen sich melden, ist gut.“ Zu einer unabhängigen Aufarbeitung gehöre auch der Einblick „in das einschlägige Aktenmaterial“ der Bistümer. „Das muss zugänglich werden für unabhängige Personen.“

Aber: „Nur die Akten zu öffnen, das wäre zu wenig“, sagte Ackermann. Wichtig sei, einen Aufar­beitungsprozess mit externen Fachleuten und Betroffenen einzuleiten. Man sei im Gespräch mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung über Kriterien und Strukturen, um so etwas zu machen. In einem Bistum könne dazu beispielsweise eine Kommission eingerichtet werden.

Mehr Wahrhaftigkeit in der Kirche werde zu mehr Glaubwürdigkeit führen. Die katholische Kirche müsse „neu Maß nehmen am Evangelium“: „Die Botschaft Christi ist nicht widerlegt und nicht korrumpiert – sondern die Weise, wie wir sie leben, besser gesagt: wie wir sie nicht leben“. Es gehe nicht bloß um verschiedene Reformen, weil dies Einzelmaßnahmen bedeute: „Es geht um Reform. Und Reform heißt immer Rückkehr zur ursprünglichen Form.“ Eine Rückbesinnung auf das Evangelium sei nötig. „Und wir müssen erkennen, dass an vielen Stellen im Leben der Kirche Christen auch gegen das Evangelium leben.“