„Ein Zwischenschritt zur Selbstständigkeit“

Soziales : Ein Heim für psychisch Kranke in Speicher

In Speicher entsteht ein besonderes Wohnhaus der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof. Einziehen sollen Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden. Das Ziel: so viel Hilfe wie nötig, so wenig wie möglich.

Wer das Wort „Betreutes Wohnen“ hört, denkt an Miethäuser für Senioren. Aber ältere Menschen sind nicht die einzigen, die auf Betreuung angewiesen sind. Es gibt auch psychisch Erkrankte, die ihren Alltag nicht ohne Hilfe bewältigt bekommen. Unterstützung gibt es für zwölf solcher Menschen ab dem ersten Juli in der Speicherer Bahnhofstraße. Hier entsteht ein Wohnkomplex mit 14 Appartements. Zwei will der Bauherr, die Hermeskeiler Firma Max Düpré, vermarkten. Die übrigen zwölf mieten die Barmherzigen Brüder Schönfelderhof.

Die christliche Organisation (siehe Info) erfüllt in drei der vier Landkreise in der Region Trier einen Versorgungsauftrag. Die Gemeinschaft kümmert sich um Menschen mit bleibenden psychischen Erkrankungen. Wolfgang Michaely, der stellvertretende Leiter der Psychiatrischen Dienste, sagt: „Wir tragen dafür Sorge, dass jeder, der Hilfe benötigt, diese auch bekommt“. Je nach Bedarf kommen die Betroffenen auf dem Schönfelderhof Zemmer in ein Wohndorf, in einem der fünf dezentralen Betreuungszentren oder in einer intensiv betreuten Wohngruppe unter.

Nun ist dieser Versorgungsauftrag aber im ständigen Wandel – etwa zuletzt durch das neue Bundesteilhabegesetz. Das erklärte Ziel hinter der Novelle ist es, Menschen mit Behinderungen – und dazu zählen rechtlich gesehen auch chronische psychische Erkrankungen – individueller zu fördern. Das Gesetz soll aber auch die seit Jahren wachsenden Kosten für  die Versorgung reduzieren. Die Rechtslage zusammengefasst: Wer selbstbestimmt leben kann, dem soll dies besser ermöglicht werden. Im Umkehrschluss behalten aber nicht alle Personen mit körperlichen, geistigen und seelischen Beinträchtigungen, einen Anspruch auf Betreuung, Kost und Logis.

Inkraft tritt das Gesetz in Rheinland-Pfalz zwar erst 2023. Trotzdem machen sich Sozialorganisationen bereits Gedanken über neue Angebote. Das geschehe in Zemmer seit Jahren, sagt Michaely. Der neue Appartementkomplex in Speicher ist so ein Projekt, das aber nicht nur wegen des Gesetzes, sondern vor allem auf Wunsch der Klienten entwickelt wurde.

Der Bau schließe eine Versorgungslücke, sagt Torsten Deutsch, Leiter der gemeindepsychiatrischen Angebote der Barmherzigen Brüder. Bisher gebe es für psychisch kranke Menschen in der Eifel nämlich nur wenige Möglichkeiten, ambulant in unmittelbarer Nähe zu einem Bürostandort zu leben und nicht in einer Wohngemeinschaft.

Viele wünschten sich aber in einer selbstständigen Lebensform genau diese Nähe, sagt Deutsch, der die neue Einrichtung auch leiten wird: „Wer als Student in einer WG gewohnt hat, weiß, dass das nur selten für die Ewigkeit hält.“ Aber auch der gemeinschaftliche Alltag auf dem Schönfelderhof sei nicht für jeden etwas. Auf sich allein gestellt den Alltag zu bewältigen, trauten sich viele wiederum nicht zu – trotz der regelmäßigen Kontakte zu Betreuern. Der neue Appartementkomplex in Speicher kann hier „einen Zwischenschritt zur Selbstständigkeit“ bieten.

Dort werden die Menschen zwar alleine wohnen, aber trotzdem betreut. „Sie können sich kochen was sie wollen. Sie müssen, wenn sie in die Eisdiele, in die Dönerbude oder ins Schwimmbad wollen, nicht fragen, ob sie jemand fährt“, sagt Deutsch: „Wenn sie aber einen Betreuer brauchen, ist das Büro der Mitarbeiter nicht weit weg.“ In Gemeinschaftsräumen wird es möglich sein, mit anderen die Freizeit zu gestalten – Pflicht ist das aber nicht.

Unterstützt werden die Männer und Frauen so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich, fasst Deutsch das Konzept zusammen. Der eine brauche Hilfe beim Einkaufen oder beim Arztbesuch, der andere beim Beantworten der Post. Die Bedürfnisse seien verschieden. „Sie werden in den Appartements keine zwei Menschen finden, die gleich viel Betreuung benötigen“, sagt Deutsch. Rund um die Uhr werden die Büros in Speicher zwar nicht besetzt sein. Mitarbeiter in Rufbereitschaft seien in Notfällen aber nachts erreichbar.

Wer am Ende einziehe, „das müssen wir im Gespräch ausloten“, sagt der stellvertretende psychiatrische Leiter Michaely. Die Diagnose der Person – ob sie an einer Psychose, einer Angststörung, einer Depression oder einer bipolaren Persönlichkeitsstörung leide – sei hier nicht das entscheidende Kriterium: „Es zählt vor allem, was der Klient will und wie er mit seiner Krankheit umgeht.“ Was noch eine Rolle spielt, ist die Herkunft. Das Angebot sei regional beschränkt auf die Fidei – also die Gegend von Zemmer über Speicher bis Kordel, sagt Michaely. Alle Menschen auf der Interessentenliste stammen also aus diesem Landstrich und leben derzeit schon in einer der 52 ambulant betreuten Wohnungen oder WGs in Orenhofen, Herforst und Speicher oder auf dem Schönfelderhof. Der Aufbau der ambulanten Betreuung in der Töpferstadt wird dazu führen, dass die Barmherzigen Brüder Schönfelderhof in Zukunft zirka zehn stationäre Plätze abbauen werden.

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