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Interview Dietmar Muscheid
Furcht vorm entfesselten Kapitalismus - Gewerkschaftsbund-Chef im TV-Interview

Dietmar Muscheid – hier mit seinem Berner Sennenhund vor seinem Haus in Lörzweiler (Kreis Mainz-Bingen).
Dietmar Muscheid – hier mit seinem Berner Sennenhund vor seinem Haus in Lörzweiler (Kreis Mainz-Bingen). FOTO: Florian Schlecht
Trier . Inwieweit Karl Marx recht hatte, das versucht der Gewerkschaftsbund-Chef im Interview zu klären. Von Katharina De Mos

Wie viel Marx brauchen Arbeitnehmer und Gewerkschaften heute noch? Mit dieser Frage befassen sich die Friedrich-Ebert-Stiftung und der Deutsche Gewerkschaftsbund am 17. Oktober bei einer Tagung in der Europäischen Rechtsakademie in Trier, zu der alle Interessierten eingeladen sind.

Unsere Chefreporterin Katharina de Mos hat vorab mit Dietmar Muscheid, dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbunds Rheinland-Pfalz/Saarland, darüber gesprochen, was 200 Jahre nach Marx’ Geburt noch immer nicht rund läuft.

Herr Muscheid, angesichts des Fachkräftemangels könnte man erwarten, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter derart verwöhnen, dass Gewerkschaften überflüssig werden. Wie sieht die Realität aus?

DIETMAR MUSCHEID Die Realität sieht in einigen Branchen leider anders aus. Natürlich gibt es Unternehmer, die bereit sind, ihre Leute besser zu bezahlen. Aber insgesamt beklagen wir, dass die Tarifbindung abnimmt und damit auch die Verlässlichkeit, über Tarifverträge dauerhaft gute Arbeitsbedingungen sicherzustellen.

In welchen Branchen gibt es den größten Nachholbedarf?

MUSCHEID In der gesamten Dienstleistungsbranche, im Hotel- und Gaststättengewerbe. Aber auch im Handwerk gibt es eine Menge Betriebe und Innungen, die sich nicht damit hervortun, dass sie über Tarifverträge vernünftig und dauerhaft verlässlich bezahlen.

Man jammert ja ganz gerne, aber, wenn man auf die Zeit von Karl Marx zurückschaut, geht es uns doch gut: Angestellte haben so viel Freizeit, Geld und Rechte wie noch nie. Was wollen die Gewerkschaften noch verbessern?

MUSCHEID Das Marx-Jahr erinnert uns auch daran, dass er in zwei Punkten auf jeden Fall recht hatte, die aktuell auch uns umtreiben: Das eine ist der Hinweis, dass sich eine Finanzaristokratie bildet. Diesen entfesselten Kapitalismus haben wir in der Finanzkrise erlebt. Wir fürchten, dass die Dämme wieder brechen und dass man wieder erlebt, wie die Finanzindustrie die reale Wirtschaft in die Krise stürzt. Das zweite ist ganz aktuell im Bericht des Weltklimarats zu lesen. Marx hat davor gewarnt, dass der ungehemmte Kapitalismus diese Erde zerstört. Wir sind auf dem besten Weg dahin. Da sind alle gefordert. Auch wir als Gewerkschaften.

Was wollen die Gewerkschaften denn gegen den Klimawandel tun?

MUSCHEID Da ist natürlich aktuell der Blick auf  die Automobilindustrie: der Umstieg auf die Elektromobilität. Das ist eine Kraftanstrengung für die Unternehmen. Da muss man die Beschäftigten mitnehmen und ihnen auch Perspektiven bieten. Wir wollen diesen Weg gemeinsam gestalten.

Welchen Einfluss hat Marx‘ Gedankengut noch heute auf Ihre Arbeit?

MUSCHEID Marx prognostizierte ja eine Verelendung der Arbeiterklasse. Davon kann natürlich keine Rede sein. Aber wir haben einen ausgeprägten Niedriglohnsektor, einen großen Anteil prekär Beschäftigter, eine Spaltung am Arbeitsmarkt und immer noch viel zu viele Menschen ohne Arbeit. Da bleibt noch eine Menge zu tun.

Vom Mindestlohn hätten Arbeiter damals nur träumen können. Sind Sie zufrieden?

MUSCHEID Nein, wir können nicht zufrieden sein. Wir haben von Anfang an gesagt, es ist nur ein Einstieg. Diese absolute Lohnuntergrenze muss weiter angehoben werden. Unser Ziel war und bleibt, dass jemand, der Vollzeit arbeitet, auch vom Mindestlohn leben kann.

Das Interview führte
Katharina de Mos