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Ein Herz für Sexbomben

Mit 69 topfit: Tom Jones beim Auftritt in der Rockhal Esch. TV-Foto: Hans Krämer
Mit 69 topfit: Tom Jones beim Auftritt in der Rockhal Esch. TV-Foto: Hans Krämer
Einer der letzten großen Entertainer: Tom Jones hat die große Geste nicht verlernt, die volle Stimme nicht verloren. Bei seinem nicht ganz ausverkauften Konzert in der Rockhal Esch präsentierte der 69-Jährige souverän einen wilden Mix. Von unserem Redakteur Andreas Feichtner

Esch. Irgendwo in einem Pub in Dublin: Bono trifft Tom Jones. Sie reden eine Stunde lang über Gott und die Welt, und am Ende steht das Versprechen: Fürs neue Tom-Jones-Album gibt es maßgeschneidert einen Song von Bono und U2-Gitarrist The Edge. "Ich habe keine Ahnung, warum sie das Lied Sugar Daddy genannt haben", sagt Tom Jones mit einem Lächeln. Mit dem neuen Stück beginnt er das Konzert in der Rockhal.

Das ist Tom Jones Ende 2009: Braungebrannt, graues, volles Haar, schwarzes Sakko. Das großzügig geöffnete Hemd gibt den Blick auf eine massive Halskette mit Kreuz. Eineinhalb Stunden später wird sich Jones das Sakko vom Leib reißen, während er "You can leave your hat on" singt. Der Mann lebt Klischees, bedient sie mit Vorliebe. Aber er spielt auch mit ihnen. Soll heißen: Der Tiger ist zurück. Der Sexbomben-Besinger. Der Pussycat-Charmeur. Der walisische Bariton. Er füllt die Rockhal-Bühne spielend mit seiner Präsenz und Routine. Dabei hilft ungemein, dass Tom Jones weder Selbstbewusstsein noch Stimme verloren hat. Volumen und Flexibilität auch. In jeder Sekunde ist er das Zentrum. Seine zehn Musiker - samt Background-Sängerinnen und Bläser-Sektion - gehen musikalisch die weiten Wege: Soul, Funk, Disco. Aber auch Rock ist zu hören, etwa bei "Mama told me not to come" oder reduzierter Country à la "Green, Green Grass of Home". Selbst die brutalstmöglichen Schunkel-Nummern "Delilah" oder "What's New, Pussycat" passen rein, ohne dass es ansatzweise albern wird. Das geht nur, weil Tom Jones ein feines Gespür für Selbstironie besitzt: Ein Blitzen in den Augen, ein kleiner Hüftwackler, ein Zucken im Mundwinkel. Hier kommt "Sugar Daddy", der ewige Jäger, der seit einem halben Jahrhundert mit Melinda verheiratet ist. Mittlerweile kann er sich wieder an sein Alter erinnern, kokettiert Jones: "Jahrelang wusste ich nie so genau, wie alt ich bin." Das sei seit seinem letzten Geburtstag einfacher: "69 kann ich mir sehr gut merken!" Ein paar Zuschauer johlen. Am Ende des Konzerts hält es viele der knapp 2500 Besucher nicht mehr auf den Sitzen. Der vielleicht größte Moment des Konzert war dabei viel stiller: Im spartanisch instrumentierten, düsteren "24 Hours" sieht er die letzten Minuten im Hier vor Augen. Das erinnert vom Gestus her fast an den 2003 verstorbenen Johnny Cash. Er hat eben viele Seiten, der Tiger.