Ein verrücktes Filmprojekt

Ein verrücktes Filmprojekt

August 1944, Altenburg in der Heide: Während die Russen auf Berlin vorrücken und die Engländer auf Hamburg, beginnt ein zusammengewürfelter Haufen von Theaterleuten, den Film "Krahwinkel" zu drehen: ein Beitrag auf Geheiß von Joseph Goebbels zu den erwarteten Siegesfeiern. Die Crew ist bunt gemischt - vom glühenden Hitler-Verehrer über den karrieregeilen Mitläufer bis zur Judenretterin.


Doch nach außen verhält sich jeder erst mal so, wie es der Reichspropagandaminister wohl erwarten würde. Schließlich können die rund zwei Dutzend Akteure sich glücklich schätzen, nicht an der Front kämpfen zu müssen. Niemand hat deshalb Eile. Nur ein Rohskript des Films von ganz oben gibt vor, was zu tun ist.
Alle warten deshalb auf Goebbels. Darauf, dass ihr oberster Chef plötzlich in Altenburg auf der Matte steht und die glühende Rede zum Endsieg abdrehen will. Doch nicht nur der Nazi wird erwartet - mancher rechnet eher mit der Ankunft der Engländer. Denn die Nachrichten von den Etappen des deutschen Zusammenbruchs dringen auch auf "die Arche Noah". Und so spitzt sich die Lage auch in Altenburg zu - bis ins Groteske.
Bernd Schroeder hat das historische Filmprojekt, an dem die Nazis bis zum Kriegsende festhielten, wie ein Doppelstück fiktiv ausgestaltet. Die Handlung spielt sowohl auf der Ebene der immer nervöser werdenden Filmcrew als auch in den gedrehten Szenen des Siegesfilms. Darunter sind Szenen für den Sieg genauso wie solche für einen Friedensfilm. Man weiß ja nie, vor wem man sich noch rechtfertigen muss. Dazwischen schiebt der Autor Kurzbiographien der Akteure, historische Fakten aus den letzten Kriegsmonaten sowie Zitate von Goebbels und Hitler.
Dem Stoff aus einer bitteren Zeit nimmt Schroeder mit feiner Ironie das Schwere. Er schafft interessante, glaubwürdige Figuren und fügt damit den unzähligen Büchern über die Nazizeit ein spannendes, leicht erzähltes Stück hinzu. Ein Roman, den man sich auf einer Theaterbühne wünscht.
Anne Heucher
Bernd Schroeder, Warten auf Goebbels, Roman, Carl Hanser Verlag München 2017, 236 Seiten, 22 Euro.