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„Keine Zeit für Pessimismus“ Matthias Brodowy Mosel Musikfestival

Kabarett : Wer fürchtet sich vorm schwarzen Loch?

„Keine Zeit für Pessimismus“: Matthias Brodowy gastiert mit seinem neuen Programm beim Mosel Musikfestival im Brunnenhof. Kann er die großen Fußstapfen seines Vorbilds Hanns-Dieter Hüsch ausfüllen?

Eine Frage, die Künstlern nur von deutschen Journalisten gestellt werde, behauptet der Künstler auf der Bühne, lautet: „Was ist der Unterschied zwischen einem Comedian und einem Kabarettisten?“ Die Antwort: „Der Comedian macht es wegen dem Geld, der Kabarettist wegen des Geldes.“

Geht es nur nach dem Kasus, wäre Matthias Brodowy vermutlich ein Kabarettist. Was nicht heißt, dass er nicht auch dem höheren und niederen Blödsinn genügend Raum in seinem Programm widmet, als dessen Vertreter er sich auf seiner Homepage anpreist. „Keine Zeit für Pessimismus“ hat er sein 90-minütiges Programm überschrieben, das er erst einmal in die Schublade legen musste, ehe er es seit kurzem der Öffentlichkeit präsentieren kann – eine Art Vademecum für Menschen, die drauf und dran sind, den Kopf in den Sand zu stecken, weil man ja doch nichts ändern kann. Eben das weigert sich Brodowy zu akzeptieren und will die Gebeugten und Resignierten und die „Was-kann-ich-schon-dagegen-tun?“-Zeitgenossen aufrütteln mit seinen Durchhalte-Chansons für schwere Zeiten („Es ist keine Zeit auszuruhen … es ist Zeit, etwas zu tun“, wie es im titelgebenden Lied heißt). Ja, er kommt tatsächlich mit einer Botschaft daher, bisweilen ein wenig zu dick aufgetragen. Liegt es an seiner Vergangenheit als Theologie-Student, der die Bühne der Kanzel vorgezogen hat? Wobei es seiner Meinung nur ein kurzer Weg von der Kirche zum Kabarett und zurück ist („Man muss sich nur ein Hütchen aufsetzen …“).

Glücklicherweise – und damit man ihn nicht in die Schublade des missionarischen Gutmenschen steckt – kriegt er immer genau dann die Kurve, wenn seine Texte zu sehr ins Pädagogische abdriften. Da berichtet er etwa über sein Laster als Käsejunkie, seine Skepsis gegenüber allen möglichen Diäten (er selber sei ja der beste Beweis, dass sie nichts bringen) und Verschwörungstheoretikern unter seinen Freunden, die davon überzeugt sind, dass schwarze Löcher ab sofort die Aufgabe übernehmen, die Corona nicht geschafft hat – nämlich die Menschheit zu  dezimieren. Deren Existenz bezweifelt er aus gutem Grund, denn, hält er dagegen, er sei schon so oft in Münster, Paderborn oder Kevelaer gewesen (wohl, um die Gastfreundschaft nicht zu gefährden, lässt er Trier aus der Aufzählung aus) – und immer wieder heil nach Hause zurückgekommen.

Wenn er von derlei persönlichen Begebenheiten berichtet, sich selbst auf die Schippe nehmend und die Ereignisse ins Absurde überhöhend, erinnert er an seinen Mentor und sein großes Vorbild Hanns-Dieter Hüsch, der aus dem Klein-Klein des Ewig-Menschlichen wundervolle Kabarettabende gebaut hat, bei denen er seinen Zeitgenossen mit satirischer Erbarmungslosigkeit und großem Herzen in die Seele geschaut hat.

Brodowy schaut noch ein paar Zentimeter tiefer. Nicht nur, dass er derzeit der einzige Kabarettist im deutschsprachigen Raum sein dürfte, der der Unterhose in seinem Programm ein ausführliches Kapitel widmet und dem Publikum des Mosel Musikfestivals im ausverkauften Brunnenhof verrät, dass er den Ausdrucks „Shorts“ gar nicht leiden kann, dafür den altertümelnden Begriff „Schlüpfer“ eindeutig dem „Slip“ vorzieht („da sieht man schon, wie er in der Ritze verschwindet“); er beschäftigt sich auch mit dem Thema Pinkeln und lässt sich die diversen Synonyme für diese Tätigkeit genüsslich auf der Zunge zergehen, während er sie in einer schummrigen Hamburger Kneipe auf dem Damenklo (die andere Abteilung war wegen Reparaturarbeiten gesperrt) selbst ausübt. Wobei ihm das Kunststück gelingt, dieses Thema so zu präsentieren, dass ihm alles Anrüchige abgeht und am Ende reine Comedy bleibt (dennoch arbeitet er hier zweifellos wegen dem Geld).

Die spezielle Kunst des vielfach preisgekrönten Kabarettisten besteht nicht zuletzt darin, einer ins Sentimental-Rührselige abzudriften drohenden Begebenheit eine überraschende Pointe aufzusetzen, so dass aus dem feuchten Auge doch eine Lachträne läuft. Der Anblick eines alten Mannes, der seine gleichaltrige Frau auf dem Sitzelement eines Rollators durch die Straßen schiebt, lässt ihn im Zeitraffer die Geschichte des Paares nachempfinden: Als Jugendliche seien sie zu zweit auf einem Fahrrad und später auf dem Moped unterwegs gewesen – gegen den Rat der Erwachsenen. Und vielleicht, so Brodowy, seien die zwei im Alter ja immer noch auf der Flucht vor den Übervorsichtigen. Nicht nur bei diesem Chanson, sondern bei all seinen Liedern beweist Brodowy quasi nebenbei, dass er nicht nur ein ziemlich guter Melodienerfinder, sondern auch (kein Wunder – schließlich ist er ausgebildeter Kirchenmusiker) ein versierter Pianist ist – sozusagen eine Ein-Mann-Fabrik für anspruchsvolle Unterhaltung zwischen zum Nachdenken anregende Ernsthaftigkeit bis zu mitunter ziemlich höherem Nonsense.

Mit einem Gedicht seines Lehrmeisters Hüsch verabschiedet Brodowy sich nach ausführlicher Zugabe: „Ich bin gekommen euch zum Spaß / Und gehe hin wo Leides ist / Und Freude / Und wo beides ist / Zu lernen Mensch und Maß.“ Sich die Zeilen dieses Philosophen unter den Kabarettisten anzueignen wirkt übrigens alles andere als anmaßend. Und nicht nur deswegen sieht es so aus, als könnte das „schwarze Schaf vom Niederrhein“ (Hüsch über Hüsch) einen ebenbürtigen Nachfolger gefunden haben.