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Vinyl der Woche: Who's Next – The Who

Vinyl der Woche: Who's Next – The Who : Gut, dass Pete Townshend (kurzzeitig) gescheitert ist ...

Vor 50 Jahren erscheint Who's Next von The Who. Ein Album, das eigentlich noch mehr hätte werden sollen – wäre Sänger Pete Townshend nicht gescheitert. Und ein Album, das zur musikalischen Pubertäts-Pflichtlektüre gehört.

Anfang der 1970er. Für The Who könnte es kaum besser laufen. Eine erfolgreiche Rockoper (Tommy), gekrönt mit einem Auftritt beim Woodstock-Festival (der durch die im Voraus bezahlte Gage in Höhe von 11 200 Dollar zu einer ungeahnten Verbesserung der finanziellen Situation der Band beiträgt). Und doch will Sänger Pete Townshend mehr. Viel mehr. Eine weitere Rockoper. Ach, noch mehr. Ein Multimedia-Projekt. Musik in Perfektion. Thema: Die Kraft der Musik. Name: Lifehouse. Gegenüber der Presse schwingt Townshend die ganz große Keule. Nur seine Bandkollegen kann er nicht überzeugen. Das Lifehouse fällt zusammen. Townshend ist am Boden. Kurzzeitig gescheitert. Ein Scheitern, dem wir heute ein Meilenstein-Album verdanken, das vor 50 Jahren erscheint: Who‘s Next von The Who.

Die Songs, die für Lifehouse geschrieben wurden, erscheinen nicht wie geplant als Doppel-Konzept-Album. Sie wegzuwerfen wäre jedoch einer der größten Fehler der Musikgeschichte gewesen – dafür sind die Titel schlicht zu gut. Vor allem das 1971 erschienene Album Who‘s Next profitiert vom geplatzten Lifehouse-Projekt. Mit Won’t Get Fooled Again, Behind Blue Eyes und Baba O’Riley erscheinen auf ihm drei der bekanntesten Who-Kompositionen.

Werfen wir vor allem einen Blick auf diese drei genannten Werke. In Behind Blue Eyes, den jüngeren Lesern vielleicht eher aus der Coverversion von Limp Bizkit bekannt (Ohne deren Frontmann Fred Durst zu nahe zu treten, gilt hier wieder einmal: Neu ist nicht immer besser.), singt der Hauptbewohner des Lifehouse (Jumbo) ein Klagelied aus seiner Sicht. Entgegegen mancher Vermutung ist der Song nicht autobiografisch – auch wenn diese Gerüchte dadurch aufkommen, dass Pete Townshend und Roger Daltrey beide blaue Augen haben. Vielmehr erzählt der Song von der Einsamkeit, die durch Erfolg entsteht.

Won‘t Get Fooled Again ist ein Beispiel dafür, wie viel Radiostationen zerstören können. Denn ein 8:30-Minuten-Meisterwerk (Albumversion) auf 3:35 Minuten herunterzukürzen, grenzt an eine Straftat. Der Titel handelt von einer Revolution. In Strophe eins entseht ein Aufstand, der im Sturz des alten Regimes (Strophe 2) ufert. In Strophe drei werden die neuen Herrscher jedoch genau wie die alten – es entsteht das geniale Zitat: „Meet the new boss, same as the old boss“

Etwas ausgefallener liest sich die Entstehungsgeschichte von Baba O‘Riley. Sie geht auf eine Vision von Pete Townshend zurück, in der der Geist seines spirituellen Mentors Meher Baba in einen Computer eingespeist und in Musik umgewandelt wird. Das Ergebnis wäre in der Townshend-Version eine Mischung aus besagtem Baba und Terry Riley, einem minimalistischen Komponisten, den Townshend bewunderte: Baba O‘Riley.

Who‘s Next wurde nicht zu der epochalen Rockoper, die sich Pete Townshend wünschte. Stattdessen entstand ein Album für die Ewigkeit, das jeder pubertierende Jugendliche mindestens – sagen wir – 13-mal gehört haben sollte. Nur um zu lernen, was Musik alles kann. So ganz ablassen konnte Townshend vom Lifehouse-Projekt jedoch nicht: 1999 erscheint es als Hörspiel, 2000 als Konzertaufführung. Ohne The Who.

In der Kolumne „Vinyl der Woche“ stellt der Trierische Volksfreund wöchentlich eine Schallplatte vor – von Neuerscheinungen, über besondere Alben bis hin zu Klassikern. Alle Serienteile finden Sie hier.