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Landesausstellung "Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht"

Geschichte : Wie die Kaiser um den Thron kämpften

Start der neuen TV-Serie „Faszination Mittelalter“: Eine neue Landesausstellung bietet in Mainz und an zahlreichen Schauplätzen der Geschichte die Möglichkeit, sich auf die Spuren der mächtigen mittelalterlichen Kaiser zu begeben.

Millionen begeisterte Zuschauer haben in der Serie „Game of Thrones“ verfolgt, wie sieben Königshäuser auf einem fiktiven Kontinent um die Macht buhlen, Intrigen schmieden und immer neue Verbündete suchen, um am Ende den begehrten eisernen Thron besteigen zu können.

Doch warum in fantastische Fernen schweifen, wenn es all das vor der Haustüre in echt gab? Wer auf Drachen und Untote verzichten kann, wird beim Blick in die mittelalterliche Geschichte fast alles finden, was auch die Serie so spannend macht: Unterschiedlichste Charaktere, die ihre ganz eigenen Strategien entwickeln, um Macht zu mehren. Mal mit geschickten Verhandlungstaktiken, Geld, Gewalt oder Grausamkeit. Mal mit Schläue, Charme und Charisma. Fast immer jedoch mithilfe verlässlicher Verbündeter.

Die neue Landesausstellung „Die Kaiser und die Säulen ihrer Macht. Von Karl dem Großen bis Friedrich Barbarossa“, die vom 9. September 2020 bis zum 18. April 2021 im Mainzer Landesmuseum zu sehen ist, wirft einen ganz neuen Blick auf die Herrscher des Mittelalters.

„Sie behandelt eine Frage, die in einer Ausstellung so noch nie behandelt worden ist“, sagt die Schirmherrin – Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD): Worauf basiert die Macht der Kaiser? Auf welche Säulen stützen sie sich? Welche Akteure und Netzwerke wirkten im Hintergrund ohne die die kaiserliche Macht nicht denkbar gewesen wäre?

Und ein erster Rundgang durch die rund 1200 Quadratmeter große Schau mit ihren 300 überaus hochwertigen Exponaten zeigt: Karl der Große und diejenigen, die ihm auf den Thron folgten, waren keine absolutistischen Herrscher. Ihre Macht war brüchig. Mal brauchten sie starke Frauen. Mal Bischöfe und Äbte, Fürsten oder Ritter, jüdische Gemeinden oder ganze Städte, um ihre Machtposition zu sichern. „Politik war nur im Konsens mit den Getreuen möglich“, sagt Bernd Schneidmüller, wissenschaftlicher Leiter der Ausstellung. In einem Wirkverbund, an dessen Spitze der Kaiser stand.

Viele der zu sehenden Exponate sind einzigartig und lassen das Herz von Historikern, Philologen oder jenen, die von Rittertum und Minnesang träumen, höher schlagen. Das Prunkstück der Ausstellung ist so kostbar, dass es in einem Hochsicherheitstransport mit drei Polizeiwagen von Heidelberg nach Mainz eskortiert wurde. Die Versicherungssumme allein dieses einen Buches ist so hoch, dass sie für viele Villen, dazu ein paar Yachten und mittelständische Betriebe reichen würde. Der kulturelle Wert: unbezahlbar. Schließlich ist der Codex Manesse die berühmteste deutsche Liederhandschrift des Mittelalters. 138 Abbildungen zeigen Kaiser, Könige und Dichter bei Kampf, Jagd oder Minnesang – und prägen unser Bild vom Mittelalter bis heute. Schon seit 14 Jahren wurde der Codex nicht mehr gezeigt. Nun haben Geschichtsfans sechs Wochen lang die Chance, ihn in Mainz aus nächster Nähe zu betrachten. Einmal pro Woche wird umgeblättert. Dann geht die Schrift zurück nach Heidelberg.

Allerdings ist sie nur eine von zahlreichen unermesslich wertvollen Handschriften, die zu sehen sind: Auch das Trierer Weltdokumentenerbe Codex Egberti wird gezeigt ebenso wie das Ada Evangeliar oder der Prümer Urbar  – das Güterverzeichnis der mächtigen Abtei Prüm.

Der Louvre steuert das Armreliquiar Karls des Großen bei – eine prächtig verzierte Kiste aus vergoldetem Silber, die für einen Armknochen Karls geschaffen wurde (der allerdings bei der Umbettung der Gebeine 1165 entnommen wurde). Echte Kaiserthrone sind zu sehen, echte Kaiserkronen, die Heiratsurkunde der Kaiserin Theophanu, riesige Silberschätze, Schwerter, Sarkophage oder eine prächtige Bronzetüre, die bis heute Rätsel aufgibt.

Die Schau betrachtet den Zeitraum zwischen dem Jahr 800 – jenem Jahr in dem Karl der Große in der Tradition der antiken Kaiser gekrönt wurde – und dem Tod von Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1190. Es ist eine Zeit, in der aus der Grenzregion am Rhein plötzlich eine Zentrallandschaft der europäischen Geschichte wird. Ein neues Machtzentrum.

Wer fürchtet, den Überblick zu verlieren angesichts all der Karolinger, Ottonen, Salier und Staufer, die nach Karl den Thron besteigen und dabei unpraktischerweise überwiegend Otto, Konrad, Heinrich oder Friedrich heißen, kann dennoch beruhigt nach Mainz fahren. Die Ausstellung pickt sich einfach eine Handvoll interessante Kaiser heraus und demonstriert an ihnen anschaulich, welche Strategien die Männer nutzten, um den Thron für sich zu gewinnen – und zu behalten.

So kennt Karl der Große auf dem Weg zum Alleinherrscher keine Skrupel und lässt all jene verschwinden, die ihm gefährlich werden könnten: egal ob Neffen, Schwägerin, Schwiegervater oder Vetter. Im Jahr 800 geht er ein Bündnis mit dem Papst ein, lässt sich von diesem in der Tradition antiker Caesaren krönen und begründet so ein neues Kaiserreich, das sich von den Pyrenäen bis zur Elbe, von der Nordsee bis nach Rom erstreckt. Und so regiert Karl als reisender Kaiser, der mit seinem Hofstaat von Pfalz zu Pfalz zieht. 150 dieser Kaiserhöfe gab es insgesamt, einige sind bis heute erhalten, darunter jene in Ingelheim. Aachen, an das viele beim Gedanken an den legendären Kaiser als erstes denken, wird erst in den letzten beiden Jahrzehnten zu dessen Winterwohnsitz. „Als er noch Kraft in den Lenden hatte, war Karl in Worms. Als er Gicht in den Knochen hatte, war er in Aachen“, sagt Thomas Metz, Chef der Generaldirektion Kulturelles Erbe, die mit der Ausstellung auch zeigen will, welch große Bedeutung die Region rund um den Rhein im Mittelalter hatte.

30 Jahre lang kämpfte Karl vom Rhein aus gegen die Sachsen. „Was als Aufmarschbasis gedacht war, entwickelte sich zum Zentrum des karolingischen Frankenreiches“, betont Schneidmüller. Die Erzbistümer Mainz, Köln und Trier wurden die mächtigsten der gesamten Kirche, das Bistum Mainz entwickelte sich gar zur größten Erzdiözese, die es überhaupt gab. Um das riesige Reich zusammenzuhalten, strebt Karl nach Einheitlichkeit – er vereinheitlicht Liturgien und Zeitrechnung, Münzen, Schrift oder Rechtsprechung und reformiert Bildung und Wissenschaft.

Auf ganz andere Säulen stützen sich die Ottonen. Zum einen regierten  mächtige Frauen wie Theophanu oder Kunigunde an der Seite der Kaiser. Zum anderen war der mächtige Mainzer Erzbischof  Willigis (975 bis 1011) ein zentraler Bündnispartner. Oder noch weit mehr als das. „Willigis war Vertreter des Kaisers und hat faktisch jahrelang das Reich regiert“, sagt Birgit Heide, Direktorin des Landesmuseums Mainz. So kommt Heinrich II. mit Willigis’ Unterstützung an die Macht und fördert im Gegenzug Bistümer und Klöster.

Heinrich IV. und V. hingegen entdecken die Städte als wichtige Partner, die ganz neue Rechte erhalten, und für Friedrich Barbarossa sind auch die vielen kleinen Ritter und die blühenden jüdischen Gemeinden von Mainz, Speyer und Worms von großer Bedeutung. Haben sie doch erheblichen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung und der Blüte der Staufer. Zu sehen sind Architekturteile aus dem jüdischen Ritualbad in Speyer, Grabsteine oder Münzen mit hebräischer Inschrift.

Und auch die berühmte Goldene Bulle (erlassen 1356) kehrt für die Ausstellung nach Mainz zurück. Dieses bedeutende Dokument läutet den Endpunkt einer langen Entwicklung  im Kampf um die Macht ein. Legt die Bulle doch fest, dass (und wie) die sieben Kurfürsten den König zu wählen haben. „Und so übernehmen die Säulen der Macht einen Teil der Macht“, sagt Heide. Allen voran der mächtige Trierer Kurfürst. Auf Jahrhunderte wird diese Bulle zum „Grundgesetz“ des Reiches. „Es gibt nicht viele Verfassungen, die so lange in Kraft waren“, betont Schneidmüller. Bis 1806 bleibt sie gültig – und unterbindet so alle Machtspiele, die frühere Herrscher im Kampf um den Thron ausfochten.

Es ist eine zweifellos lehrreiche Ausstellung voll herausragender Exponate, die mit kurzen, leicht verständlichen Texten auf großen farbigen Schautafeln neue Einblicke in längst vergangene Zeiten und das Wesen der Macht ermöglicht. Die Fantasie kitzelt die Schau allerdings kaum. Sie erklärt das Mittelalter – ohne ihm Leben einzuhauchen. Wer sich erhofft, mit allen Sinnen tief in die farbenfrohe Welt prächtiger Thronsäle oder reisender Kaisergesellschaften einzutauchen, könnte enttäuscht werden.

Zahlreiche Möglichkeiten dazu bieten allerdings die Schauplätze des kaiserlichen Wirkens in Rheinland-Pfalz. Mehr als 25 Burgen, Dome, Klosterruinen, Pfalzen, Paläste oder Museen beteiligen sich mit eigenen Ausstellungen am Kaiserjahr 2020, darunter als einziges Denkmal in der Region auch die Trierer Porta Nigra, die im Mittelalter zu einer Doppelkirche umgebaut wurde. Entlang des Rheins locken zahlreiche Kaiserstätten mit neuen kleinen oder größeren Ausstellungen im Rahmen des Kaiserjahres zu einem Ausflug: Die Kaiserpfalzen in Gelnhausen und Ingelheim, die Dome von Worms, Mainz und Speyer, die Klosterruinen Limburg bei Bad Dürkheim und das Kloster Lorsch, die jüdischen Denkmale und Museen von Speyer und Worms, die Reichsburg Trifels bei Annweiler und zahlreiche andere Kulturdenkmäler und Museen. Weitere Infos unter www.kaiser2020.de

Tickets für die Landesausstellung (Erwachsene zwölf, Kinder sieben Euro) sollte man vorab online buchen, da pro Zeitfenster maximal 30 Besucher eingelassen werden. Diese termingebundenen Tickets können nicht storniert oder umgebucht werden. Mit dem Online-Ticket kann man direkt in die Ausstellung und muss sich nicht zusätzlich an der Kasse anstellen.

Der Thron aus der Kaiserpfalz Goslar stammt aus der Zeit Heinrichs IV. Foto: TV/Katharina de Mos
Der Codex Manesse ist die berühmteste Liederhandschrift des Mittelalters. Ein Dokument von unermesslichem Wert. Foto: TV/Katharina de Mos
Armreliquiar Karls des Großen: In dieser prächtigen Truhe wurde einst ein Armknochen des legendären Kaisers aufbewahrt. Foto: TV/Katharina de Mos
Der Trierer Kurfürst führte die Riege der sieben mächtigsten Fürsten des Heiligen Römischen Reiches an. Foto: TV/Katharina de Mos
Logo_Faszination_Mittelalter Foto: TV/Hartmann, Simon

Tipp für Familien: Wer das Mittelalter spielerisch erkunden will, findet dazu im Mainzer Landesmuseum in der ebenso fantasievollen wie actionreichen Mitmachausstellung „Ritter, Bauer, Edeldame“ an 32 Stationen die Gelegenheit. Geeignet für Kinder ab fünf Jahren – nur in Begleitung von Erwachsenen. Erwachsene: sechs Euro, Kinder drei.