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Mensch... anonymer Bauarbeiter!

Mensch... anonymer Bauarbeiter!

Donnerwetter, so kann man sich mit einer einzigen spontanen Aktion einen Platz in der Weltgeschichte schaffen. Wir reden von dem unbekannten Helden, der anlässlich von Bau- und Räumungsarbeiten auf dem Dach der Schalke-Arena eine Fahne von Borussia Dortmund aufpflanzte.

Sofort fallen einem historische Fahnenträger-Vorbilder ein. Die halbnackte Liberté etwa, die den Sturm auf die Pariser Bastille und den französischen Adel anführte. Oder die russischen Soldaten, die 1945 nach der deutschen Kapitulation auf dem Brandenburger Tor die rote Fahne hissten.

Nun ist das Verhältnis von Adel und Bürgerlichen ebenso wie das von Deutschen und Russen, rückblickend betrachtet, entschieden versöhnlicher als das zwischen Schalke- und Dortmund-Fans. Zumal vor dem Hintergrund, dass Schalkes letzte deutsche Meisterschaft mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt, während Dortmund in dieser Zeit vier Mal die Schale schwenken durfte - vom Champions-League-Sieg gar nicht zu reden. Oder von der ewigen Tabelle der Bundesliga, in der Lüdenscheid-Nord (so nennen Schalke-Fans die Borussia) auf 5, Schalke aber auf 9 liegt.

Wer im Alltag mit dem Titel "Meister der Herzen" vorlieb nehmen muss, für den ist wenigstens das ansehnliche überdachte Stadion ein Grund zum Stolz. Wenn aber dann das Hightech-Zeltdach einkracht wie der Giebel von Hempels alter Scheune und die Schneeräumer und Plastikfolien-Flicker voller Hohn das feindliche schwarz-gelbe Emblem auf dem höchsten Punkt der gegnerischen Arena installieren, dann ist das für Königsblau mindestens so eine Demütigung wie die 0:7-Niederlage 1966 im Stadion Rote Erde.

Insofern wird aber auch verständlich, dass Sie, risikofreudiger Anonymus, dem zwischenzeitlichen Aufruf der Bildzeitung, sich unter Garantie freien Geleits zu stellen, ebenso wenig Folge geleistet haben wie dem Angebot einer Dortmunder Fankneipe, ein Jahr lang dort dem Freibier zuzusprechen. Beides würde Sie zwingen, ihre Identität preiszugeben.

In letzterem Fall aber wäre die Drohung eines Schalke-Funktionärs, Sie achtkantig aus Ihrer Kolonne herauswerfen zu lassen, noch geradezu ein Dokument der Humanität. Was die Fans aus der Nordkurve mit Ihnen machen würden, dürfte wohl eher in der Nähe des Teerens und Federns liegen. Es sei denn, ihre Mannschaft übernimmt das mit der Rache: am 4 Februar beim Spiel Dortmund-Schalke. Dieter Lintz