Schwierige Zeiten für die Kirchenmusik

Schwierige Zeiten für die Kirchenmusik

Wolfgang Seifen, lange Zeit Organist im rheinischen Kevelaer, ist seit dem Jahr 2000 Professor für Improvisation und liturgisches Orgelspiel an der Berliner Universität der Künste. Kürzlich gab der angesehene Musiker in Schweich einen Improvisationskurs. Im Gespräch mit dem TV skizzierte er bei dieser Gelegenheit die aktuellen Nachwuchssorgen im Organistenberuf.

Schweich. Auf der Orgelempore von St. Martin in Schweich hat sich eine kleine Gruppe versammelt. Etwa ein Dutzend Musiker und Musik-Interessierte, die etwas erfahren wollen von der Kunst des Improvisierens auf der Orgel.
Auf Einladung von Dekanatskantor Johannes Klar ist Wolfgang Seifen, Professor für Improvisation und liturgisches Orgelspiel, aus Berlin an die Mosel gekommen. "Impulstag" nennt Seifen seinen ganztägigen Kurs und stellt klar: "Man kann nicht an einem Tag Improvisieren komplett erlernen."
Ermutigendes Signal


Die Kursarbeit beginnt ganz schlicht mit einstimmigen Melodien. Am Ende steht dann die Beschäftigung mit unterschiedlichen Kompositions-Stilen, aus denen der Improvisator seine eigene Tonsprache entwickeln soll.
Die Musikgeschichte wird zum Baukasten, aus dem sich mal kleine, mal größere Steine entnehmen und neu arrangieren lassen.
Angesichts der gegenwärtigen Situation bei Orgel, Organisten und Orgelmusik ist die Zusammensetzung der Kursteilnehmer erstaunlich. Die meisten von ihnen gehören zur jüngeren Generation.
Das ist ein ermutigendes Signal in einer schwierigen Zeit. In beiden großen christlichen Konfessionen mangelt es nicht nur an Geistlichen, sondern auch an Kirchenmusikern. Der Zeitgeist hat sich gegen das Christentum gestellt. Seifen wörtlich: "Die Entkirchlichung vieler Menschen führt dazu, dass junge Leute überhaupt nicht mehr den Weg zu diesem sehr speziellen Beruf des Organisten finden. Sie kommen kaum mehr in Kontakt mit Kirchenmusik und noch weniger mit Kirchenmusikern, die sie begeistern könnten." Trotz der Kirchenschließungen, der Zusammenlegung von Gemeinden und der damit verbundenen Reduzierung von Organistenstellen gebe es jetzt schon zu wenig Kirchenmusiker. Und das, obwohl durch die Musikschulen viele junge Menschen mit Musik in engen Kontakt kommen.
Bei Kirchenmusikern ist das anders. "Kirchenmusik ist eine vom Inneren getragene Sache. In meiner Kindheit wurde ich durch den Gottesdienst und wirklich gute Musiker zur Kirchenmusik geführt. Dieser Zugang ist jungen Menschen aus verschiedenen Gründen verwehrt."
Wolfgang Seifen gehört in der katholischen Kirche keineswegs zu den bedingungslosen Ja-Sagern. Vor gut einem Jahrzehnt hat er in Schweich einen kritischen Vortrag über die Situation des Organisten in der kirchlichen Hierarchie gehalten. Hatte er damals vor allem innerkirchliche Probleme zur Sprache gebracht, so zielt er heute im Gespräch mit dem TV auf die externen Schwierigkeiten der Kirchenmusik in der Gesellschaft.
Traditionelles bewahren


Mit deutlich ironischem Unterton kritisiert er die allzu bereitwillige Anpassung mancher Kirchenmusiker an die populäre Musik außerhalb der Kirche: "Bis vor kurzem brauchte man für angeblich moderne Kirchenmusik noch drei Akkorde. Heute kommt man schon mit zweien aus."
Aus alledem spricht die Sorge, dass mit der religiösen Bindung der Menschen in Deutschland zugleich ein unschätzbares Kulturgut verloren gehen könnte. Bei Seifen klingt dabei etwas im besten Sinn Kulturkonservatives mit - der Wille, Traditionen zu bewahren statt aktuellen Trends hinterherzulaufen.
Vielleicht ist das der Schlüssel zu seinem Erfolg. Während viele Ausbildungsstätten für Kirchenmusik nach Bewerbern suchen, sind die Studiengänge an der Berliner Hochschule überbelegt. "Wir haben bei uns ein volles Haus - Gott sei Dank!"Extra

Foto: Martin Dr. Möller (mö) ("TV-Upload Dr. M?ller"

Wolfgang Seifen wurde 1956 in Bergheim/Erft geboren. Ab 1967 besuchte er das Musikgymnasium der "Regensburger Domspatzen". Von 1973-1976 studierte er in Aachen Kirchenmusik. Daneben trat er eine erste Organistenstelle an der Nikolauskirche Aachen an. Von 1983-2000 war er Organist an der Päpstlichen Marienbasilika zu Kevelaer. Von 1989-1992 leitete Seifen eine Orgelklasse für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, und von 1992-2000 war er ebenfalls als Leitung an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf engagiert. Seit Oktober 2000 ist er Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel an der Universität der Künste in Berlin. 2004 bekam er die Berufung zum Titularorganisten an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Zahlreiche Kompositionen für Chor, Orgel und Kammermusik sowie diverse Publikationen über Orgelbau und Orgelimprovisation konnte er veröffentlichen. mö