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Verneigung vor einem Meister

Verneigung vor einem Meister

In den Genuss eines Ausnahmekonzerts sind 550 Besucher im Trifolion Echternach gekommen. Der polnische Pianist Krystian Zimerman hat die letzten drei Klaviersonaten Ludwig van Beethovens als tiefe Verbeugung vor Werk, Künstler und Mensch interpretiert.

Echternach. Wenn Krystian Zimermans Hände über die Tasten des Flügels gleiten, entsteht Musik, die nicht nur ins Gehör, sondern gleich ganz tief in die Seele dringt.
Es ist nicht nur dieser weiche, streichelnde Anschlag, bei dem die Schwingungen der Einzeltöne zu einem betörenden Ganzen zusammenfließen. Es ist auch dieser gedämpfte, irgendwie entrückt wirkende Klang des Flügels, der Empfindungen weckt.
Suche nach dem adäquaten Klang


Damit hat es Besonderes auf sich: Krystian Zimerman hat die Klaviatur selbst gebaut. Er sei stets auf der Suche nach dem adäquaten Klang für jeden Komponisten, erklärt der Künstler, der als Perfektionist bekannt ist.
Was aber ist adäquat für Beethoven, der, als er von 1820 bis 1822 an den Klaviersonaten Nr. 30 bis 32 schrieb, taub war? Zimerman hat nachgeforscht und herausgefunden, dass der Komponist mit Hilfe von Stöcken, die er in den Mund nahm und an den Resonanzboden des Flügels hielt, doch zumindest gefilterte Töne hören konnte.
Er habe es selber ausprobiert, habe zum Entsetzen seiner Frau mit Motorradhelm und Stock im Mund Klavier gespielt und dann eine mit Wolle gedämpfte Klaviatur entwickelt, sagt der Pianist. Nicht nur in dieser Hinsicht hat er sich in den Komponisten hin-einversetzt. In seinem Spiel und begleitenden Gebärden wird deutlich, dass er sich auch der Gefühlslage des Menschen hingibt, der spürt, dass er in seine letzte Lebens- und Schaffensphase eingetreten ist.
25 Jahre lang hat Zimerman vor dieser intensiven Einlassung zurückgescheut, bis er im Januar dieses Jahres den Zyklus erstmals in Tokio spielte - da war er so alt wie Beethoven auf dem Sterbebett.
Eindringlich und mit größter Sensibilität drückt er die den Kompositionen innewohnenden Anklänge von Milde, Melancholie, Sehnsucht, Verzweiflung oder Aufbäumen aus. Er schafft eine ergreifende Dynamik aus Momenten, die mit ihrer Stille, ihrer feierlichen Klarheit oder Spiritualität tiefe Kontemplation hervorrufen und anderen, die den Atem stocken lassen.
Mit dem Spätwerk Regeln brechen


Zum Beispiel in der Sonate Nr. 31 op. 110, als der Pianist ein und denselben Akkord erst leise, dann immer vehementer anschlägt, so wie ein Tauber, der verzweifelt darum ringt, diese Töne noch einmal klar hören zu können.
Virtuos, ganz besonders im abschließenden Variationssatz der Sonate 32, op. 111, stellt Zimerman heraus, wie Beethoven mit seinem Spätwerk Regeln brach, wie er sich die Freiheit nahm, konventionelle Schemata zugunsten eines individuellen Ausdrucks über Bord zu werfen. Für seine grandiose Leistung erntet Krystian Zimerman stehende Ovationen. ae