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Missbrauchsaufarbeitung im Bistum Treir

Kirchliche Rolle rückwärts : „Ist es Unvermögen oder Absicht?“

Hat ein demnächst wegen Missbrauchsvorwürfen vor einem Kirchengericht stehender Ruhestandspriester selbst als Richter an Missbrauchsverfahren teilgenommen? Um eine Antwort auf diese Frage ist zwischen dem Bistum Trier und der Opfervereinigung Missbit ein heftiger Streit entbrannt.

Nachdem eine Sprecherin von Bischof Stephan Ackermann vergangene Woche entsprechende Vorwürfe als falsch zurückgewiesen hatte, folgte nun eine zumindest holprige Rolle rückwärts. Man müsse die Antwort „nach erneuter Prüfung der Akten leider ein Stück weit korrigieren“, sagte Sprecherin Judith Rupp unserer Zeitung. Demnach sei bei einer Untersuchung, an der der Ruhestandsgeistliche beteiligt war, doch auch über den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gesprochen worden. Mit dem Ergebnis, so Rupp, „dass keine Hinweise für sexualisierte Gewalt festgestellt werden konnten“.

Hintergrund des Zoffs ist der Fall Karin Weißenfels, der vor einigen Monaten bundesweit Schlagzeilen machte. Die (in Wirklichkeit anders heißende) Mitarbeiterin des Bistums war einst von einem Pfarrer sexuell missbraucht und später zur Abtreibung gedrängt worden. Weißenfels gehorchte schließlich und leidet seit vielen Jahren an den Folgen. Dem Bistum und mehreren Bischöfen wirft sie jahrelange Versäumnisse vor.

Weißenfels sagte unserer Zeitung, dass ihre damalige Befragung sogar im Büro des jetzt mit Missbrauchsvorwürfen konfrontierten Priesters gewesen sei. Es könne doch nicht sei, dass die Verantwortlichen im Trierer Generalvikariat die Wahrheit so drehten wie sie wollten. In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die Opfervereinigung Missbit. „Ist es Unvermögen oder Absicht, dass die Öffentlichkeit so in die Irre geführt wird?“, fragt Missbit-Sprecher Hermann Schell.

Das Bistum hatte vor einer Woche angekündigt, dass sich der Ruhestandsgeistliche vor einem Kirchengericht verantworten muss, weil er vor mehr als 15 Jahren einen Jugendlichen missbraucht haben soll. Der Priester bestreitet die Vorwürfe.

Unterdessen hat die unabhängige Kommission zur Missbrauchsaufarbeitung im Bistum Trier ihre Arbeit aufgenommen. Die Kommission werde hoffentlich dabei helfen, der Kirchen- und Glaubensgeschichte im Bistum und der Wahrheit, so schmerzlich sie sei, ehrlich ins Gesicht zu schauen“, sagte Bischof Stephan Ackermann bei einem Treffen mit den sieben Kommissionsmitgliedern. Kommissarischer Sprecher des Gremiums ist der ehemalige rheinland-pfälzische Justizminister Professor Gerhard Robbers. „Die Kommission geht mit großem Engagement und mit einem besonderen Blick für die Betroffenen an ihre Arbeit“, sagte der Universitätsprofessor. Der Kommission gehören auch zwei Mitglieder des sogenannten Betroffenenbeirats an.

Der Trierer Bischof betonte, dass er die Unabhängigkeit der Kommission respektieren werde.Das Gremium arbeite unabhängig und frei von Weisungen durch Bischof oder Bistum. Zudem sicherte Ackermann umfassende Unterstützung zu: „Die Kommission bekommt vollen Zugang zu den Akten.“ Er selbst habe darum gebeten, neben unter anderem dem Fall Karin Weißenfeld die Ära von Bischof Stein in den Blick zu nehmen. ehemaligen Bischof Bernhard Stein. Gegen den 1993 verstorbenen Stein gibt es seit einiger Zeit massive Vorwürfe, weil er dabei geholfen haben soll, Missbrauchstaten von Priestern aus seinem Bistum zu vertuschen und damit die Täter zu schützen.

Die Opferorganisation Missbit und andere Kritiker fordern  deshalb schon seit einiger Zeit die Umbenennung des Bischof-Stein-Platzes neben dem Trierer Dom. Ackermann und auch der Trierer Stadtrat verwiesen in der Vergangenheit dagegen auf die Recherchen der Aufarbeitungskommission, die man vor einer Entscheidung abwarten wolle.

Die Kommission und ihre Mitglieder sind zunächst für drei Jahre ernannt. Insgesamt ist für den Aufarbeitungsprozess laugt Bistum ein Zeitraum von sechs Jahren mit jährlichen Zwischenberichten vorgesehen.