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Der letzte Landwirt in Wittlich-Wengerohr geht in Ruhestand

 Seine Misch- und Mahlanlage behält Ernst Densborn und macht damit Tierfutter.
Seine Misch- und Mahlanlage behält Ernst Densborn und macht damit Tierfutter. FOTO: Michaela Hellmann
Wittlich-Wengerohr . Der letzte Landwirt in Wittlich-Wengerohr geht in den Ruhestand und verkauft seinen Hof. Damit findet ein Stück Dorfgeschichte sein Ende. Von Michaela Hellmann

Der schwere Geruch nach Kuhdung liegt noch immer in der Luft, obwohl Landwirt Ernst Densborn sein letztes Rind im Dezember geschlachtet hat. Vereinzelte Strohhalme auf dem Betonboden sind die letzten Spuren von mehr als einem Jahrhundert Viehwirtschaft. 1885 wurde das Stallgebäude gebaut, in den rund 135 Jahren haben es Densborn und seine Vorfahren immer wieder umgebaut und den jeweiligen Bedürfnissen angepasst. Doch im Herbst soll alles vorbei sein. Der 66-Jährige geht in den Ruhestand und verkauft seinen Hof in Wittlich-Wengerohr. Damit geht eine Ära in dem ehemaligen Bauerndorf zu Ende.

Vor eineinhalb Jahren kamen seine 20 Milchkühe weg, im Dezember hat Densborn die letzte Nachzucht geschlachtet. Jetzt hat er noch fünf Hektar Land, auf dem er Getreide anbaut. Aber im Herbst will er seinen landwirtschaftlichen Betrieb aufgeben. Es ist der letzte Bauer in Wittlich-Wengerohr. „Hier ist es schwierig geworden als Landwirt“, sagt Ernst Densborn. „Ich habe meinen Betrieb mitten im Dorf. Hier gibt es wenig Land, weil viele Industrie- und Baugebiete ausgeschrieben wurden. Das macht die Anfahrtswege zu den Feldern länger.“ Fällt ihm das Aufhören schwer? „Mittlerweile gibt es so viele Auflagen, da sitze ich mehr im Büro, als auf dem Feld zu arbeiten. Das macht mir das Aufhören leichter.“ Auflagen durch Molkerei, Bundesregierung oder EU erschwerten die Arbeit als Landwirt.  „Die Auflagen werden immer größer, das kostet Geld und die Einnahmen werden immer geringer.“ So sei beispielsweise die Düngeverordnung ein Problem für ihn geworden. „Meine Güllegrube ist für die Gülle von drei Monaten ausgelegt. Aber inzwischen dürfen Landwirte zwischen November und Februar keine Gülle mehr auf dem Feld ausbringen. Was soll ich mit der ganzen Gülle machen? Das würde für mich bedeuten, dass ich meine Grube vergrößern müsste, um länger lagern zu können. Und das kostet Geld.“

In den fünfziger und sechziger Jahren habe es, so Densborn, noch 27 landwirtschaftliche Höfe in Wengerohr gegeben. „In meiner Kindheit gab es hier einen Bäcker, einen Metzger, Handwerksbetriebe und Gaststätten, aber vor allem Bauernhöfe.“ Für ihn sei es selbstverständlich gewesen, den Betrieb weiterzuführen. Deshalb machte er als Jugendlicher eine Landwirtschaftslehre.

Einen zusätzlichen Arbeiter hat sich die Familie nur einmal in den fünfziger Jahren geleistet, ansonsten hat die Familie den Hof immer alleine bewirtschaftet. Dann mussten alle mit anpacken, vom Großvater bis zum kleinen Ernst halfen alle bei der Rübenernte und beim Kühemelken mit. „Den ersten Traktor bekam mein Vater 1954, da war ich gerade mal zwei Jahre alt.“ Trotz des Fortschritts behielt Densborns Großvater die Pferde und pflügte mit ihnen den Acker, erinnert sich der Enkel. „Manchmal ließ mich, als kleiner Panz,  mein Großvater  die Seile von den Pferden halten und mit ihnen übers Feld gehen“, erzählt er versonnen. „Da war ich stolz.“

Bis 1980 hatten die Densborns neben den Milchkühen auch Schweine. Angebaut haben sie Getreide, Rüben, Kartoffeln. Irgendwann ersetzte die Familie die Rüben durch Mais. „Mais machte weniger Arbeit, da lief alles mit Maschinen.“ Seit 1975 hat er eine Mahl- und Mischanlage. Damit fährt er zu anderen Landwirten in der Umgebung, Bernkastel-Kues und Daun. „Wir haben uns Aufgaben geteilt. Man kann sich ja nicht alle Maschinen leisten. Ich habe das Getreide zu Tierfutter verarbeitet, ein anderer sät dafür bei mir den Mais und wieder ein anderer häckselt den Mais.“

„In den achtziger Jahren gab es hier in Wengerohr noch sechs oder sieben weitere landwirtschaftliche Betriebe“, erinnert sich Densborn. Den Bauernhof hat er 1987 von seinem Vater übernommen. Etwas anderes machen als die Generationen vor ihm, habe er nicht gewollt. „So wie es war, hat es gut funktioniert.“

Anfang der 2000er Jahre musste Densborn Teile seines Lands verkaufen. Wo er früher Getreide und Mais angebaut hatte, entstand nun das Industriegebiet Wengerohr-Süd. Für manche Ackerflächen erhielt er Ersatz an anderer Stelle. „Die neuen Äcker hatten den Nachteil, dass ich weitere Wege fahren musste, um hin zu kommen.“

Auch wenn er seinen Hof verkauft und sein restliches Land ab Herbst verpachtet, seine Mahl- und Mischanlage gibt er nicht her. „Es war eine große Umstellung für mich, als mein Vieh weggekommen ist.“ Von heute auf morgen einfach die Hände in den Schoß zu legen, kommt für den 66-Jährigen nicht in Frage. „Von hundert auf null kann ich nicht runterfahren“, sagt er und lacht. Er will weiterhin mit seiner Mahl- und Mischanlage zu den anderen Landwirten fahren, um Tierfutter zu machen. „Das mache ich dann, so lange es eben geht.“

Derzeit baut er ein Häuschen im Neubaugebiet als Altersitz. Sicher wisse er, dass der Hof in der vierten Generation in Familienbesitz sei. Aber er vermute, dass seine Vorfahren noch länger hier angesiedelt waren. Im Herbst endet die landwirtschaftliche Ära mit Ernst Densborn, dem letzten Landwirt in Wengerohr.

Worauf er sich in seinem Ruhestand am meisten freut? Densborn lächelt verschmitzt. „Mit dem Fahrrad durch die Gegend zu fahren und anderen bei der Arbeit zuzugucken.“

 Ernst Densborn verkauft den Hof in Wengerohr.
Ernst Densborn verkauft den Hof in Wengerohr. FOTO: Michaela Hellmann