Der "Führer” als Flasche

Der "Führer” als Flasche

BERLIN. Alessandro Lunardelli hat sich eine sehr spezielle Marktnische gesichert: Der Winzer aus Friaul verkauft erfolgreich Flaschen mit Hitler-Etikett. Und stört sich wenig an den Protesten, die er damit vor allem in Deutschland auslöst.

Ach, Italien. Als hätten wir nicht schon genug bilaterale Missklänge. Man denke nur an das bizarre Humorverständnis von Ministerpräsident Silvio Berlusconi oder an die schneidigen Sprüche seines Ex-Staatssekretärs Stefano Stefani über germanische Touristen. Jetzt verursacht auch noch ein Winzer aus Friaul Probleme auf höchster politischer Ebene. Denn Alessandro Lunardelli genehmigt sich eine "historische" Weinserie - und packt ungeniert den Führer aufs Etikett. In einem Dutzend Varianten. Das allein wäre schon schauderhaft genug - aber Lunardelli produziert auch noch einen "Hitler-Grappa" und den, Zitat, "Prosecco vom Führer". In Deutschland dürfen die Flaschen mit dem Konterfei des größenwahnsinnigsten Antialkoholikers aller Zeiten nicht verkauft werden. Dafür stehen sie aber entlang der teutonischen Touristen-Routen in zahlreichen Tankstellen-Regalen. Auch im benachbarten Belgien wurden sie bereits auf Krammärkten gesichtet. Laut Eigenwerbung bringt der Winzer auf diese Weise rund 30 000 Hitler-Flaschen jährlich unters Volk. Lunardelli hat sie (fast) alle: Hitler, Himmler, Hess, Göring, Rommel. Und findet nichts dabei. Das seien doch alles historische Persönlichkeiten, wie könne man sich da nur aufregen? Zumindest darf man sich fragen, welcher Geist mit diesen Flaschen herauf beschworen werden soll. Und was dann Eva Braun auf einem der Etiketten zu suchen hat. Offenbar muss die welthistorische Bedeutung der Führer-Gefährtin neu bewertet werden. Kurzum: Das Ganze riecht verdächtig nach Etikettenschwindel, der zudem viele Opfer und ihre Familien verletzt. Der Winzer wirbt indessen auch auf seiner Internet-Seite tüchtig für die "Historische Linie". Zitat aus der heftig holpernden deutschen Version (samt Fehlern): "Dank dieser Erfindung, die aus der Flaschenabfüllung von wertvollen Weinen in Flaschen, die die Etiketten, die das Leben von berühmten Menschen der italienischen und weltweiten Geschichte, wie Che Guevara, Churchill, Francesco Giuseppe, Gramsci, Hitler, Marx, Mussolini, Napoleone und Sissi, tragen, besteht, hat der Weinbetrieb Alessandro Lunardelli die Aufmerksamkeit der Kommunikationsmittel in den ganzen Welt sowohl für die Originalität der Idee als auch für die Qualität der Produkte gewonnen." Das ist nicht nur eine todesmutige Satzkonstruktion. Es ist vor allem auch eine gewagte Auslegung der Berichterstattung in den internationalen Medien ("Kommunikationsmitteln"). Dort war wenig zu lesen oder zu hören von der "Qualität der Produkte", aber viel von der Fragwürdigkeit ihrer Etikettierung. "Verwerflich und geschmacklos" lautet auch das Urteil der deutschen Justizministerin Brigitte Zypries. Sie hat inzwischen - aufgescheucht durch einen Bericht des ARD-Magazins "Kontraste" - bei ihrem römischen Amtskollegen Roberto Castelli Protest eingelegt. Auch Otto Schily und Wolfgang Clement schickten Schreiben an ihre italienischen Pendants. Inzwischen, berichtet Brigitte Zypries' Pressesprecherin Eva Schmierer auf TV -Anfrage, habe die Ministerin ein Gespräch mit Roberto Castelli geführt: Er habe ihr dabei "die italienische Rechtslage verdeutlicht" und versprochen, sich um die Sache zu kümmern. "Es soll wohl demnächst auch eine Debatte im italienischen Parlament geben."