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Ex-Bundesminister Heiner Geißler kritisiert bei Mai-Kundgebungen in Trier die Wirtschaft

Ex-Bundesminister Heiner Geißler kritisiert bei Mai-Kundgebungen in Trier die Wirtschaft

Er zeichnet ein Bild von der Gesellschaft, das kein gutes ist: Heiner Geißler hat bei der Mai-Kundgebung in Trier die Wirtschaft und die Politik attackiert. Die Worte des 86-Jährigen überraschen viele, die ihn früher kritisch sahen.

Der Wind bläst kräftig über den Kornmarkt, es ist bitterkalt. "Bestimmt sagt der Geißler bei dem Wetter ab", lästert eine Frau, die bei der Mai-Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Trier steht. Doch sie irrt. Nur Minuten später taucht Geißler auf, wenn auch angeschlagen. "Ich dürfte eigentlich gar nicht hier stehen, weil ich ziemlich erkältet bin", meint der 86-Jährige und zieht sich seine Mütze da noch tief ins Gesicht.

Doch Bergsteiger Geißler trotzt der Kälte. Denn er hat was zu sagen. Dabei ist es gar nicht so lange her, dass der einstige CDU-Generalsekretär und Bundesminister bei Gewerkschaften heftig umstritten war. Ein echter Wadenbeißer sei Geißler früher gewesen, der oft harte Attacken gegen linke Meinungen gefahren habe, sagt DGB-Regionsgeschäftsführer Christian Schmitz. "Vor 20 Jahren hätte ich ihn eher nicht eingeladen."

In Trier zeigt Geißler, warum er inzwischen ein gefragter Gesprächspartner der Gewerkschaften ist. Denn der 86-Jährige schlägt sich auf die Seite der Arbeiter und greift die Wirtschaft an. Reiche Unternehmen kritisiert er dafür, Flüchtlingsbewegungen erst zu verursachen, indem sie Bodenschätze in Afrika ausbeuten. Die Agenda 2010 der SPD-Regierung sei ein historischer Fehler gewesen, weil Arbeitslose plötzlich wie Schwerverbrecher behandelt würden. Die Trennung in gesetzliche und private Krankenversicherung prangert Geißler an, "weil die Finanzkraft der Stärkeren den Schwachen fehlt". Frauen hält er immer noch für "schikaniert und ausgebeutet".

Und auch die Debatte um wacklige Renten ist für ihn nur "künstliche Angstmacherei". Denn: "Ob die Renten sicher sind, hängt nicht davon ab, ob genügend Deutsche geboren werden, sondern davon, ob es in 20, 30 Jahren genug Arbeitsplätze im Land gibt. Das ist Aufgabe der Wirtschaftspolitik."

Das vernichtende Urteil, das Geißler fällt: "Die Solidarität im Land ist gefährdet - zwischen Arm und Reich, Jung und Alt, Deutschen und Ausländern, Mann und Frau." Es sind Worte, die Klaus Schiffgen gefallen. Der Trierer verfolgt die Rede Geißlers mit Verwunderung. "Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass ich ihn mal gut finden würde", sagt der 58-Jährige, der so ausdrückt, wie eng Geißler bei den Positionen der Gewerkschaften liegt. Der prominente Politiker hält das aber offenbar nicht für einen Wandel, wie er mit einem Lächeln andeutet. "Die wenigsten Menschen wissen, dass ich schon seit 1967 Gewerkschaftsmitglied bin."Extra

DGB-Regionsgeschäftsführer Christian Schmitz warnte vor mehr als 350 Besuchern bei der Kundgebung in Trier vor einem Rechtsruck in der Gesellschaft, der das offene Europa gefährde. "Schließen die Grenzen nochmal, gehen bei uns die Lichter aus. Wir sind durch die Nähe zu Luxemburg die wirtschaftlich am besten integrierte Region. Und Pendler wollen nicht an irgendwelchen Grenzposten 20, 30 Minuten warten." Der Tag der Arbeit verlief in Trier friedlich, in anderen Städten gab es Ausschreitungen. In Zwickau etwa störte eine Gruppe Rechter am Sonntag den Auftritt von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) mit Trillerpfeifen und Buh-Rufen. In Plauen kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen von Linken und Rechtsextremen mit der Polizei. Mehrere Menschen wurden verletzt. In Hamburg griffen etwa 100 Autonome nach der DGB-Abschlusskundgebung die Polizei an. Beamte wurden unter anderem mit Flaschen beworfen. flor/dpa