Leichtes Spiel für Autoknacker: Neue Komfort-Schließsysteme sind nach ADAC-Angaben unsicher

Leichtes Spiel für Autoknacker: Neue Komfort-Schließsysteme sind nach ADAC-Angaben unsicher

Mehrere Hunderttausend Autos in Deutschland haben eine Sicherheitslücke. Die Keyless-Schließsysteme von Modellreihen wie beispielsweise Audi A 4 oder Renault Traffic sind anfällig für die Attacken von Kriminellen. Einen richtigen Schutz gibt es noch nicht, die bisherigen Sicherheitsempfehlungen wirken eher hilflos.

Der moderne Autodieb rückt nicht mehr klassisch mit Hammer, Schraubenzieher oder Zange an, sondern setzt auf Elektronik. Damit trickst er komfortable Öffnungsmechanismen aus, die immer beliebter werden. Die Rede ist von den sogenannten Keyless-Go-Systemen. Mit ihnen können die Fahrzeugbesitzer ihr Auto öffnen und starten, ohne den Schlüssel aus der Hosen- oder Handtasche nehmen zu müssen. Besonders betroffen sind nach Angaben von ADAC-Sprecher Christian Buric Neuwagen aus dem Premiumsegment. "Sie seien zu 90 Prozent mit dieser Funktechnik ausgestattet." Diese Entwicklung passt so gar nicht in die Strategie des Verbandes der Autoindustrie (VDA) in Deutschland. Eckehart Rotter von der Lobby-Organisation verweist lieber darauf, dass die Autos in den vergangenen Jahren deutlich sicherer geworden seien.

Nur ein kleiner Trost

In der zuletzt verfügbaren Polizeilichen Kriminalstatistik sei ables bar, dass sich die bundesweiten Diebstahlzahlen 2014 auf dem niedrigsten Wert der vergangenen vier Jahre befänden. Daran sei zu erkennen, dass die Hersteller massiv in den Schutz ihrer Fahrzeuge investiert hätten. Für Besitzer von Autos mit den Keyless-Go-Schlüsseln ist das jedoch nur ein kleiner Trost. Denn die Diebe nutzen eine Sicherheitslücke aus, die bisher noch nicht von Herstellerseite geschlossen werden kann. Dabei wird das Signal, das der elektronische Schlüssel ständig mit einer Reichweite von mehreren Metern aussendet, einfach verlängert. Die Täter stellen dafür einfach einen tragbaren Funkverstärker an der Haustür ihres Opfers ab. Der nimmt das Signal auf und verstärkt es. Es wird mit Hilfe eines weiteren Geräts am Auto empfangen, das den richtigen Code vortäuscht. Das Auto lässt sich nun öffnen und starten, Wegfahrsperre und meist auch Alarmanlage werden deaktiviert. "Die Autohersteller sind in der Pflicht. Wie alle Schließsysteme müssen auch diese gegen Hard- und Software-Angriffe sicher sein", fordert Burkhard Böttcher vom ADAC.

Der Autoclub hatte zuletzt einen Test veröffentlicht, wonach mit einer selbst gebauten Funk-Verlängerung 20 unterschiedliche Modelle verschiedener Hersteller sekundenschnell geöffnet werden konnten. "Dabei werden keine sichtbaren Einbruchs- und Diebstahlspuren hinterlassen." Das macht es für den Autobesitzer schwer, der seiner Versicherung beweisen muss, dass ein Diebstahl vorliegt. Nach Angaben von ADAC-Sprecher Buric gibt es noch ein weiteres Problem mit der versicherungsrechtlichen Einschätzung. "Denn zurzeit liegen noch keine Urteile zu Keyless-Diebstählen vor, so dass auch deshalb eine Einschätzung schwierig ist." Das könnte sich schon bald ändern. Denn nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) in Mainz häufen sich seit dem vergangenen Jahr die Diebstähle von hochwertigen PKW unterschiedlichster Hersteller, die mit Keyless-Systemen ausgestattet sind. Allein im Sommer 2015 wurden fünf Fälle in Rheinland-Pfalz registriert. Drei im Bereich des Polizeipräsidiums Koblenz, zwei im Bereich des Polizeipräsidiums Mainz. Die Zahl dieser Diebstähle dürfte auch in diesem Jahr weiter zunehmen, denn noch haben die Hersteller keine Lösung gefunden. Ein Porsche-Sprecher sagte der Deutschen Presse Agentur, die Volkswagen-Tochter sei in Gesprächen mit den Behörden und den Verbänden.

Nur wenig Hoffnung

Er machte aber wenig Hoffnung, das Problem schnell in den Griff zu bekommen. "Es gibt kein schnelles Allheilmittel." Eine Sprecherin von Mercedes-Benz verweist darauf, dass das Problem bekannt sei und die Funktion auch ausgeschaltet werden könne. Ansonsten wirken die Tipps der Behörden und des ADAC für betroffene Autobesitzer eher hilflos. "Bewahren Sie Ihren Autoschlüssel in einem Metalltresor auf", empfiehlt etwa das LKA. Der Autoclub weist noch auf die Möglichkeit einer Funkabschirmung des Schlüssels mittels Metallfolie hin. Allerdings müsse zwingend geprüft werden, dass die Funktion dann wirklich inaktiv sei und sich das Fahrzeug trotz Anwesenheit des Schlüssels in der Metallfolie nicht mehr öffnen lasse.
Fünf Empfehlungen des Landeskriminalamts (LKA):

So funktioniert der Autoklau bei Fahrzeugen mit Keyless Schließsystemen. Foto: obs/ADAC

1) Fahrzeugschlüssel nicht in der Nähe von Eingangstüren, Fenstern usw. ablegen, um die "Abstrahlungssicherheit" zu gewährleisten.
2) Fahrzeugschlüssel zu Hause, wenn möglich, in einem Schlüsseltresor aus Metall aufbewahren.
3) Fahrzeugschlüsselmäppchen mit spezieller Sicherheitsfolie, z. B. "Cryptally-Folie", verwenden.
4) Eine weitere Option ist das Einwickeln des Fahrzeugschlüssels in Alufolie.
5) Wählen Sie den Abstellplatz Ihres PKW sorgfältig aus: Nutzen Sie Ihre Garage (abschließen nicht vergessen) bzw. Parkplätze/-häuser mit Videoüberwachung.

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