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Politik SPD-Neujahrsempang Kevin Kühnert Konz Juso-Bundesvorsitzender

SPD-Neujahrsempfang : Kevin Kühnert spricht in Konz Klartext

Weg vom „Arbeitsfetisch“ und eine bessere Verteilung des Wohlstands: Der Juso-Bundesvorsitzende reißt die regionalen Genossen mit.

Sie sind alle gespannt auf Kevin Kühnert, den rebellischen Jung-Star der SPD. Auf jenen politischen Hoffnungsträger, der die große Koalition Angela Merkels mit seiner NoGroKo-Kampagne fast zu Fall gebracht hätte. Zum Neujahrsempfang der Konzer SPD hat Ortsvereinschefin Ute Walter den Juso-Vorsitzenden eingeladen, weil er „klare Kante spricht“. Die Aussicht auf klare Kante kommt in Konz gut an. Dicht drängen sich die Genossen und auch Vertreter anderer Parteien unter der verzierten Stuckdecke des Festsaals im Kloster Karthaus. Die 92-jährige Edith Centner ist aus der Nachbarstadt angereist. „Ich möchte die neue Hoffnung der SPD sehen“, sagt Centner, die seit mehr als 50 Jahren Parteimitglied ist. Sie hofft auf die Jugend, auf einen „Aufbruch in eine andere Zeit“.  „Eine Erneuerung von unten ist notwendig“, sagt auch Alexander Gernert, mit 22 einer der jüngsten Anwesenden. Das größte Problem sei die Überalterung der Partei. Und schaut man sich im Saal um, so zeigt sich, dass tatsächlich nur sehr wenige im Alter des Festredners sind.

Über die Groko verliert der 29-Jährige Kühnert kein Wort. Auch nicht über Parteiinterna. Zu Beginn 2019 stehe die SPD mit 15 Prozent da. Da interessiere es niemanden, wer der nächste SPD-Kanzlerkandidat werde. Kühnert ruft dazu auf, lieber Politik zu machen. Der Rechtsruck in Deutschland, Arbeit, Ausbildung und Gerechtigkeit sind Themen, bei denen er will, dass sich was ändert.

Dass es zu dem Rechtsruck kam, führt er auf Fehler zurück, die 2008 gemacht wurden. „Wir haben die Krise nicht dazu genutzt, eine Diskussion darüber zu führen, wie wir Wohlstand halten und gerecht verteilen können.“ Die Unsicherheit sei keine praktische gewesen. Schließlich gab es keine Massenarbeitslosigkeit, „aber es gab viele, die sich erinnern, dass der Fahrstuhl ganz schnell nach unten gehen kann“. Statt darüber zu reden, wie man Menschen diese Unsicherheiten nehmen, wie man Wohlstand gerecht verteilen könne, habe Deutschland den Raum offengelassen für die Diskussionen von rechts.  Die großen Parteien vermittelten vielen Menschen nicht mehr den Eindruck, in der Lage zu sein, Ungerechtigkeiten abzuschaffen. „Wir müssen aufarbeiten, wo wir als SPD in den letzten 20 Jahren falsch abgebogen sind“, sagt der Jungsozialist.

Zuallererst sei dafür zu sorgen, dass Menschen in Arbeit bleiben können, am besten unter Tarifbedingungen. „Und wir müssen auch bereit sein, Arbeit umzuverteilen.“ Es könne nicht sein, „dass wir jedes Jahr zwei Milliarden Überstunden ableisten und immer noch Menschen ohne Beschäftigung haben“. Viele  Männer würden gerne weniger arbeiten, viele Frauen lieber mehr. Puzzleteile, die bestens zusammenpassten. Es müsse aber der politische Wille da sein, das zu organisieren. „100 Jahre nach der Einführung des Acht-Stunden-Tages wäre es Zeit, darüber zu sprechen, ob wir nicht ein wenig von dem Arbeitsfetisch runterkommen können, um mehr Raum für das zu geben, was neben der Arbeit wichtig ist.“

Kühnert kritisiert, dass befristete Arbeitsverträge Alltag sind, dass junge Menschen in manchen Berufen noch Geld mitbringen müssen, um sich ausbilden zu lassen. Und er fordert mehr Geld für Auszubildende. „Dass heute Leute in der Ausbildung mit 300 oder 400 Euro nach Hause gehen, das ist beschämend, daher fordern wir eine Mindestvergütung von 635 Euro im Monat.“

Kühnert ruft seine Zuhörer auf, in Gewerkschaften einzutreten. Er wünscht sich eine eigene Grundsicherung für Kinder und spricht sich gegen Hartz-IV-Sanktionen aus, die dazu führen, dass Menschen ihre Wohnung verlieren. Ein Sozialstaat dürfe nicht auf Rache sinnen.

Im Hinblick auf die bevorstehenden Europawahl im Mai – „die wichtigste, die wir jemals hatten“ – appelliert er, an die Urnen zu gehen. „Wir dürfen das Europäische Parlament nicht den Rechtsradikalen überlassen.“

Kühnert wünscht sich eine Politik, die „endlich wieder die Oberhand gewinnt über das, was in unserer Gesellschaft los ist“, die deutlich macht, „dass Mobilität und Wohnen keine Waren sind, sondern Grundrechte“ und dass der Wohnort „nicht darüber entscheidet, wie viel Zugang man dazu hat oder nicht“.

Langer Applaus und begeisterte Pfiffe folgen. Die Konzer SPD ist offenbar bereit, mit Kühnert Richtung Zukunft zu ziehen.