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"Es ist viel zu früh, sich auf einen Investor festzulegen"

"Es ist viel zu früh, sich auf einen Investor festzulegen"

Wie ECE-Manager Gerd Wilhelmus greift auch Michael Cornelius auf Fachliteratur zurück. Beim Gespräch mit TV-Redakteur Marcus Hormes zeigt Cornelius auf seinem Schreibtisch das Buch "Angriff auf die City" mit kritischen Texten zu Einkaufscentern.


Herr Cornelius, die ECE will nach eigener Aussage Partner der Städte und Gewerbevereine sein. Wie würden Sie auf eine Mitgliedsanfrage der ECE zur City-Initiative reagieren?
Michael Cornelius: Da sind Sie für mich zwei, drei Schritte zu schnell. Es steht derzeit eine Entwicklungsvereinbarung zwischen Stadt und ECE in der Luft. Ich halte es für viel zu früh, sich auf einen Investor festzulegen. Man sollte sich mit einer Bieterthematik befassen, wenn man Grundlagen geschaffen hat.

Dazu soll das geplante Strategische Entwicklungs- und Nutzungskonzept Innenstadt Trier 2025+ (Seni) dienen. Was hält die City-Initiative davon?
Cornelius: Wir stehen dem sehr positiv gegenüber. Man muss sich den Veränderungen am Markt anpassen. Auch ein Oberzentrum wie Trier muss sich weiterentwickeln, daran wollen wir mitarbeiten.

Der Entwurf der Entwicklungsvereinbarung sieht vor, dass die Stadt die ECE schon in der Untersuchungsphase unterstützt und keine Verhandlungen mit anderen Investoren führt. Ist das zu viel Exklusivität?
Cornelius: Das liegt in den Händen des Stadtvorstands und Stadtrats. Alle Investoren haben eine Historie. Man sollte sich schlaumachen: Was möchte wer? Das müssen die Verantwortlichen so abwägen, dass sie auf lange Sicht einen positiven Nutzen für die Stadt daraus ziehen.

Die Stadtverwaltung verweist auf die laut einer Studie rückläufige Kaufkraftbindung in Trier. Muss Trier angesichts stärkerer Konkurrenz in der Region und in Luxemburg künftig mehr bieten, um attraktiv für Kunden aus nah und fern zu bleiben?
Cornelius: Ja. Das Einzelhandelskonzept wird fortgeschrieben. Das heißt nicht, dass wir das Kind mit dem Bade ausschütten müssen, sondern qualifiziert überlegen, was das Beste für Trier ist. In welcher anderen deutschen Stadt gibt es drei Warenhäuser und noch so einen gepflegten, inhabergeführten Einzelhandel? Fahren Sie ins Ruhrgebiet und schauen Sie sich die uniformierten Städte an, die nur noch mit Filialisten gepflastert sind! Schauen Sie sich die uniformierten Einkaufscenter an!

Was zeichnet Trier aus?
Cornelius: Kultur, inhabergeführter Einzelhandel - die gesamte Atmosphäre dürfen wir nicht aus dem Fokus verlieren. Wenn wir uns zwei oder drei Jahre Zeit nehmen und dann entscheiden, wird das wohl jeder mittragen - Parteien, Verbände und Bürger.

Verbessern lässt sich ein Angebot ja immer …
Cornelius: Natürlich. Die ECE hat zum Beispiel die Bekleidungsmarke Hollister angeführt. Das wollen die Kinder heute, ebenso Apple. Auch wir haben früher Marken toll gefunden, von denen heute vielleicht kein Mensch mehr spricht. Zeitgeist ist da, um ihn zu entwickeln - aber mit Augenmaß.

Von der Porta Nigra ausgehend bilden die Warenhäuser Galeria Kaufhof und Karstadt den ersten Schwerpunkt der Fußgängerzone. Da wird spekuliert, dass sich etwas verändern könnte.
Cornelius: Das finde ich ganz schlimm. Stellen Sie sich vor, Sie wären bei diesen Firmen beschäftigt und müssten jeden Tag zur Arbeit gehen, wo Menschen, die mit diesen Unternehmen nichts zu tun haben, Ihnen erzählen, dass Sie keine Zukunftsperspektive haben. Ist das ein fairer menschlicher Umgang? Da bestehen Verträge!

Die ECE spricht davon, an beiden Enden der Fußgängerzone neue Akzente zu setzen. Würde der Bereich Neustraße davon profitieren, wenn ein neues Einkaufscenter im Bereich Europahalle Kunden anlockt?
Cornelius: Ich habe keine Glaskugel. Es gibt aber Möglichkeiten, das aus anderen Städten zu erfragen. Wo ein Center in der Hundeknochenform angesiedelt ist, müssen die Menschen aus diesem Gebäude nicht heraus.

Hundeknochen?
Cornelius: Das bedeutet: ein Ankerunternehmen vorne, eines hinten, dazu ein Parkhaus. Ich muss nur noch reinfahren und durch die 100 Geschäfte gehen. Warum soll ich denn dann raus? Warum sollte der umliegende Handel davon profitieren?
Das hängt auch davon ab, welche Zielgruppen angesprochen werden.
Die City-Initiative strebt an, die Innenstadt qualitativ aufzuwerten. Wie wollen Sie das erreichen?
Cornelius: Wir müssen attraktive Sitzmöglichkeiten schaffen. Wir brauchen Spielflächen für Kinder, um als Familieneinkaufsstadt wahrgenommen zu werden. Es gibt Themen wie Innenstadtbeleuchtung, Abfallkörbe und Ähnliches. Das sind Kleinigkeiten, die viel Geld kosten.

Worauf kommt es beim Prüfen des Vertragsentwurfs mit ECE an?
Cornelius: Zum Beispiel darauf, was der Region guttut. Wer baut ein solches Center? Sind es Unternehmen aus der Region oder kommen sie von ganz woanders her?

Gibt die Stadt das Zepter schon dadurch aus der Hand, dass sie ausschließlich mit einem Investor zusammenarbeitet?
Cornelius: Die Frage ist: Wie viel übernimmt der eine, wie viel der andere? Es heißt Stadtentwicklung, also ist das Sache der Stadt! Oberbürgermeister Klaus Jensen hat gesagt: Es geht um eine Quartiersentwicklung, unter anderem mit Wohnen und Kultur. Aber bisher ist das nur die Überschrift, der Inhalt heißt: Einkaufscenter.

Käme die Stadt aus der Nummer heraus, wenn sie nach den Untersuchungen doch kein Einkaufscenter von der ECE wollte?
Cornelius: Ich finde es gut, dass es ein offener Prozess sein soll. Die Stadt muss irgendwann sagen können: Wir sind an einem Punkt, wo wir nicht mehr weitermachen wollen. Und zwar ohne große Anstrengungen, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Sonst droht eine teure Gutachtenschlacht, bis einer keine Luft mehr hat. Wenn die Rahmenbedingungen stehen, kann sich die Stadt mit interessierten Investoren an einen Tisch setzen. Warum soll es Wettbewerb nur unter den Händlern geben und nicht unter den Investoren?

Befürchten Sie als Folge eines weiteren Einkaufscenters Leerstände in der City?
Cornelius: Das glaube ich nicht. Die Frage ist nur: Wie sieht die Qualität aus? Gibt es dann immer mehr Ein-Euro-Läden und Billig-Textilfilialen? Gibt es attraktive Geschäfte dann nur noch in den Centern? Das ist Spekulation. Die Stadt sollte sich jedenfalls Zeit nehmen und nicht innerhalb weniger Wochen entscheiden. Es geht um so viel Geld und so viel Nachhaltigkeit über die nächsten Jahrzehnte! Die Stadt sollte also alles umfassend prüfen und jedenfalls nicht überhastet entscheiden.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit der ECE gemacht?
Cornelius: Ich selbst habe eine kurze Zeit bei der ECE gearbeitet. Das ist ein hochprofessionelles Unternehmen mit klarem Fokus und ganz schlauen Köpfen. Ich war auch als Geschäftsleiter in unterschiedlichen Unternehmen in einem Center drin. Nicht viele Unternehmen aus einer Region können sich eine Centermiete plus Werbekostenzuschuss pro Quadratmeter leisten. Daher sind überwiegend Filialunternehmen dabei.

Was können die Trierer Einzelhändler und Politiker tun, um eine fundierte Entscheidung vorzubereiten?
Cornelius: Wir alle müssen uns in die Thematik reinfuchsen. Ich kann nur dafür plädieren, sich umfassend zu informieren, rauszufahren, sich neue Center wie zum Beispiel in Koblenz anzuschauen. Wird es so angenommen, wie man es haben wollte? Wie haben sich ältere Center entwickelt? Bei einer Quartiersentwicklung muss ein Center eingebunden werden und soll nicht als separates Gebäude erkennbar sein. Man soll nicht zehn Jahre später sagen: Was ist das für eine Bausünde!

Was machen Sie, wenn Ihr Arbeitgeber SinnLeffers gerne in ein neues Center möchte?
Cornelius: Wir sind an verschiedenen Standorten in Centern drin. Sie sind in der Regel autonom. Kunden wissen, wo sie was finden, und haben kurze Wege. In einem Center ist es mir gleich, ob es draußen stürmt oder schneit. Drinnen brauche ich nicht mal eine Jacke anzuziehen. Es gehört zu einer Attraktivitätssteigerung einer Stadt, sich damit zu befassen. Wir haben in Trier schon das Alleencenter am Hauptbahnhof, die Trier-Galerie in der Fleischstraße und drei Warenhäuser.

Inwiefern spielt die Art des Centers eine Rolle?
Cornelius: Ein typisches Shoppingcenter führt die Kunden über einen großen Schlund hinein und über einen kleinen hinaus. Im Gegensatz dazu ist eine echte Galerie zu allen Seiten offen. Ich kann durchlaufen, sie passt sich in ein Stadtbild ein. Eine Galerie liegt meistens mittendrin, so wie die Trier-Galerie. Wenn sie sich in ein Stadtbild einbettet, ist das interessant.
Wie sollte die Stadt Ihrer Meinung nach weiter vorgehen?
Cornelius: Trier braucht eine neutrale Erhebung, wo keine Partei dabei ist, die ein wirtschaftliches Interesse daran hat. Der Prozess kann sehr schnell emotional werden. Deshalb muss es eine sachlich begründete Entwicklung geben. Das Ergebnis der Untersuchungen könnte dann lauten: Wenn ihr attraktiver werden wollt, müsst ihr dies und jenes erfüllen. Und wenn ihr über eine weitere Flächenansiedlung nachdenkt, kann die nur in diesem oder jenem Viertel stattfinden.

Was raten Sie dem Stadtvorstand und Stadtrat?
Cornelius: Ich möchte keinen Rat aussprechen. Ich möchte einfach nur sagen: Schaut genau hin, was ihr unterschreibt. Lest es drei Mal. Guckt euch euren Passus an und den Passus des anderen. Wer hat den einfachen Part und wer geht in die höhere Vorleistung? Es ist eine der größten Investitionen in dieser Stadt. Das muss mit dem richtigen Augenmaß geschehen. Behaltet die Führung als Stadtvorstand, Steuerungsausschuss und Rat. Lasst die wichtigen Menschen sich am Prozess beteiligen, damit es für Trier die richtige Entscheidung wird.

Steht für Trier denn so viel auf dem Spiel?
Cornelius: Trier ist so eine interessante Stadt, mit großem Einzugsgebiet und Nähe zu Luxemburg. Trier hat sich über Jahrzehnte im Bereich Service einen sehr guten Ruf erarbeitet. Hier stimmt der Mix zwischen Kultur, Handel und dem ganzen Drumherum. Deshalb ist es umso wichtiger, sich bei einer solchen Entscheidung die nötige Zeit zu nehmen, es genau zu prüfen und zu hinterfragen.Extra

Michael Cornelius ist seit Mai 2012 Vorsitzender der City-Initiative Trier mit 180 Mitgliedern. Seit März 2011 leitet er die Trierer Filiale von SinnLeffers mit 75 Mitarbeitern an zwei Standorten in der Stadt. Der gebürtige Bochumer ist 41 Jahre alt und lebt mit Frau und zwei Söhnen in Ayl (Verbandsgemeinde Saarburg). cus