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Flüchtlingsarbeit in Trier: Sprache bleibt der Schlüssel

Flüchtlingsarbeit in Trier: Sprache bleibt der Schlüssel

Durchatmen und Weitermachen: Der große Andrang von Flüchtlingen ist zwar vorbei. Damit endet für die Akteure in Trier aber nicht die Arbeit. Nun geht es vor allem um die Integration der Menschen. Schlüssel dafür ist die Sprache.

Bild mit Symbolcharakter: Im Ankunftszentrum Trier wird über Asylanträge von Flüchtlingen entschieden. Die Zahl der abgeschlossenen Verfahren nimmt zu. Foto: Rainer Neubert

Es kommen weniger Flüchtlinge nach Deutschland. Auch in Trier ist das zu spüren. Weniger als 15 Menschen muss die Stadt derzeit wöchentlich neu versorgen. Das gelingt besser als vor einem Jahr, als die Stadtverwaltung erstmals Wohnungen für Asylbegehrende stellen musste. In den Jahren davor hatte die Zentrale Aufnahmeeinrichtung des Landes die Unterbringungsquote für die Stadt erfüllt.

"Es gab damals keine Strukturen", erinnert Oberbürgermeister Wolfram Leibe bei der Eröffnung der Fachkonferenz in der Europäischen Rechtsakademie an die schwierige Situation. Dort ziehen an diesem Tag mehr als 100 professionelle und ehrenamtliche Akteure in der Flüchtlingsarbeit eine Zwischenbilanz und diskutieren Perspektiven. "Alle haben einen guten Job gemacht, aber die Integration beginnt jetzt", gibt der Oberbürgermeister ihnen als Arbeitsauftrag.
Zu besprechen gibt es viel, denn die Situation in der Stadt hat sich verändert: Zwar kommen immer noch Menschen auf der Flucht, vor allem aus Syrien und Afghanistan. Der vermeintlich sichere Balkan spielt bei den Neuankömmlingen aber keine Rolle mehr. Anders sieht das bei Abschiebungen aus. Mehr Bescheide dazu und wöchentlich 20 Anerkennungen sind Anzeichen dafür, dass die personelle Aufstockung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und das Ankunftszentrum auf dem Petrisberg Wirkung zeigen.

Für die Flüchtlingsarbeit hat das Konsequenzen. Das oft improvisierte Reagieren auf immer mehr Menschen weicht einem koordinierten Agieren. So scheint auch der Notstand bei der Unterbringung beendet. 200 Wohnungen hat die Stadt angemietet. Zudem gibt es Sammelunterkünfte in der Jägerkaserne (Trier-West), im Burgunderviertel (Neu-Kürenz) und in der ehemaligen Geschwister-Scholl-Schule (Trier-Nord). Hans-Werner Meyer, Amtsleiter Soziales und Wohnen, spricht sogar von einem Puffer.

"Die ehemalige Schule Unter Gerst in Ehrang werden wir nicht als Gemeinschaftsunterkunft in Betrieb nehmen", kündigt er an. Die ausgestatteten Räume sollen nun für andere Zwecke genutzt werden. Ein Stadtteilbüro für Flüchtlinge ist geplant. Im Gespräch ist auch das Thema Kinderbetreuung.

Gemeinschaftsunterkünfte wird es in Trier vorläufig zwar weiterhin als Übergangslösung geben. Die dezentrale Unterbringung bietet aber nach Ansicht aller Experten die besten Voraussetzungen zur Integration der Menschen. Carste? n Stumpenhorst (Diakonie): "In Zukunft kommen die Menschen als anerkannte Flüchtlinge mit einem Status, wie ihn jeder Bürger hat. Die Vernetzung in den Stadtteilen bietet eine große Chance."

Ruth Strauß ist für die Stadtverwaltung als hauptamtliche Flüchtlingskoordinatorin wichtige Akteurin bei der Vernetzung von Hilfsangeboten und Ehrenamt. "Wir haben eine große Vielfalt", sagt sie. In neun von 19 Stadtteilen gebe es bereits Willkommenscafés, fast alle auf Initiative ehrenamtlicher Helfer. "Ohne das Ehrenamt hätten wir dieses Jahr nicht so meistern können", ist Strauß überzeugt.

Für alle, die mit mehr als Sach- und Geldspenden helfen wollen, gibt es Schulungsangebote, zum Beispiel bei der Ehrenamtsagentur ( www.ehrenamtsagentur-trier.de ). Sie ist die zentrale nichtkirchliche Anlaufstelle. Caritasverband und Diakonie, Deutsches Rotes Kreuz und Malteser Hilfsdienst sind weitere Akteure in diesem und in anderen Bereichen der Flüchtlingsarbeit. Enge Zusammenarbeit ist angesagt.

Schlüssel und größtes Problem bei allem ist die Sprache. Im schulischen Bereich wird das Angebot kontinuierlich ausgebaut und zieht sich inzwischen von der Grundschule bis zum Gymnasium. Vor allem bei den Erwachsenen bremst aber der Mangel an Sprachdozenten noch bessere Erfolge. Dabei sind mangelhafte Sprachkenntnisse oft die größte Hürde, auch wenn es darum geht, Ausbildungsstelle oder Arbeitsplatz zu finden. "Wir brauchen auch bei der Sprache mehr Geduld mit den Flüchtlingen, sonst werden die Dinge scheitern", sagt Monika B? erger (Bürgerservice).

Geduld und Fürsorge - wie damit Integration? gelingen kann, zeigt sich am Beispiel der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die unmittelbar nach ihrer Ankunft intensiv betreut werden. Das geschieht zum Beispiel in der Einrichtung Don Bosco Helenenberg. Projektleiter Carsten Lang berichtet von hohen Erfolgsquoten bei Schulabschluss und Ausbildung. "Wenn wir etwas investieren, haben wir Erfolg."

www.fluechtlinge-in-trier.de

Die aktuellen Zahlen zu Asylbewerbern in der Stadt Trier:

Zuweisungen seit August 2015: 1302

Gesamtzahl Asylbewerber im Stadtgebiet: 673*

Übergang ins SGB II: 331 anerkannte Personen

Wöchentliche Zuweisung/Aufnahme: ca. 15 Personen

*Die Zahlen unterliegen ständigen Schwankungen aufgrund freiwilliger Ausreise, Rückführung, Wechsel ins SGB II (Anerkennung), etc.
*inklusive Altfälle

Quelle: Amt für Soziales und Wohnen, Trier

Kommentar:

Lernen müssen beide Seiten

Von Rainer Neubert

Leben statt überleben - lernen statt anpassen - selbstbestimmt Leben durch Arbeit. Mit diesen drei Halbsätzen hat Sozialdezernentin Angelika Birk bei der Fachtagung beschrieben, was für Flüchtlinge und Helfer gleichermaßen als Maßstab gelten kann. Der Weg zum selbstbestimmten Leben ist allerdings weiter, als viele vor einem Jahr gedacht haben.

Voraussetzung für jeden Schritt der Integration ist zwar nach wie vor das Beherrschen einer gemeinsamen Sprache. Eine größere Rolle als vermutet spielen allerdings die kulturellen Unterschiede, wenn es um das private und berufliche Zusammenleben geht. Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, auf beiden Seiten mehr Kenntnis und Verständnis für Verhaltensweisen, Traditionen und Regeln zu schaffen. Gelingen kann das, wenn noch mehr Einheimische Kontakt zu den neuen Mitbürgern suchen. Das Vertrauen muss wachsen. Eine zwanglose Möglichkeit dafür bieten die Willkommenscafés in den Stadtteilen.

Die Bilanz nach einem Jahr Flüchtlingsarbeit macht Mut. Trier ist bei der professionellen ebenso wie bei der ehrenamtlichen Arbeit gut aufgestellt - trotz, vielleicht sogar wegen der schwierigen bundespolitischen Rahmenbedingungen.