Hilfe, so geht es nicht weiter

Hilfe, so geht es nicht weiter

Mit einem Hilferuf wandte sich Familie Kirsche aus Trier an unsere Zeitung. Nach einer Zwangsräumung im August leben die beiden Hartz-IV-Empfänger mit ihren minderjährigen Kindern in einer städtischen Wohnung ohne Dusche. "Wir können nicht mehr", sagt die 39-jährige Jacqueline Kirsche.

Trier. "Ich möchte Archäologe werden", plappert Marvin und malt einen Pandabären. Was auf den ersten Blick wie eine alltägliche Szene einer Kindheit aussieht, ist keine. Nach einer Zwangsräumung vor zwei Monaten aus der 100 Quadratmeter großen Wohnung in Trier-Süd lebt die fünfköpfige Familie jetzt in einer städtischen Wohnung: 50 Quadratmeter, keine Dusche, ein zentraler Gasofen. Jacqueline und Stefan Kirsche beziehen Arbeitslosengeld II.

Marvin ist acht, Lea sechs Jahre alt. Der 17-jährige Bruder lebt seit dem Umzug nach Trier-West bei einem Freund. "Er wollte nicht mit. Es ist ein Alptraum", sagt seine Mutter. Wie es zu dieser Situation kam, darüber gehen die Schilderungen auseinander: "Die Arge (Agentur für Arbeit in Trier und der Stadt Trier) hat die Miete nicht wie vereinbart an den Vermieter gezahlt", behauptet Jacqueline Kirsche.

In einem Schreiben von Marita Wallrich, Geschäftsführerin der Arge, an den TV heißt es: "Der Arge kann eine sachgemäße Gewährung von Leistungen nicht abgesprochen werden." Die Kündigung und Räumung liege einzig und allein in der Verantwortung der Familie. Seitens der Arge könne nicht festgestellt werden, worauf sich die Mietschulden begründeten. Die monatliche Überweisung in Höhe von 711,29 Euro sei an den Vermieter vorgenommen worden. Lediglich im Juli sei eine geringere Überweisung erfolgt, räumt Wallrich ein. Mitte August sei die Familie aber durch eine Barauszahlung in die Lage versetzt worden, den offenen Betrag zu begleichen.

Und: Aufgrund von Mietstreitigkeiten sei die Miete Mitte November vergangenen Jahres vorerst eingestellt worden. "Frau Kirsche sollte die Arge innerhalb von zwei Wochen über den Sachstand des Mietverhältnisses unterrichten" erklärt Wallrich. Die Hartz-IV-Empfängerin habe die Arge erst im Februar informiert.

"Es sind definitiv Mietschulden entstanden", sagt der Vermieter, der namentlich nicht genannt werden möchte. Er hat die Minusbeträge, die von Januar 2007 bis August 2008 in fast allen Monaten aufgelaufen sind, aufgelistet. Laut Informationen zur Angemessenheit der Unterkunftskosten steht der Familie mit den beiden Kindern eine 85 bis 90 Quadratmeter große Wohnung zu. "Es handelt sich um eine Notunterkunft", sagt Hans-Werner Meyer, Leiter des Trierer Sozial- und Wohnungsamtes. Die Stadt habe nicht für jede Konstellation eine passende Wohnung parat. Die Familie habe schon viele Hilfeleistungen erfahren, sagt Sozialdezernent Georg Bernarding. "Wir werden weiterhin mit Familie Kirsche arbeiten, ihr aber auch zeigen, dass es so nicht geht", sagt der Dezernent. Er betont: "Es ist jetzt Aufgabe der Familie, sich eine andere Wohnung zu suchen."

"Wir können nicht mehr", klagt hingegen Jaqueline Kirsche. Sie leide unter Arthrose, Marvin an Morbus Perthes, Lea habe einen Herzfehler und ihr Mann sei wegen eines Bandscheibenvorfalls in Behandlung. "Und die Lebensmittelgutscheine reichen oft hinten und vorne nicht."

"In der Zeit von Februar bis August wurden Lebensmittelgutscheine im Wert von 471,55 Euro ausgestellt", sagt Marita Wallrich. Sanktionen, in Form von Leistungskürzungen, beruhten auf Nichterscheinen zu Melde- und Beratungsterminen.

"Weshalb gerade in der finanziell prekären Situation trotz Kenntnis der Folgen eine solch mangelnde Mitwirkung vorliegt, ist unverständlich", sagt Wallrich. "Teilweise wusste ich von den Terminen nichts, und als meine Schwester gestorben war, musste ich mich um alles kümmern", sagt Jaqueline Kirsche und blättert in einem dicken Ordner mit amtlichen Schreiben. Und sie sagt: "Das Schlimmste ist, dass uns niemand zuhört."

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