Weiter Weg für Winzlinge

TRIER. Auch acht Frühgeborene der Intensiv-Kinderstation des Mutterhauses müssen wegen der Bombe evakuiert werden. Per Baby-Notarztwagen werden die sensiblen, winzigen Patienten nach Homburg, Saarbrücken und Wittlich gebracht.

Eigentlich dürfte Anton (Name geändert) erst in zwei Wochen geboren werden. Doch schon seit drei Monaten liegt der viel zu früh auf die Welt gekommene Winzling auf der Frühgeborenen-Intensivstation des Trierer Mutterhauses. In seinem Inkubator ist es 34,5 Grad warm, die Luftfeuchtigkeit beträgt 60 Prozent. Sein Herz schlägt 148 Mal pro Minute, über millimeterdünne Schläuche wird er mit Fetten, Aminosäuren und Flüssigkeit versorgt. Krause Stirn, schnelles Herz

Anton zieht die Stirn kraus, als wüsste er, dass etwas nicht stimmt. "Der Transport bedeutet für die Frühgeborenen Stress", sagt Oberarzt Christoph Block, "und damit auch ein gewisses Risiko". Anton ist einer von acht Frühgeborenen der Kinder-Intensivstation, die evakuiert werden müssen. Schon am Donnerstag - als klar war, dass die Klinik wegen der Bomben-Entschärfung geräumt wird - haben Ärzte und Schwestern der Station für ihre Schützlinge Plätze in anderen Krankenhäusern gesucht. Hilfezusagen aus Homburg an der Saar, Wittlich und Saarbrücken kamen schnell. Nicht nur in Trier, auch in Homburg verzichten Ärzte auf ihre Freischichten, um die Frühchen zu betreuen. Der Baby-Notarztwagen ist bei der Trierer Feuerwehrwache stationiert. Ausschließlich Inkubatoren, die hoch technischen Brutkästen, können mit ihm transportiert werden. Alle drei bis vier Tage ist er im Einsatz, um Frühgeborene aus Gerolstein, Prüm, Saarburg oder aus Krankenhäusern in Trier abzuholen und ins Mutterhaus zu bringen. Für neun Uhr war der Baby-Notarztwagen bestellt, um Anton nach Homburg zu bringen. Um 9.20 Uhr fragt Oberärztin Andrea Czoska telefonisch nach. Die Feuerwehr hat am Tag vor der größten Evakuierung in Trier nach dem Zweiten Weltkrieg so viel zu tun, dass Absprachen nicht minutengenau eingehalten werden können. Dann sind die beiden Sanitäter endlich da. Vorgeheizt ist der rund 30 000 Euro teure Transport-Inkubator bereits. Jetzt müssen die Versorgungsschläuche und Flaschen umgebaut werden. Die Sensoren, die Atmung, Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffsättigung kontrollieren, werden mit den mobilen Überwachungsgeräten verbunden. Eine Pressluft- und eine Sauerstoffflasche versorgen Anton auf dem Transport mit Atemluft. Schwester Nicole nimmt das 3500 Gramm leichte Baby aus seinem Bettchen und legt ihn in den Transport-Inkubator. "Du musst nicht in den OP, keine Angst", flüstert die Schwester. Das kleine Herz schlägt schnell, die Frequenz steigt kurz auf 168, geht aber schnell auf 150 zurück. "Das ist völlig normal für sein Alter und Gewicht", sagt Oberarzt Block. Stiege die Frequenz dauerhaft an, wäre das ein Zeichen für Stress oder Schmerz. Nicole träufelt Anton eine Glukose-Lösung in den Mund und gibt ihm einen Mini-Schnuller. Der süße Geschmack und das Saugen beruhigen. Dann geht es los: Aus der vierten Etage per Aufzug ins Erdgeschoss, von dort in die Garage, in der der Baby-Notarztwagen wartet. Die Sanitäter schieben den Inkubator in den Wagen, Oberärztin Czoska schließt Anton an das im Wagen installierte Sauerstoffgerät an. Alles OK. Czoska und Schwester Nicole setzen sich neben Antons Bettchen, um ihn nach Homburg zu begleiten. In wenigen Tagen steht Anton die gleiche Prozedur noch einmal bevor. "Spätestens am Dienstag wollen wir unsere kleinen Patienten wieder bei uns haben", sagt Block.